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F.A.Z. exklusiv : Viele Bürger überschätzen die Arbeitslosigkeit stark

Da entlang geht’s zum Jobcenter – doch wie viele Menschen dorthin tatsächlich gehen, das überschätzen die Deutschen dramatisch. Bild: dpa

Die Arbeitslosigkeit sinkt – doch viele Bürger überschätzen die Arbeitslosigkeit dramatisch. Zwei von fünf Deutschen meinen, die Arbeitslosigkeit betrage mehr als 20 Prozent. Darunter sind viele Anhänger von Protestparteien.

          Ist die Arbeitslosigkeit in Deutschland etwa viel höher als die amtliche Statistik zeigt? Diese Botschaft verbreitet seit Jahren nicht zuletzt die Linkspartei. Es sei „Zeit zu handeln, statt zu tricksen“, kommentierte sie den jüngsten Rückgang der amtlich gemessenen Arbeitslosenzahl auf 2,2 Millionen und eine Quote von 4,9 Prozent im April.

          Dietrich Creutzburg

          Wirtschaftskorrespondent in Berlin.

          Tatsächlich finden solche Sichtweisen offenbar in wachsenden Bevölkerungskreisen ihren Widerhall. Einer neuen Studie zufolge überschätzen viele Bürger das Ausmaß der Arbeitslosigkeit, gemessen an den offiziellen Zahlen, sogar geradezu dramatisch: Nicht weniger als 40 Prozent der Deutschen schätzen die Arbeitslosenquote demnach auf mehr als 20 Prozent.

          Die Studie aus dem arbeitgebernahen Institut der deutschen Wirtschaft (IW) unter dem Titel „Einschätzungen zur Arbeitslosigkeit: Unwissen befördert systemisches Misstrauen“ liegt der F.A.Z. vorab vor. Anhand einer Analyse von Befragungsdaten rückt sie die häufige Kritik an „geschönten“ Statistiken in größere Zusammenhänge.

          Die Ergebnisse im Kern: Die Höhe der Arbeitslosigkeit wird in der Bevölkerung nicht nur stark überschätzt, seit einiger Zeit nimmt auch das Ausmaß dieser Überschätzung zu – was ebenso für andere Länder gilt. Und gleichzeitig deuten sich Zusammenhänge zwischen solchen Wahrnehmungen und dem Zulauf für rechte Protestparteien an.

          Überschätzung steigt

          Für Deutschland liefern Erhebungen des „European Social Survey“ von 2016, einer Repräsentativerhebung unter mehr als 40.000 Europäern, folgendes Bild: Auf die Frage, welcher Anteil der erwerbsfähigen Bürger ihrer Einschätzung nach arbeitslos oder arbeitssuchend sei, äußerten mehr als zwei Drittel der Befragten Werte von mehr als 10 Prozent. Gut zwei Fünftel stuften die so abgefragte Arbeitslosenquote auf mindestens 20 Prozent ein. Und gut jeder Zehnte unterstellte gar eine Quote von mehr als 40 Prozent, zeigen die Forscher Matthias Diermeyer und Judith Niehues.

          Ergebnisse von 2008 erlaubten ihnen den Zeitvergleich über acht Jahre hinweg, in denen die deutsche Arbeitslosenquote kräftig gesunken ist. Gemäß der – enger abgegrenzten – Statistik der Internationalen Arbeitsorganisation ILO sank sie von 7,5 auf 4,2 Prozent. Nur spiegeln dies die abgefragten Einschätzungen kaum: Zwar fielen die Schätzwerte im Bereich der ohnehin eher realistischen Antworten 2016 etwas geringer aus als 2008. Doch in der Gruppe, die schon damals die Quote auf 20 Prozent oder mehr taxiert hatte, tat sich wenig; sie blieb mit 40 Prozent aller Befragten unverändert groß. Offenbar ist der Aufschwung in ihren Köpfen nicht angekommen. Das Ausmaß der Überschätzung in der Gesamtgesellschaft hat sich damit erhöht: 2008 machte sie im Durchschnitt 11,1 Prozentpunkte aus, 2016 sogar 13,6 Prozentpunkte.

          Pessimismus schadet dem Zusammenhalt

          Deutschland ist damit nicht allein: Im Durchschnitt 23 europäischer Staaten wurden deren Arbeitslosenquoten im eigenen Land um 13 Prozentpunkte überschätzt. Deutschland zählt hier aber zu einer Ländergruppe, in der geringe Arbeitslosigkeit auf viel Pessimismus trifft – ähnlich wie im Vereinigten Königreich und in den Niederlanden.

          Interessant sind außerdem die Veränderungen im Ländervergleich seit 2008. Denn mit der wirtschaftlichen Lage lassen sie sich kaum erklären: Zwar hat die Überschätzung der Arbeitslosigkeit in Krisenländern wie Spanien und Portugal deutlich zugenommen, aber eben nicht in Finnland und Deutschland.

          Stattdessen zeigt ein weiterer Analyseschritt, dass Anhänger von Parteien, die als rechtspopulistisch gelten, die stärksten Fehleinschätzungen äußern. Hierzulande schätzte unter AfD-Anhängern fast jeder Zweite die Arbeitslosenquote auf mehr als 20 Prozent. Ähnliches zeigte sich für Schweden und die Niederlande; in Frankreich und Österreich wichen die Einschätzungen der Anhänger des Rassemblement National und der FPÖ sogar noch stärker nach oben ab. Außerdem zeigen die Autoren mit weiteren Analysen: Wer die Arbeitslosigkeit stark überschätzt, neigt eher zu Misstrauen gegenüber Politik und Parlament – und ebenso gegenüber seinen Mitmenschen.

          Welche ursächlichen Zusammenhänge hier wirken, lasse sich mit den Daten nicht näher klären, betonen Diermeyer und Niehues. Eine Schlussfolgerung liege jedoch nahe – und zwar „dass eine realitätsnähere Einschätzung der wirtschaftlichen Situation vertrauensfördernd wirken kann“. Sie verbinden dies mit Kritik an der Art der Arbeitsmarkt-Debatte. So wichtig kritischer Diskurs in der Demokratie sei – eine „übermäßig pessimistische und alarmistische Darstellung“ stelle mittelfristig „den gesellschaftlichen Zusammenhalt infrage“.

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