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Debatte über Vermögensteuer : So funktioniert das Original in der Schweiz

Eine Schweizer Fahne im Wind. Bild: dpa

Für Familienunternehmer ist die Vermögensteuer ein Ärgernis. Widerstand gibt es bei den Eidgenossen aber nicht. Denn insgesamt sind die Steuern niedriger als andernorts.

          2 Min.

          Die SPD will die Vermögensteuer in Deutschland wieder einführen. Die Debatte tobt, die Kritik aus der Union folgte prompt. Der bayerische Ministerpräsident und CSU-Vorsitzende Markus Söder erteilte der Idee eine Absage und begründete dies zum Beispiel mit der schwächer gewordenen gesamtwirtschaftlichen Entwicklung in Deutschland.

          Johannes Ritter

          Korrespondent für Politik und Wirtschaft in der Schweiz.

          Die Sozialdemokraten wiederum haben schon am Wochenende signalisiert, wie sie sich diese Steuer vorstellen, und vor allem, an wem sie sich dabei orientieren: an der Schweiz. Doch was ist das „Schweizer Modell?“

          Eigentlich ist die Vermögensteuer ein Auslaufmodell. Im Jahr 1990 gab es im Club der 36 reichsten Länder (OECD) dieser Erde noch zwölf Staaten, die eine allgemeine Vermögensteuer erhoben – im Jahr 2017 waren es nur noch vier, darunter eben die Alpenrepublik.

          In der Eidgenossenschaft wiederum holt sich der Fiskus schon seit dem 19. Jahrhundert einen Anteil am Vermögen seiner Bürger: Die Einnahmen von zuletzt 7 Milliarden Franken im Jahr fließen ausschließlich in die Kassen der 26 Kantone. Diese stehen untereinander im Steuerwettbewerb, daher fallen die Sätze von Kanton zu Kanton unterschiedlich hoch aus – die Spanne reicht von 0,2 Promille bis zu knapp 1 Prozent.

          Weniger Steuern als anderswo

          Der Vermögensteuer sind unter anderem Unternehmensbeteiligungen, Barguthaben, Wertpapiere, Immobilien, Autos, Schmuck, Kunstwerke, Pferde, Yachten und Immobilien unterworfen, wobei Letztere zum jeweils aktuellen Verkehrswert zu bewerten sind. Von den kumulierten Vermögenswerten dürfen die Schulden abgezogen werden, was den Anreiz erhöht, Kredite aufzunehmen. Zumindest teilweise erklärt dies wohl die vergleichsweise hohe Verschuldung der privaten Haushalte in der Schweiz.

          Wer auf ein Nettovermögen von weniger als 200.000 Franken kommt, zahlt wegen der Freibeträge praktisch keine Vermögensteuer. Von einer Million Franken an aufwärts wird sie deutlich spürbar. Auf der anderen Seite sind die Einkommensteuern in der Schweiz relativ niedrig. Die Erbschaftsteuer fällt beim Vererben zu Ehegatten, Kindern und Enkeln fast gar nicht ins Gewicht.

          Gemäß den Analysen der OECD summierten sich die Vermögen- und Erbschaftsteuern in der Schweiz 2017 auf 7,1 Prozent aller Steuereinnahmen. In Deutschland betrug der Anteil der Besitzsteuern 2,7 Prozent, im Schnitt der OECD-Staaten sind es 5,7 Prozent.

          Aus Sicht vieler Schweizer Unternehmer ist die Vermögensteuer nicht nachahmenswert. „Die Vermögensteuern belasten die Familienunternehmen“, sagt Christian Frey, stellvertretender Leiter Finanz und Steuern im Wirtschaftsdachverband Economiesuisse. Um die Vermögensteuer, die sich aus der Teilhaberschaft an einem werthaltigen Unternehmen ergebe, bezahlen zu können, seien viele Familienunternehmer dazu gezwungen, sich eine Dividende aus den bereits versteuerten Gewinnen auszubezahlen.

          Diese Dividenden unterlägen ihrerseits der Einkommensteuerpflicht. „Durch diese Substanzsteuer werden den Eigentümern Mittel entzogen, die sie ansonsten in das Wachstum ihres Unternehmen hätten investieren können“, sagt Frey.

          Auch Stefan Kuhn, Leiter Steuer- und Rechtsberatung bei KPMG Schweiz, sieht die Sache kritisch: „Die Vermögensteuer hat ein konfiskatorisches Element.“ Nach Kuhns Ansicht steht die Debatte darüber quer in der Landschaft: „Es gibt rund um den Globus die Tendenz, die Unternehmen zu entlasten. Da täte sich Deutschland sicherlich keinen Gefallen, wenn es die Steuern erhöhte.“ Auch unter den vermögenden Privatleuten in Deutschland könnte die Einführung einer Vermögensteuer Fluchtinstinkte wecken. „Der ein oder andere Millionär in Deutschland wird sich überlegen, ob er dann nicht lieber in Ausland zieht. In Ländern wie Schweiz, Monaco Großbritannien oder Dubai werden Reiche deutlich weniger beherzt besteuert.“

          Die Schweizer selbst haben sich an die Vermögensteuer offensichtlich gewöhnt. Derzeit läuft keine Initiative zu deren Abschaffung.

          Das dürfte vor allem daran liegen, dass die Gesamtsteuerbelastung in der Schweiz niedriger ist als in vielen anderen Ländern: Unternehmen zahlen im Durchschnitt etwas mehr als 20 Prozent Steuern. Nach Umsetzung der vor wenigen Monaten von der Bevölkerung angenommenen Unternehmenssteuerreform sinkt der Durchschnittssteuersatz auf unter 20 Prozent. In Deutschland sind es rund 30 Prozent.

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