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Studie von umstrittenem Ökonom : Die wirtschaftliche Ungleichheit auf der Welt geht zurück

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Volle Fußgängerzone: An den Adventswochenenden wird in Deutschland geshoppt, was das Zeug hält – so wie hier in Frankfurt. Bild: Braunschädel, Michael

Thomas Piketty hat mit umstrittenen Zahlen zur Ungleichheit Furore gemacht – und dabei harte Kritik auf sich gezogen. Jetzt stellt er andere Daten zur Verteilung des Einkommens in der Welt zusammen – und verleitet zu falschen Schlüssen.

          Die Ungleichheit zwischen Topverdienern und Einkommensschwachen hat sich einer Studie zufolge in den vergangenen Jahren in vielen Ländern auf der Welt verschärft. Seit 1980 haben die reichsten ein Prozent der Weltbevölkerung ihre Einkünfte mehr als verdoppelt, wie aus einer Untersuchung von Forschern um den bekannten französischen Ökonom Thomas Piketty hervorgeht. Die Mittelschicht habe dagegen kaum profitiert, auch wenn gestiegene Einkommen statistisch allen Menschen zu Gute gekommen seien. Regional gibt es allerdings Unterschiede.

          Thomas Piketty hatte in den vergangenen Jahren mit der Behauptung Furore gemacht, die wirtschaftliche Ungleichheit auf der Welt werde automatisch immer weiter wachsen. Das war die Kernaussage seines kapitalismuskritischen Bestsellers „Das Kapital im 21. Jahrhundert“. Seine Schlussfolgerung und seine Ausgangsdaten trafen jedoch in der Wissenschaft auf harte Kritik. Am Ende musste Piketty selbst seine Aussage relativieren. Später wurden sogar seine Ausgangsdaten in Zweifel gezogen.

          „In Europa verlief der Anstieg moderat“

          Jetzt hat das Team neue Zahlen vorgelegt, unabhängig von Pikettys alter Behauptung. Am geringsten ist das Einkommensgefälle demnach in Europa. Dort verfügten 2016 die oberen zehn Prozent über 37 Prozent des nationalen Einkommens, in Nordamerika waren es 47 Prozent, im Nahen Osten den Angaben zufolge sogar 61 Prozent. „Seit 1980 ist die Einkommensungleichheit in Nordamerika, China, Indien und Russland rasant gestiegen. In Europa verlief der Anstieg moderat“, heißt es in der Studie. Ausgewertet wurden unter anderem Einkommensteuerdaten.

          Dabei wird auch in dieser Studie wieder deutlich, was Armutsforscher schon lange sagen: Zwar wächst die Ungleichheit innerhalb vieler Länder. Gleichzeitig nähern sich aber die armen Länder den reichen an, so dass die wirtschaftliche Ungleichheit auf der Welt insgesamt seit einigen Jahren zurückgeht.

          In Deutschland haben die Top 10 Prozent den Angaben zufolge rund 40 Prozent am Gesamteinkommen. „Ihr Anteil ist seit Mitte der 90er Jahren gestiegen“, sagte Charlotte Bartels vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), die die deutschen Daten auswertete.

          „Die unteren 50 Prozent haben in den letzten Jahren massiv an Anteil am Gesamteinkommen verloren. In den 60er Jahren verfügten sie noch über etwa ein Drittel, heute sind es noch 17 Prozent“, erläuterte die Wissenschaftlerin. „Einschließlich Sozialtransfers, die mit den Bruttoeinkommen nicht erfasst werden, sehen die Zahlen für die unteren Einkommen vermutlich aber besser aus.“ Die Mittelschicht ist nach ihren Angaben relativ stabil mit etwa 40 Prozent am Gesamteinkommen. Dort lag ihr Anteil ungefähr schon vor 100 Jahren.

          Weniger ungleich als vor 100 Jahren

          Allerdings ist der Einkommensanteil der Superreichen heute deutlich kleiner als vor 100 Jahren. Deshalb ist es falsch zu sagen, Deutschland sei heute so ungleich wie vor 100 Jahren.

          Nach früheren Angaben von Ifo-Präsident Clemens Fuest hat sich der Anteil der 10 Prozent der am besten Verdienenden und der 40 Prozent mit dem geringsten Einkommen am Gesamteinkommen der Bevölkerung seit den Hartz-Reformen 2005 nicht groß verändert. „Deutschland ist durch die Mittelschicht geprägt.“ In Deutschland profitieren die Reichsten 0,1 Prozent Bartels zufolge vor allem vom Unternehmensbesitz. „Über 80 Prozent der deutschen Wirtschaft dürften sich in Familienhand befinden.“

          Thomas Piketty

          Das internationale Forscherteam um Piketty empfiehlt zur Bekämpfung der Ungleichheit unter anderem die Einführung eines globalen Finanzregisters, um Geldwäsche und Steuerflucht zu erschweren. Kindern aus ärmeren Familien müsse der Zugang zu Bildung erleichtert werden. Weitere Instrumente seien progressive Steuersätze, die mit dem Einkommen steigen, sowie eine Verbesserung der betrieblichen Mitbestimmung und angemessene Mindestlöhne.

          DIW-Chef Marcel Fratzscher hatte jüngst eine „Investitionsoffensive in Bildung, Qualifizierung, Teilhabe und Innovation“ für Deutschland gefordert. Die Löhne nach Inflation sowie die Einkommen der unteren 40 Prozent seien heute niedriger als vor 20 Jahren, hatte der Ökonom kritisiert.

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