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Kommentar zur Ungleichheit : Was Piketty gerne verschweigt

Thomas Piketty Bild: dpa

Geht die Schere zwischen Arm und Reich auseinander? Dazu gibt es viele unterschiedliche Zahlen und eine eindeutige Antwort. Aber die gefällt nicht jedem.

          Wenn es um wirtschaftliche Ungleichheit geht, herrscht an Daten wirklich kein Mangel. Es gibt Zahlen über Vermögen, Bruttoeinkommen und Nettoeinkommen. Es gibt langfristige und kurzfristige Daten. Es gibt zuverlässige Quellen, über den Daumen gepeilte und vollkommen hanebüchene. Aus alldem ergibt sich ein sehr vielschichtiges Bild der Ungleichheit. Und jeder kann sich die Statistik heraussuchen, die am besten zu den eigenen politischen Zielen passt.

          Nun ist es so: Niemand interessiert sich für Fragen der Verteilung so sehr wie die Freunde der Umverteilung. Deshalb werden in der öffentlichen Debatte meist die Zahlen betont, die so aussehen, als gehe die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auf. Andere Zahlen, die ebenso richtig sind, fallen viel zu oft unter den Tisch. So ist es auch, wenn Thomas Piketty das neueste Werk seiner Forschergruppe präsentiert: Dass die Ungleichheit in vielen Ländern der Welt wächst, das stellt er in seinem Bericht ganz nach vorne. Dass die weltweite Ungleichheit schrumpft, steht irgendwo in der Mitte des Berichts, wo die meisten Leser schon mit ihrer Aufmerksamkeit kämpfen. Dieses Phänomen kennt Piketty: Sein berühmtes Werk „Das Kapital im 21. Jahrhundert“ gehört zu den Büchern, die Leser Daten von Amazon zufolge am schnellsten zur Seite legen – offenbar wird ihnen das zu kompliziert.

          Es entsteht ein kohärentes Bild

          Dabei ist es am Ende gar nicht so schwer. Aus den vielen Statistiken lässt sich ein ziemlich kohärentes Bild zeichnen, zum Beispiel für die Einkommen der Welt: Betrachtet man alle Menschen der Welt zusammen, dann haben die Armen gegenüber den Reichen in den vergangenen Jahren aufgeholt. Viele arme Länder sind reicher geworden – allen voran China. Die neuen Linien der Ungleichheit liegen nicht mehr zwischen den Ländern, sondern innerhalb. Deshalb wächst die Ungleichheit innerhalb vieler Länder, in den Vereinigten Staaten deutlich schneller als in Europa.

          Auch in Deutschland machte sich dieser Trend über viele Jahre bemerkbar. Ungefähr seit 2005 ist er aber gebrochen. Seitdem stagniert die gesamtgesellschaftliche Ungleichheit. Sie liegt immer noch deutlich höher als 1980, doch offenbar wurde vor ungefähr zwölf Jahren ein Mittel gefunden, das den weiteren Anstieg zumindest gestoppt hat. War das Gerhard Schröders Agenda 2010 mit den Hartz-Gesetzen? Darüber wäre zu diskutieren. Kein Wunder, dass Freunde der Umverteilung diesen Trendbruch gerne verschweigen.

          Patrick Bernau

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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