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Schwerpunkt „Arm und Reich“ : Schadet Ungleichheit dem Wachstum wirklich?

Auch größere Ungleichheit kann Konsum und Wachstum ankurbeln. Bild: dpa

Ungleiche Einkommen bremsen die Wirtschaft, behauptet die OECD. Doch die Gesamtschau der Studien ergibt ein anderes Bild. Hat die OECD also unrecht?

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          Für Marcel Fratzscher ist die Sache klar. Zwischen der materiellen Ungleichheit, die in einem Land herrscht, und dem Wirtschaftswachstum besteht ein klar bezifferbarer Zusammenhang. „Die OECD schätzt, dass durch den Anstieg der Einkommensungleichheit seit den 1990er Jahren die deutsche Wirtschaftsleistung heute um 6 Prozent geringer ist“, schrieb der DIW-Präsident in einem Beitrag für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, der seinem neuen Buch „Verteilungskampf“ entnommen ist. In einem Land, in dem Ungleichheit eine marktwirtschaftliche Ordnung widerspiegele, in der viele Menschen ihre Talente nicht nutzen könnten und kein fairer Wettbewerb herrsche, würden die Produktivität und das Wachstum geschwächt, begründet der einflussreiche Ökonom. Und als ein solches Land sieht Fratzscher Deutschland demnach.

          Johannes Pennekamp

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaftsberichterstattung, zuständig für „Die Lounge“.

          Bei anderen Forschern, die sich schon lange mit dem Thema Ungleichheit befassen, sorgt der behauptete eindeutig bezifferbare Zusammenhang zwischen Gleichheit und Wachstum für Verwunderung. „Das ist hoch spekulativ. Es ist methodisch unmöglich, einen kausalen Zusammenhang zwischen beiden Größen zu identifizieren. Die Aussage ist nicht belastbar“, sagt Andreas Peichl, der am Mannheimer Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) die Forschungsgruppe Internationale Verteilungsanalysen leitet. Die OECD-Studie, auf die sich Fratzscher bezieht, bezeichnet er als „methodisch fragwürdig“. Und Judith Niehues, die sich am arbeitgebernahen Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) mit Verteilungsfragen befasst, sagt: „Es wundert mich schon, dass dieses Ergebnis so sehr in der Debatte betont wird, obwohl es empirisch auf wackligen Beinen steht.“

          Unzählige Faktoren für Wachstum

          Worum geht es in der Sache? Es ist eine naheliegende Annahme, dass Wirtschaftswachstum und die Verteilung von Einkommen und Vermögen zusammenhängen. Das wird deutlich, wenn man an die Extremsituationen denkt: In einer Gesellschaft, in der alle etwa gleich viel haben, ganz egal, wie hart jemand arbeitet, sinken die Anreize, erfinderisch und produktiv zu werden. Das bremst das Wachstum. Wenn im anderen Extrem zum Beispiel ein König alles besitzt und die Menschen mittellos sind – warum sollte sich dann jemand anstrengen und für wirtschaftliche Dynamik sorgen? „Wachstum entstand erst, als größere Massen auch davon profitiert haben“, sagt ZEW-Forscher Peichl. Zumindest in der Theorie gibt es also ein bestimmtes Maß der Ungleichheit, das größtmögliches Wirtschaftswachstum ermöglicht. Je nachdem, ob sich ein Land oberhalb oder unterhalb dieses optimalen Punktes liegt, kann sinkende oder eben sogar wachsende Ungleichheit das Wachstum ankurbeln. Beide Varianten sind denkbar.

          So weit die Theorie. In der Praxis ist die Sache deutlich komplizierter. Wie stark eine Volkswirtschaft wächst, hängt von unzähligen Faktoren ab. Den Einfluss der Ungleichheit isoliert zu fassen und einen kausalen Zusammenhang zu identifizieren, sei ein Ding der Unmöglichkeit, sagt Forscher Peichl. Das liegt in der Natur der Sache. Denn man brauchte für einen klaren Nachweis mehrere Länder, die identisch sind und in denen sich nur die Ungleichheit mit den Jahren unterschiedlich entwickelt. Dann könnte man beobachten, wie das Wachstum jeweils reagiert. Weil solche Versuche nicht möglich sind, wenden Forscher aufwändige statistische Verfahren, mit denen vereinfacht gesagt versucht wird, sich dem idealen Versuchsaufbau anzunähern. „Die Ergebnisse die man dabei bekommt, hängen aber immer sehr stark von den jeweiligen Annahmen ab, die man macht“, erklärt Peichl.

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