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Experiment in Amerika : Twitter-Mitgründer Dorsey spendet für Grundeinkommenstest

  • -Aktualisiert am

Jack Dorsey ist Vorstandsvorsitzender von Twitter und Square, die er beide auch mitgegründet hat. Bild: dpa

15 Großstädte in Amerika wollen ihren Bürgern ein Grundeinkommen zahlen. Eine Millionenspende von Twitter-Mitgründer Jack Dorsey macht den Probelauf möglich.

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          Die Idee eines bedingungslosen Grundeinkommens zieht auch in Amerika. Dort halten das nicht nur Menschen mit einem überschaubaren Verdienst für bedenkenswert, sondern auch mancher Milliardär: Jack Dorsey, Mitgründer des sozialen Netzwerks Twitter und des Bezahldienstes Square, will mit einer Spende von 1 Milliarde Dollar seines Vermögens Gutes zu tun. Mit einem Teil der Wohltätigkeitsmilliarde unterstützt er nun einen Probelauf in 15 amerikanischen Städten für ein Grundeinkommen und gibt dafür 3 Millionen Dollar aus.

          Jan Hauser

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Der Tech-Enthusiast verspricht sich viel von dem Projekt in den Vereinigten Staaten. „Dies ist ein Instrument, um die Wohlstands- und Einkommenskluft zu schließen, systemische Ungleichheiten aufgrund von Rassismus und der Geschlechter zu verringern sowie wirtschaftliche Sicherheit für Familien zu schaffen“, teilt Dorsey auf Twitter mit. Er gibt außerdem etwa 11 Millionen Dollar an die Hilfsorganisation Givedirectly, die Bargeld direkt weiter an arme Menschen gibt.

          Dorsey hatte im April Anteile an Square im Wert von 1 Milliarde Dollar für den guten Zweck reserviert, was damals etwas mehr als ein Viertel seines Vermögens war. Damit wollte er zunächst Projekte rund um Corona-Folgen unterstützen. Der Wert der Aktien ist seither auf mehr als 2 Milliarden Dollar gestiegen. Davon geht nun ein Teil an die Grundeinkommensvergabe in amerikanischen Städten. Robert Garcia, Bürgermeister der kalifornischen Stadt Long Beach, nennt den Probelauf einen große Schritt: „Wir sind eine der 15 Pilotstädte und ich könnte nicht aufgeregter sein.“

          Grundeinkommen gegen Armut

          Die Allianz von 15 Städten für ein Grundeinkommen hat Michael Tubbs, Bürgermeister im kalifornischen Stockton, im Juni gegründet. „Bürgermeister sind die moralischen Führer des Landes“, sagte der 29 Jahre alte Politiker gerade dem amerikanischen Magazin „Forbes“. „Sie stehen an vorderster Front, beschäftigen sich mit den Wählern, reagieren auf sie und arbeiten jeden Tag für sie.“ Damit spricht er auch über sein eigenes Wahrnehmungsbild und könnte gleichzeitig an manchen amerikanischen Spitzenpolitiker gedacht haben.

          Tubbs lässt seit eineinhalb Jahren ein Grundeinkommen-Pilotprogramm in seiner Stadt laufen. Angesichts von Covid-19, des Bedarfs an regelmäßiger laufender Bargeldhilfe sowie der Proteste gegen Polizeigewalt und auch gegen strukturelle Gewalt in der Stadt sei ihm klar, dass es ein Netzwerk von Bürgermeistern und Anwälten brauche, um eine gemeinsame Stimme für garantierte Barzahlungen zu schaffen.

          Michael Tubbs, Bürgermeister von Stockton, befürwortet das Grundeinkommen.

          Zu diesem Netz zählen unter anderem Los Angeles, Atlanta, Seattle, Columbia und Pittsburg: Alle diese Städte können mit dem Geld von Dorsey nun ein Programm für Grundeinkommen starten. Unklar ist bisher, wie das aussehen wird. In seinen Grundsätzen spricht der Städte-Zusammenschluss davon, dass sich ungefähr 40 Prozent der Amerikaner einen 400-Dollar-Notfall nicht leisten könnten. Gleichzeitig nennt die Initiative das Grundeinkommen als Antwort auf eine zunehmende Einkommensungleichheit.

          In Deutschland erhält die Idee eines Grundeinkommens zahlreiche Befürworter wie den DM-Gründer Götz Werner, der damit gegen Armut vorgehen möchte. Auch sehen einige die Zahlung eines gewissen Einkommens für jeden als Umgang mit drohender Arbeitslosigkeit in einer künftigen Zeit der künstlichen Intelligenz, in der Roboter viele menschliche Tätigkeiten übernehmen könnten, von denen das heute noch nicht denkbar erscheint. Darüber denkt etwa der hiesige Investor Frank Thelen nach. Diese Idee ist auch im Silicon Valley verbreitet. Ähnlich äußerte sich auch Dorsey dazu, der das Grundeinkommen als einen Grundstock für eine Zeit der Automatisierung ansieht.

          Probeläufe haben noch nicht viel ergeben

          In Finnland gab es schon ein Experiment zum bedingungslosen Grundeinkommen. Dort haben 2000 Menschen zwei Jahre lang ein festes Einkommen erhalten: Viel war daraus allerdings nicht zu lernen. Wenn der Zeitraum des Grundeinkommens beschränkt ist, ist das Verhalten womöglich anders als im Fall einer unbegrenzten Zahlung.

          So ist die Bilanz über ein Grundeinkommen eher mau. Das spricht wenig gegen weitere Forschung, gerade wenn das Vorpreschen in Amerika aus privaten Vermögen finanziert wird. Eine Frage dabei ist allerdings auch, wie hoch ein bedingungsloses Grundeinkommen sein sollte. Wie kann es auf regionale Unterschiede eingehen, weil die Wohn- und Lebenskosten zwischen Stadt und Land variieren? Hier scheint der Grundeinkommens-Test in Amerika kaum genauer darauf eingehen zu können, weil es auf Großstädte beschränkt ist und das ländliche Leben ausklammert.

          Bürgermeister Tubbs hofft jedenfalls, dass die Experimente eines Tages den Weg für ein Grundeinkommen in ganz Amerika bereiten. Wie sich das dann finanzieren lässt? Da schweben ihm ein Teil der amerikanischen Militärausgaben vor oder eben höhere Steuern für Menschen wie Jack Dorsey.

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