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Trotz Finanzkrise : Griechen ohne Groll

Ein Symbol des nationalen Stillstands: Der Flughafen Hellinikon in Athen ist nur eines von vielen finanziellen Projekten, das in Griechenland nur schwerfällig vorankommt. Bild: Tobias Piller

Nach Jahren des Zorns über die Krise und finanzielle Verluste sind die Griechen pragmatisch geworden. Ministerpräsident Tsipras wählen sie nun wohl ab. Doch ob sich die Situation für die Bevölkerung dann verbessert, ist fraglich.

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          Die Neuwahlen in Griechenland am 7. Juli, noch mehr der erwartete Regierungswechsel, erscheinen der Rentnerin Iris in der einst wohlhabenden Athener Vorstadt Filothei wie das lang herbeigesehnte rettende Ufer. Nach mehr als zehn Runden von Rentenkürzungen und einer drastischen Steigerung der Immobiliensteuern musste die Griechin wie viele ihrer Nachbarn erst einmal auch vom Ersparten leben. Die Nettorente von einst 1766 Euro war bis 2017 auf 1173 Euro zusammengestrichen worden, doch die Immobilienabgabe für den ersten Stock ihres Elternhauses aus dem Jahr 1936 ist bis 2017 auf 3037 Euro im Jahr gestiegen. „Für das kommende Jahr kann ich nun optimistischer sein, weil in den Meinungsumfragen die Konservativen führen, denn jede neue Regierung kann nur besser sein als die bisherige von Ministerpräsident Tsipras.“

          Tobias Piller
          Wirtschaftskorrespondent für Italien und Griechenland mit Sitz in Rom.

          Erbost ist die Griechin, wie viele der bürgerlichen Mittelschicht, weil die links orientierte Regierung ihrer Ansicht nach während der vergangenen drei Jahre den angeblich bessergestellten Griechen weitaus mehr Steuern abgepresst hat, als eigentlich nötig gewesen wäre, um die Haushaltsversprechen gegenüber den Gläubigern zu erfüllen. Die Linksregierung sammelte zusätzliche Milliardenbeträge an, um mehrfach eine sogenannte „Sozialdividende“ auszuschütten. Die wurde kurzfristig nach politischem Kalkül gestaltet, etwa als dreizehnte Rentenzahlung zum Jahresende, in diesem Jahr dagegen als sommerlicher Zuschuss kurz vor der Wahl. Die Griechin Iris, die nicht mit ihrem vollen Namen in der Zeitung stehen möchte, hat selbst von der jüngsten „Dividende“ nur 246 Euro bekommen, denn sie gehört nicht zu denen, die wirklich begünstigt werden sollen. Gedacht ist die Aktion vor allem für die Wählerklientel von Ministerpräsident Alexis Tsipras und seiner Linkspartei Syriza. Dazu gehören Empfänger von Mindestrenten, die ohne Beitragszahlungen in der Vergangenheit dennoch auf 800 Euro im Monat kommen, von Rentenkürzungen so gut wie verschont blieben und dafür auch noch mehr Sozialdividende erhalten. Die erboste Griechin hofft nun darauf, dass der konservative Wahlkandidat Kyriakos Mitsotakis sein Versprechen wahr macht, die Immobiliensteuern deutlich zu senken.

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