https://www.faz.net/-gqe-a2act

Statistisches Bundesamt : Das Armutsrisiko steigt nur in Westdeutschland

Kleidung für die kalte Jahreszeit: In der Bekleidungsabteilung des Sozialen Kaufhauses in Dresden gibt es die zum kleinen Preis. Bild: dpa

Der Anteil der relativ armen Menschen ist in den vergangenen zehn Jahren in allen alten Bundesländern gestiegen. Am stärksten erwischt es einen Stadtstaat, aber auch in Hessen steigt die Quote erheblich.

          2 Min.

          In einem reichen Land wie Deutschland ist Armut ein hochsensibles Thema. Schon über die grundlegende Frage „Wie viele Menschen in Deutschland sind überhaupt arm?“ entbrennt regelmäßig Streit, weil Armut gar nicht so einfach zu messen ist.

          Christoph Schäfer

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und Finanzen Online.

          Im Prinzip gibt es zwei Möglichkeiten: Um die Frage zu beantworten, kann man absolute Werte nutzen. Die Weltbank beispielsweise definiert jene Menschen als extrem arm, die weniger als 1,90 Dollar am Tag zur Verfügung haben. Das heißt, dass extrem arme Menschen nicht in der Lage sind, sich täglich die Menge an Gütern zu kaufen, die in den Vereinigten Staaten 1,90 Dollar kosten würden. Diese 1,90 Dollar gelten als finanzielles Minimum, das eine Person zum Überleben braucht.

          In den wohlhabenden Gesellschaften des Westens liegen die Standards höher. Das Grundgesetz etwa schreibt in Artikel 1, dass die Würde des Menschen unantastbar ist. Zu dieser Würde gehört nach Rechtsprechung und Menschenverstand auch die Möglichkeit, ausreichend am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. Dafür reichen in Deutschland 1,90 Dollar am Tag nicht aus.

          Deshalb wird in entwickelten Industrieländern vor allem auf die relative Armut geachtet. So gilt als „armutsgefährdet“, wer weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens der Gesamtbevölkerung zur Verfügung hat. Für Deutschland bedeutet das: Zwei Erwachsene mit zwei Kindern unter 14 Jahren konnten im Jahr 2018 weniger als 2385 Euro im Monat ausgeben.

          Überraschung: Weniger Arme in Ostdeutschland

          An diesem Donnerstag nun hat das Statistische Bundesamt neue Zahlen zur Armutsgefährdungsquote vorgelegt. Demnach ist die relative Armut in den Jahren von 2009 bis 2019 in allen westlichen Bundesländern und in Berlin gestiegen. Am stärksten stieg die Quote in Bremen; in dem Stadtstaat im Norden erhöhte sie sich um 4,8 Prozentpunkte auf nun 24,9 Prozent. Mit anderen Worten: In Bremen ist jeder vierte Einwohner arm oder zumindest von Armut bedroht.

          Auch in Hessen und Nordrhein-Westfalen stieg das Risiko, in die Armut zu rutschen, um mehr als 3 Prozentpunkte auf nun 16,1 beziehungsweise 18,5 Prozent an. Den bundesweit stärksten Rückgang verzeichnete hingegen Mecklenburg-Vorpommern, und zwar von 23,1 Prozent im Jahr 2009 auf 19,4 Prozent im Jahr 2019.

          In allen ostdeutschen Bundesländern verbesserte sich die Lage. Besonders stark sank sie in Mecklenburg-Vorpommern. Hier ging die Quote von 23,1 auf 19,4 Prozent zurück. Insgesamt gelten in Deutschland etwa 16 Prozent der Einwohner als armutsgefährdet.

          Allerdings gibt es an der relativen Messung der Armut regelmäßig Kritik. Eines der Hauptargumente lautet: Würde man von allen Menschen in Deutschland das Einkommen verdoppeln (und die Preise gleich lassen), wären nach dieser Methodik immer noch genau so viele Menschen armutsgefährdet wie zuvor.

          Dagegen wiederum lässt sich einwenden, dass eine bessere Methode zur Messung noch nicht gefunden wurde. Zwar hat es in den vergangenen Jahren viele Ansätze gegeben, wie sich Armut angeblich besser definieren und messen lässt. Unstrittig ist aber keiner davon.

          Und ohnehin ist der Einwand, dass eine relative Messung wenig aussage, zumindest problematisch. Wenn zwei Erwachsene und zwei Kinder höchstens 2385 Euro im Monat zur Verfügung haben, ist man sicher in einem Bereich, in dem die Lebensumstände nach Ansicht der meisten Menschen zunehmend ärmlich werden.

          Ein wichtiges Argument lässt sich trotzdem einwenden, wenn Wohlfahrtsverbände und politisch links denkende Menschen „immer mehr Armut in Deutschland“ beklagen. Zumindest seit dem Jahr 2015 steigt der Anteil der relativ Armen vor allem auch deshalb, weil Deutschland mehr als 1,8 Millionen Flüchtlinge aufgenommen hat, die fast immer nahezu mittellos einreisten.

          Diese sehr noble und altruistische Politik führte und führt ganz zwangsläufig dazu, dass es nun mehr arme Menschen in Deutschland gibt. Denn so schnell ist wirtschaftlicher Aufstieg selbst beim besten Willen kaum möglich.

          Korrektur

          In einer früheren Version dieses Artikels waren in der Tabelle die Daten für 2019 und 2009 leider vertauscht (im Text selbst waren sie immer richtig). Wir haben die Tabelle inzwischen korrigiert und bitten, den Fehler zu entschuldigen.

          Weitere Themen

          Die Mauer im Kopf bröckeln lassen

          Ost-West-Quiz : Die Mauer im Kopf bröckeln lassen

          Zum Stand der deutschen Einheit hat das Statistische Bundesamt ein Quiz entworfen: Man muss herausfinden, wo sich Ost und West ähneln. Wir haben es gespielt – und sind auf Erstaunliches gestoßen.

          Topmeldungen

          Ruth Bader Ginsburg

          Amerikas Supreme Court : Ikone liberaler Rechtsprechung gestorben

          Sie war wohl die bekannteste Richterin der Vereinigten Staaten. Nun ist Ruth Bader Ginsburg gestorben. Präsident Trump bekommt damit die Chance, zum dritten Mal einen Richter für den Supreme Court zu nominieren.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.