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Soziale Ungleichheit : Die neue soziale Spaltung

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Wer heute Gebäude reinigt oder Pakete zustellt, gehört zum neuen Dienstleistungsproletariat. Bild: dapd

Deutschland geht es so gut wie nie. Kein Land in Europa ist wirtschaftlich und politisch stärker. Wie kann es dann sein, dass jeder Dritte sich abgehängt fühlt? Ein Gastbeitrag.

          7 Min.

          Im Jahre 1999 erschien im „Economist“ ein später legendär gewordener Artikel, der die deutsche Volkswirtschaft zum Senkblei der Wirtschaft Europas erklärte. Dazu muss man wissen, dass diese britische Wochenzeitschrift nicht irgendein Wirtschaftsblatt ist, sondern das womöglich einflussreichste ökonomische Magazin für die Eliten der Welt. Damals galt Großbritannien als das europäische Avantgardemodell. Tony Blair, der Maggie Thatcher beerbt hatte, verkündete im Einklang mit einer Armee von Ökonominnen, Soziologen und Politikwissenschaftlerinnen, dass die Gesellschaft der Zukunft eine differenzierte Dienstleistungsgesellschaft mit einem wertschöpfungsintensiven finanzindustriellen Komplex sei. Nur die Deutschen hätten das offenbar noch nicht begriffen: Die glaubten immer noch daran, dass man sich mit der Fertigung von Autos, Spülmaschinen und Kugellagern an der Spitze halten könnte. Nach dem Verpuffen des Vereinigungsbooms schien mit einem Mal auf der Hand zu liegen, dass „Made in Germany“ das Prädikat einer untergehenden „Old Economy“ sein würde.

          Heute, anderthalb Jahrzehnte nach dieser für die Deutschen so niederschmetternden Diagnose, besteht unter den europäischen Nachbarn kein Zweifel, dass Deutschland das wirtschaftlich stärkste und vielleicht sogar das politisch mächtigste Land der Europäischen Union ist. Der „Economist“ beklagte nunmehr im Sommer 2013 in einem ebenfalls ziemlich einflussreichen Artikel, dass Deutschland der widerwillige Hegemon Europas sei, der sich davor scheue, im Dienste aller die Zügel innerhalb der EU in die Hand zu nehmen.

          Legende vom deutschen Größenwahn

          Was ist zwischen 1999 und 2013 passiert? Wie ist zu erklären, das unter allen OECD-Ländern die deutsche Volkswirtschaft anscheinend am besten mit der grundstürzenden Finanz- und Wirtschaftskrise von 2008 fertiggeworden ist? Wieso sind wir trotz des Desasters mit der Hypo Real Estate (HRE) stärker aus der Krise hervorgegangen, als wir in sie hineingeraten sind?

          Eine Antwort, die therapeutisch einem neuen deutschen Größenwahn zuvorkommen will, lautet, dass Deutschland in erster Linie vom Euro profitiert habe. Die Regierung Schröder/Fischer habe mit einschneidenden Maßnahmen die Lohnnebenkosten gesenkt und im stillen Einvernehmen mit der IG Metall die deutsche Facharbeiterschaft auf Magerkur gehalten. Dadurch waren deutsche Ausfuhren, verglichen mit solchen aus Frankreich, aus den Niederlanden oder sogar aus Spanien, wo man die Reallöhne steigen ließ, so günstig im Euroraum abzusetzen. Der Grund für den Erfolg ist also in einem abgekarteten Spiel zu erblicken. Die flexibilitätserprobten Partner im deutschen Korporatismus haben sich unter dem Deckmantel des Euros auf eine Dumpingstrategie auf Kosten der europäischen Nachbarn verständigt. Am Ende diktierten die kalt kalkulierenden Deutschen, was mit den Griechen, die ihre Wirtschaft mit billigem Geld hochgepusht hatten, zu geschehen habe.

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