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Soziale Ungleichheit : Die neue soziale Spaltung

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„Burnout“ ist die Kehrseite der permanenten Revolution

Es entstand eine eigene Dienstklasse, für die mit der Betriebswissenschaft sogar eine eigene Wissenschaft geschaffen wurde. Am Anfang unseres Jahrhunderts macht das deutsche Produktionsregime eine geradezu disruptive Kehrtwendung. Das mittlere Management wird gerade im Dienste der Hochproduktivität weitgehend eingespart. Die Beschäftigen arbeiten verantwortlicher, nachhaltiger und effektiver, wenn sie sich im wahrsten Sinne des Wortes als Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Unternehmens verstehen. Sie müssen nicht mehr geführt werden, sie führen sich selbst.

Diese permanente Revolution hat allerdings ihren Preis. Die Arbeit wird intensiver, die Beschäftigung allumfassender und der Druck unausweichlicher. Die Erschöpfungszustände greifen die ganze Person an, die sich im Regime des Co-Managements dem Betrieb verschrieben hat. „Burnout“ ist kein Modewort für Prominente, die immer schon am Rande des Nervenzusammenbruchs jonglierten, sondern zum Ausdruck einer Erschöpfungsdepression bei Industriemeistern, Entwicklungsingenieurinnen und Mechatronikern geworden. Lebenslanges Lernen, für das in Tarifverträgen eigene Zeiten vorgesehen sind, ist nicht nur ein Gewinn für den Einzelnen, sondern auch eine Drohung. Wer die Entfaltung seiner Potentiale brach liegen lässt, gehört schnell zum alten Eisen und wird auf Positionen mit wenig Sinn und großer Bedeutung geschoben. Die Degradierungsprozeduren werden zwar psychosozial abgefedert, aber lassen am Gesetz von Selbstverantwortung und Eigeninitiative keinen Zweifel.

Neues Dienstleistungsproletariat

Von solcher Sensibilität können Beschäftigte im Dienstleistungsproletariat nur träumen. Wer heute Pakete zustellt, Gebäude reinigt oder in der Pflege beschäftigt ist, arbeitet körperlich schwer, ist in der Regel auf eigene Faust tätig und muss sich ebenfalls Tag für Tag in Dienstfreundlichkeit üben. Dafür erhält man in absolut regulären Beschäftigungsverhältnissen um die 1000 Euro netto im Monat.

In den letzten 15 Jahren hat sich nicht nur das Produktionsmodell in der deutschen Hochproduktivitätsökonomie verändert, es ist auch ein neues Proletariat in Deutschland entstanden. Die politische Maxime, jede Arbeit ist besser als keine Arbeit, hat zusammen mit dem Kostenreduktionsmodell der Fremdvergabe einfacher Dienstleistungen dazu geführt, dass 12 bis 14 Prozent der Beschäftigten in Dienstleistungsjobs ohne Aufstiegsmöglichkeiten und mit geringer Bezahlung tätig sind. „Putzen kann jeder Affe“, antwortet ein Dienstleister aus der Gebäudereinigung auf die Frage, ob die Tatsache, dass Gebäudereinigung heute ein Lehrberuf ist, ein Respektabilitätsgewinn für seine Arbeit bedeute.

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