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Ungleichheit in Amerika : Die große Kluft zwischen arm und reich

Pessimistische Nation

Deswegen sinkt die Nachfrage nach Arbeitern für die Produktion und einfachen Angestellten für die Verwaltung. Geringe Nachfrage drückt auf die Löhne. Der Harvard-Professor George Borjas nennt Immigration als weiteren Grund für Reallohnverluste von Arbeitnehmern mit geringer Bildung. Als weiteren Faktor bezeichnet wiederum David Autor die Globalisierung der Arbeitsmärkte. Vor allem die Integration Chinas in das Welthandelssystem hat von den frühen neunziger Jahren an Einfluss auf die Beschäftigung in den Vereinigten Staaten, speziell auf Arbeitsplätze in der Produktion. Der Wissenschaftler hat jüngst einen Aufsatz veröffentlicht, der Chinas Wirkung für lokale Arbeitsmärkte näher untersucht. Die Quintessenz: Lokale Arbeitsmärkte, in denen sich jene amerikanischen Industrien konzentrierten, die chinesischer Konkurrenz ausgesetzt waren, haben schwer gelitten.

Löhne und Erwerbsbeteiligung bleiben mindestens zehn Jahre nach dem „Konkurrenzschock“ niedrig, während die Arbeitslosigkeit hoch bleibt. Betroffene Arbeitnehmer müssen häufigeren Arbeitsplatzwechsel und ein geringeres Lebensarbeitseinkommen in Kauf nehmen. So schleicht sich ein neuer Pessimismus in eine Nation, die als notorisch optimistisch galt. 52 Prozent der Amerikaner glauben, dass es ihren Kinder finanziell schlechter gehen wird als ihnen selbst. Nur 13 Prozent hängen noch an der für das amerikanische Selbstverständnis so lange fundamental gewesenen Vorstellung, den Sprösslingen werde es einmal bessergehen.

Wirtschaft für Trump wie ein Casino

Wenn Trump das notorische „Wir verlieren gegen China“ in die Welt hinausruft, dann schwingen diese Leute mit. Sie freuen sich diebisch, wenn er Importe aus China mit Zöllen bestrafen will. Wenn er ankündigt, illegale Immigranten auszuweisen und eine Mauer an der Grenze zu Mexiko zu errichten, dann sehen sie ihn als Sachwalter ihrer Interessen. Wenn er verspricht, Arbeitsplätze aus China und Mexiko zurückzuholen, dann wollen seine Wähler das gerne glauben. Dass Bernie Sanders, der Linksaußen der amerikanischen Kandidatenkür, mit etwas weniger roh vorgetragenen und dennoch ähnlichen globalisierungsfeindlichen und immigrationsskeptischen Botschaften die Massen gewinnt, muss da niemand mehr überraschen.

Die Tatsache, dass es eine Verbindung von wissenschaftlichen Erkenntnissen über die Kosten und Verteilungswirkung von Globalisierung und Immigration und der Wahlkampfrhetorik des Donald Trump gibt, bedeutet nicht, dass Trump Gnade vor der Wissenschaft finden könnte. Denn seine Vorstellungen bleiben zutiefst vulgärökonomisch. Seine fixe Idee, dass einer verlieren muss, wenn ein anderer gewinnt, stimmt höchstens für Casinos, die womöglich Trumps Vorstellung von der Wirkungsweise der Wirtschaft geprägt haben. Für den Rest gilt, Leute und Länder handeln, weil es gut für beide Seiten ist. Handel hat in Wahrheit die globale Armut gemildert. Das gilt auch für den Außenhandel, den Trump unermüdlich verunglimpft.

So drohen sich die Verlierer der großen ökonomischen Trends der vergangenen Jahre an einen Mann zu verkaufen, der das Land in die wirtschaftliche Depression führen würde, vorausgesetzt, man ließe ihn, und vorausgesetzt, er meint wirklich, was er sagt. Das kann man bei Donald Trump nicht völlig ausschließen.

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