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Bundestagswahl : Ich kandidiere!

Susanne Wiest hat nicht darauf gewartet, dass hippe kalifornische Besserwisser das Grundeinkommen preisen. Sie hat einfach selbst damit angefangen, mehr als zehn Jahre ist das jetzt her. Damals arbeitete sie noch als Tagesmutter in einem Dorf in der Nähe von Greifswald, auf der Deutschland-Karte ist das ziemlich weit oben rechts. Wie sie dorthin gelangt ist, erzählt eine Menge über Susanne Wiest. Über ihr Verhältnis zum Geld und zum Acht-Stunden-Regelarbeitstag vor allem, aber auch über ihre Courage.

Die Tagesmutter aus Greifswald

Aufgewachsen ist sie in den Siebzigern und Achtzigern im Speckgürtel von München, als einzige Tochter eines Chirurgen und einer Lehrerin. Mehr gutbürgerlicher Wohlstand geht kaum. Susanne Wiest rebelliert dagegen, zieht noch vor dem Mauerfall nach Berlin, wohnt im Bauwagen zuerst auf einer Brache in Kreuzberg, dann auf einem aufgelassenen Erdbeerfeld draußen vor der Stadt. Billig muss es sein. Denn als die DDR sich auflöst, gibt es in ihren Augen Wichtigeres zu tun, als Geld zu verdienen. Immer wird irgendwo demonstriert, diskutiert. Sie hofft damals, sagt Wiest, im Osten würde eine Alternative zum allgegenwärtigen Materialismus entstehen, vor dem sie von zu Hause Reißaus genommen hatte. „Damit war ich nicht allein. Es wollten ja nicht alle bloß Bananen.“

Dann kommt trotzdem die Einheit, und Helmut Kohl verspricht blühende Landschaften. Susanne Wiest und ihr damaliger Partner bekommen vier Kinder, fahren mit dem Bauwagen durch die Lande, treten als Schausteller auf Mittelaltermärkten auf. So hätte es weitergehen können. Aber als der älteste Sohn eingeschult werden soll, hält sie das Vagabundenleben nicht mehr für angebracht. Freunde empfehlen eine Schule in Mecklenburg-Vorpommern. Ausgerechnet dort, wo die Arbeitslosenquote in Deutschland am höchsten ist, lässt sich die Frau aus dem bayerischen Vollbeschäftigungsparadies nieder, setzt ein verfallendes Haus instand und gründet dort ihren privaten Kindergarten.

Um fünf Kinder kümmert sie sich, deren Eltern tagsüber zur Arbeit pendeln. Dafür bekommt sie 1400 Euro im Monat, von denen sie noch das Mittagessen der Kinder einkaufen muss. Ihre Arbeit erfüllt sie, ihre Leistung wird rundherum anerkannt –, aber die Bezahlung ist so mies, dass sie nur dank der Hilfe ihrer Eltern über die Runden kommt. Der Ernst des Lebens hat Susanne Wiest ohnehin schon längst mit Wucht eingeholt: Ihr erstes Kind war bald nach der Geburt gestorben, das zweite im Grundschulalter bei einem Unfall.

Als Wiest nun im Internet auf einen Eintrag zum Grundeinkommen stößt, liest sie sich fest. Was sie liest, wirkt wie die Lösung für ihr finanzielles Problem. Im Dezember 2008 schickt sie eine Online-Petition an den Bundestag: 1500 Euro im Monat für jeden Erwachsenen und 1000 Euro für jedes Kind, „um allen Bürgern ein würdevolles Leben zu gewährleisten“, so begründet sie den Vorschlag. Der Zuspruch ist überwältigend, mehr als 50.000 Unterschriften kommen zusammen, zwischenzeitlich lässt der Andrang sogar den Bundestagsserver zusammenbrechen. Und die Tagesmutter aus Greifswald wird, auch wenn die Petition im Parlament versandet, zur deutschen Frontfrau des Grundeinkommens.

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