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Kommentar : Der Skandal ist die Armut

Protest gegen Steueroasen in London Bild: dpa

Wer sich als Unternehmer im freien Wettbewerb behauptet, hat niemanden ausgebeutet. Oxfam sollte Regime anprangern, die Unterentwicklung und Perspektivlosigkeit von Milliarden zu verantworten haben.

          Mit schwindelerregenden Zahlen und Vergleichen zur Vermögensverteilung auf der Welt bekommt die Organisation Oxfam viel Aufmerksamkeit. Doch bei aller Kritik an Details der Berechnung, die manchen Bürger oder Studenten nach Abzug von Schulden ärmer erscheinen lässt, als sie es sind: Tatsache ist und bleibt, dass einige Superreiche Milliarden besitzen und eine erschreckend große Zahl von Menschen über kaum oder gar kein materielles Vermögen verfügt.

          Oxfam lenkt den Blick auf die Reichen. Acht Männer werden hervorgehoben. Aber ist ihr Reichtum verwerflich oder moralisch anstößig? Die meisten an der Spitze der Forbes-Liste haben ihre Vermögen durch unternehmerische Aktivitäten in Rechtsstaaten und Marktwirtschaften erworben. Ihr Erfolg beruht darauf, dass sie Produkte entwickeln, die massenhaft Kunden kaufen wollen, ob nun Software wie Bill Gates oder günstige, schicke Mode wie Zara-Gründer Amancio Ortega. Beide haben praktisch bei null angefangen. Diese Unternehmer sind Selfmade-Men, ebenso wie viele andere von der Forbes-Milliardärsliste.

          Milliarden können nicht am Wohlstand partizipieren

          Problematisch sind Superreiche, die ihr Vermögen in Nicht-Rechtsstaaten und Nicht-Marktwirtschaften machen, weil sie von Beziehungen zu korrupten Herrschern, von Monopolen oder Privilegien profitieren. Wer sich als Unternehmer im freien Wettbewerb behauptet – und das tun Gates oder Ortega – hat niemanden ausgebeutet.

          Auch sei daran erinnert, dass Dutzende Superreiche versprochen haben, die Hälfte ihrer Vermögen zu spenden. Nicht unrecht hat Oxfam natürlich mit der Mahnung, dass Konzerne sich der allgemeinen Steuerpflicht nicht durch Gewinnverschiebung in Länder mit Sondertarifen und Schlupflöcher entziehen dürfen. Die Masse der Vermögen ist aber nicht so entstanden.

          Der eigentliche Skandal ist, dass es auf der Erde mehrere Milliarden annähernd Vermögenslose gibt, vor allem in Afrika, Teilen Asiens und Lateinamerikas. Sie partizipieren nicht am Wohlstand. Oxfam sollte die Regime anprangern, die ihre Völker durch verfehlte Politik in Armut halten und ausbeuten. Bei ihnen liegt die Verantwortung für Unterentwicklung und Perspektivlosigkeit.

          Andererseits haben sich in einigen Schwellenländern Mittelschichten mit Hunderten Millionen Menschen gebildet, die (bescheidene) Vermögen aufbauen. Diese Fortschritte in der Armutsbekämpfung werden von vielen im Westen allerdings unterschätzt; das fand vor kurzem eine Umfrage im Auftrag von Oxfam heraus. Die Hilfsindustrie ist an dieser verzerrten Wahrnehmung nicht unschuldig.

          Philip Plickert

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Der Volkswirt“.

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