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OECD-Erhebung : Wie es der Mittelschicht in Deutschland geht

Abholer stehen in der Mainzer Tafel. Bild: dpa

In den vergangenen Jahren war die Mittelschicht weitgehend stabil. Zu Beginn der Corona-Krise haben Normalverdiener sogar besonders profitiert.

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          Zur Mittelschicht gehört in Deutschland, wer als Alleinstehender mindestens 1500 Euro im Monat zur Verfügung hat oder in einer Familien mit zwei Kindern mindestens 3000 Euro im Monat. Die Grenze nach oben, also zum Reichtum, verläuft bei 4000 Euro für Singles und 8000 Euro für Familien. In dieser Spanne lagen zuletzt fast zwei Drittel der Deutschen, zeigt eine am Mittwoch vorgestellte Studie der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung  OECD und der Bertelsmann-Stiftung.

          Johannes Pennekamp
          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaftsberichterstattung, zuständig für „Die Lounge“.

          Das Interessante an dem Befund: Zwar ist die Mittelschicht zwischen 1995 und 2005 sichtbar geschrumpft – von 70 auf 64 Prozent der Bevölkerung – seitdem ist sie aber nahezu stabil. Die beteiligten Wissenschaftler betonen in ihrer Studie zwar mehrere aus ihrer Sicht bedenkliche Tendenzen.

          Im Kern widerspricht ihre Analyse aber der oft zitierten These, dass in Deutschland immer mehr Menschen in Armut abrutschen. Erste Daten weisen laut der Analyse vielmehr daraufhin, dass während der Corona-Krise vor allem Menschen mit mittlerem Einkommen dank staatlicher Hilfen überdurchschnittlich Einkommen dazugewonnen haben, während Spitzenverdiener Einbußen verkraften mussten.

          „Die Mittelschicht ist in den letzten Jahren stabil“

          Die Studie, die sich aus verschiedenen nationalen und internationalen Datenquellen speist, zählt all jene zur Mittelschicht die mindestens drei Viertel oder höchstens das Doppelte des mittleren verfügbaren Einkommens verdienen. Dieses sogenannte Medianeinkommen betrug zuletzt rund 2000 Euro für Singles. Dass der Anteil Mittelschicht in der Gesellschaft zuletzt stabil war, liegt in erster Linie an der guten Wirtschaftsentwicklung in der Zeit zwischen Finanz- und Corona-Krise, von der vor allem in den vergangenen Jahren weite Teile der Bevölkerung profitiert haben. Seit 2015 verzeichne Deutschland einen „soliden Anstieg der verfügbaren Einkommen aller Haushalte unabhängig von ihrer Position in der Einkommensverteilung“, schreiben OECD und Bertelsmann.

          Diese positive Erkenntnis deckt sich mit dem kürzlich erschienenen Verteilungsbericht des gewerkschaftsnahen Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliches Instituts (WSI). Darin war zu lesen, dass die Abstiegsängste und finanziellen Sorgen in der Mittelschicht in den vergangenen zehn Jahren stetig zurückgegangen sind, was unter anderem auf die gesunkene Arbeitslosigkeit zurückgeführt wird. Auch andere Verteilungsforscher machen sich um die in der öffentlichen Wahrnehmung oft als abstiegsgefährdet beschriebene Mittelschicht wenig Sorgen.

          Auch das Handwerk lohnt sich

          „Die Mittelschicht ist in den letzten Jahren stabil“, bilanziert Andreas Peichl, der am Münchner Ifo-Institut das Zentrum für Makroökonomik und Befragungen leitet. Judith Niehues vom arbeitgebernahen Institut der deutschen Wirtschaft hält die deutsche Mittelschicht ebenfalls für gefestigt. Während die Autoren der Bertelsmann-Stiftung kritisch anmerken, dass die Mittelschicht trotz des vor Corona langanhaltenden Aufschwungs nicht wieder gewachsen sei, betonen Peichl und Niehues, dass dies auch mit der stärkeren Zuwanderung zusammenhänge. Der Beschäftigungsaufschwung habe ausgleichend gewirkt, die Zuwanderung von im Schnitt eher geringer qualifizierten Menschen  habe die Ungleichheit verstärkt.

          Die Autoren der neuen Analyse lenken den Blick auf einige eher negative Punkte. So sei die Mittelschicht, die in Deutschland etwa so groß ist wie im Schnitt der OECD-Länder, hierzulande überdurchschnittlich schnell gealtert. Im Umkehrschluss heißt das: „Vor allem für junge Menschen wird es immer schwieriger, sich ihren Platz in der Mittelschicht zu sichern.“ Im Alter zwischen 20 und 39 Jahren hätten 71 Prozent der Babyboomer (Geburtsjahrgänge 1955-1964) zur Mittelschicht gehört. Bei den Millennials (Anfang der 1980er bis Mitte der 1990er Jahre Geborene) seien es im selben Alter nur noch 61 Prozent.

          Allerdings wird aus der Analyse nicht eindeutig klar, ob das auch daran liegen könnte, dass die Jüngeren heute im Schnitt länger studieren und deshalb oft erst später Geld verdienen als ihre Eltern. Deutlich wird allerdings, dass Bildung eine immer wichtigere Rolle spielt, um sich in der Mittelschicht zu etablieren. „Das Bildungsniveau in der mittleren Einkommensgruppe ist stärker gestiegen als in der Gesamtbevölkerung“, heißt es in der Studie. Auffällig ist, dass nicht nur ein Hochschulabschluss die Chancen stark erhöht, auch Menschen mit Meister gehören oft zur Mittelschicht. Insgesamt arbeiten mehr als die Hälfte der Normalverdiener der Auswertung zu Folge in der Verarbeitenden Industrie oder im Öffentlichen Dienst.

          Gemischt fällt die Analyse zur sozialen Mobilität aus, also zu der Frage, wie gut die Aufstiegschancen in der Gesellschaft sind. Diese Chancen hätten in den vergangenen Jahrzehnten zwar abgenommen, dennoch bilanzieren die Wissenschaftler: „Von denjenigen, die mit einem Einkommen leben, das sie als einkommensarm oder armutsgefährdet einstuft, schafft jeder Dritte über einen Zeitraum von vier Jahren den Aufstieg in die mittlere Einkommensgruppe.“ Die Chance zum Aufstieg aus Armut ist demnach größer als die Gefahr aus der Mittelschicht abzurutschen. 

          Um die Mittelschicht zu stärken empfiehlt die Bertelsmann-Stiftung unter anderem mehr für die Aus- und Weiterbildung der Berufstätigen zu tun, mittlere Einkommen steuerlich zu entlasten und die Arbeitsanreize für Frauen zu erhöhen. Den Koalitionsvertrag der designierten Bundesregierung aus SPD, Grünen und FDP sehen die Autoren als Schritt in die richtige Richtung: „Es gibt eine ganze Reihe von Vorhaben, die im Koalitionsvertrag festgehalten sind, die vor dem Hintergrund unserer Studienergebnisse sehr positiv zu bewerten sind“, sagt Valentina Consiglio, Arbeitsmarktexpertin der Bertelsmann-Stiftung. Dazu zählt sie unter anderem die geplante Einführung einer Ausbildungsgarantie, die Anhebung des Mindestlohns und die angekündigten umfassenden Investitionen in Digitalisierung und Infrastruktur. 

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