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Harte Arbeit, wenig Geld : „Meine Mitarbeiter, meine Vollidioten“

Schillernde Welt, doch das Geld für die Busfahrt zum Arbeitsplatz fehlt manchmal: Sicherheitsleute warten auf Kunden und Kaufhausdiebe. Das abgebildete Geschäft ist aber nicht Kunde der im Text beschriebenen Sicherheitsfirma. Bild: Helmut Fricke

Murat Can ist der Boss von achtzig Sicherheitsleuten und Türstehern. Früher war er selbst einer. Heute verleiht er die Männer. Die Kunst aber ist, sie zum Arbeiten zu bringen – irgendwie. Ein Tag im tiefsten Niedriglohnsektor.

          Guter Lohn für gute Arbeit? Murat Can kann da nur lachen. Er ist der Chef von achtzig Kaufhausdetektiven, Pförtnern und Türstehern. Can bezahlt ihnen neun Euro brutto die Stunde. Seine besten Detektive erhalten zehn. Das ist so wenig, dass er nur Leute bekommt, die seiner Einschätzung nach „keine andere Wahl mehr haben“. Wenn Can gut gelaunt ist, nennt er sie „meine Mitarbeiter“. Ansonsten „meine Vollidioten“. Can war einst einer von ihnen.

          Christoph Schäfer

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft Online.

          Vom Vollidioten zum Boss. Vor ein paar Jahren noch stand er selbst vor dem Einlass eines Stadions, für wenig mehr als den heutigen Mindestlohn. Doch er war talentierter als die anderen. Schlauer. Pfiffiger. Fleißiger. Er gründete in einem südlichen Bundesland sein eigenes Unternehmen und nahm einige seiner Kollegen mit. Das hier ist die Geschichte eines Tages mit ihm, aus seinem Geschäft und dem seiner Leute. An diesem sonnigen Freitagmorgen braust er in seiner neuen schwarzen Limousine Richtung Innenstadt, seine früheren Kameraden kontrollieren. „Damit sie mich nicht bei der Zeit bescheißen.“ Wenn alles stimmt, sind eine Viertelstunde vor Ladenöffnung zwei Detektive und zwei Türsteher auf ihren Posten. „Wenn einer noch nicht da ist, streiche ich ihm einen halben Tag. Die lernen es nur auf die harte Tour.“

          Can trifft pünktlich um Viertel vor zehn ein. Drei Mitarbeiter sind da, einer fehlt. Can zückt sein Handy. „Du kommst jetzt sofort hierher und kriegst erst ab 14 Uhr bezahlt.“ Der Mitarbeiter protestiert, Can interessiert’s nicht: „Hättest ja auch früher kommen können.“ Er legt auf. Can spricht den nächsten Türsteher auf dessen Kleidung an: „Deine Anzughose ist zu lang und zu billig.“ Außerdem wolle der Geschäftsführer des Ladens beim Sicherheitspersonal keine Turnschuhe sehen. Und das bedruckte T-Shirt scheine unter dem Hemd durch. „Hier, Kollege, musst bisschen was optimieren.“ Auch der nächste Türsteher fällt optisch durch. „Musst mal wieder zum Friseur!“ Der Mitarbeiter lacht verlegen, winkt ab. „Nein, ich mein’s ernst. Morgen bist du frisiert, so will ich dich nicht noch mal sehen!“

          Zu guter Letzt beschwert sich ein Detektiv, dass er die versprochene Lohnerhöhung nicht bekommen habe. Statt neun Euro sollten es 9,50 Euro sein. Bei 210 Stunden im Monat macht das 57 Euro mehr auf dem Konto. Für ihn eine ernste Sache. Noch während der Mitarbeiter neben ihm steht, ruft Can seine neue Sekretärin an, das Geld müsse sofort überwiesen werden.

          Körperverletzung? Kein Problem!

          Geld, Geld, Geld. Und ein bisschen Verbrechen. So sind Cans Tage eben. Am Telefon will nun auch sein Büro etwas wissen: Ein Bewerber habe einen Eintrag im polizeilichen Führungszeugnis. Ob das ein Ausschlussgrund sei? „Nicht unbedingt“, erklärt ihr der Chef, der aus Angst um seine Aufträge seinen wahren Namen nicht in diesem Artikel lesen will. „Körperverletzung geht nicht bei Flüchtlingsheimen, Vermögensdelikte nicht bei Geschäften.“ Im konkreten Fall hatte der Bewerber jemanden zusammengeschlagen. Er soll bei Veranstaltungen arbeiten. „Das geht“, sagt Can. „Kein Problem.“

          Solche Entscheidungen haben Can erfolgreich gemacht. 8000 Euro brutto verdient er im Monat, den BMW kann er voll absetzen. Das Geld hat er sich verdient. Zweifellos ist ein Mann mit Cans Qualifikationen selten. Da er selbst jahrelang als Türsteher und Detektiv gearbeitet hat, versteht er die Arbeit seiner Mitarbeiter. Er kennt ihre Probleme und auch ihre Ausreden. Zugleich kann er mühelos über die Ausgestaltung eines Auftrags verhandeln. „Ich bin die Brücke zwischen unseren Billigarbeitern und den Geschäftsführern der Kunden“, erklärt er. „Ich kann mit beiden Seiten reden.“

          „Bei den Siebzig-Kilo-Kanaken musst du aufpassen“

          Was Can auch kann, ist sich prügeln. In seiner Freizeit boxt er. Außerdem hat er eine Trainerlizenz für Selbstverteidigung. Seine Kampfkunst braucht er nicht oft - aber wenn, dann kommt es drauf an. Nicht jeder ertappte Ladendieb wartet seelenruhig darauf, dass die Polizei eintrifft. „Die Typen mit Stiernacken verlassen sich dann auf ihre Körperkraft, das geht. Aber bei den Siebzig-Kilo-Kanaken musst du aufpassen, die ziehen ein Messer.“ Vor zwei Jahren erst habe ein Russe einem Mitarbeiter eins ohne Vorwarnung in die Seite gerammt. Can brachte den Messerstecher zu Fall, eine Frage der Ehre.

          „Ich bin noch nie zurückgewichen. Ich könnte nachts nicht mehr schlafen, wenn ich so jemand laufen ließe.“ Viel häufiger als mit pöbelnden Gästen und angriffslustigen Dieben schlägt sich Can allerdings mit den Problemen seiner Angestellten herum. „Die Menschen, die für mich arbeiten, haben alle irgendwelche Schwierigkeiten - Unterhaltszahlungen, Pfändungen, irgendeinen Scheiß.“ Meist geht es um Geld. Es ist das beherrschende Thema. Spätestens ab der Mitte des Monats bekommt Can Anrufe, die direkt aus dem Big-Brother-Container kommen könnten. Bei einem stellt er laut:

          „Chef, isch kann morgen nich arbeiten.“

          „Aha, wieso?“

          „Isch hab kein Geld für Bus!“

          „Und wie soll ich dir jetzt helfen?“

          Pause.

          „Weiß nisch, aber isch kann morgen nich kommen.“

          Lange Pause.

          „Hör mal. Du hast doch erst vor zwei Wochen deinen Lohn bekommen. Wo ist das Geld denn hin?“

          Schweigen.

          „Ja ne, is gut, also ich versuch dann, morgen da zu sein.“

          Can legt auf. „Der hat gehofft, dass ich vorbeikomme und ihm hundert Euro bringe. Mindestens. Aber damit kommt er auch nicht bis zum Monatsende.“ Oft genug macht Can es trotzdem. In einem kleinen Büchlein notiert er, wem er wann welche Summe vorgestreckt hat. Derzeit hat er insgesamt zehntausend Euro verliehen.

          „Der ist voll für den IS“

          Warum macht er das? Warum sagt er seinen Leuten nicht, dass es ihr eigenes Problem ist, ob sie noch Geld für den Bus haben? Can lacht. „Klar könnte ich denen das sagen. Aber dann habe ich morgen keinen, der vor dem Laden steht. Und dann diskutiere ich nicht heute mit meinem eigenen Mitarbeiter, sondern morgen mit einem Geschäftsführer, der wissen will, warum sein Laden nicht bewacht wird, obwohl er einen Vertrag mit mir hat.“

          Damit die Geschäfte auch gut bewacht werden, zieht Can weiter durch die Stadt. Vor der Filiale einer Kaffee-Kette zeigt er auf einen kahlrasierten Mann. Breite Schultern, dicke Muskeln, diverse Tattoos an Hals und Händen. Ein Schlägertyp. „Auch einer von uns. Ein super Detektiv. Aber voll der Salafist. Der ist voll für den IS.“

          Im Laden stehen drei Detektive lässig beieinander, sie schwatzen. Cans gute Laune verfliegt. Er lässt sich die Statistik bringen, wie viele Diebe seine Leute in letzter Zeit erwischt haben. „Die Zahlen sind richtig scheiße!“, ruft er. Zwei Diebe sollen seine Leute am Tag fangen. „Und jetzt sehe ich hier seit einer Woche nicht eine Anzeige!“ Can blafft seine Mitarbeiter an: „Hey, wenigstens eine am Tag mache ich so.“ Dabei fährt er mit der Hand vor seiner Hose auf und ab, als würde er onanieren.

          Eine Woche Ausbildung reicht

          Ein libanesischer Detektiv unterbricht ihn: „Nein, Herr Can, wir können keine zehn Fälle in der Woche mehr machen! Wir haben keine Algerier mehr, keine Asylanten mehr, keine Ratten mehr. Wir haben so viele erwischt, die sind alle weg!“ Can zeigt ihm den Vogel. „So eine Statistik will ich nicht noch mal sehen, sonst stell ich hier um!“

          Später, als er den Laden wieder verlassen hat, gibt Can zu, dass der Einwand durchaus clever war. „Die sind ja nicht dumm, die haben nur keine Bildung. Und die sind gerissener als du, weil sie wissen, wie sie im Leben durchkommen. Die haben auf der Straße gelernt, während du in der Schule gehockt hast. Deshalb fangen sie die Diebe auch leichter als du.“

          Formale Bildung brauchen seine Mitarbeiter tatsächlich so gut wie keine. Die Türsteher am Eingang der Geschäfte haben oft nur eine einwöchige Ausbildung absolviert. Außerdem müssen sie Deutsch sprechen, zuverlässig und sauber sein. Klingt überschaubar, ist aber keine Selbstverständlichkeit. Wenn Can den Auftrag bekommt, mit fünfzig Sicherheitsleuten eine Veranstaltung zu beschützen, bestellt er siebzig ein. „Zehn erscheinen erst gar nicht, und zehn muss ich wieder wegschicken, weil sie komisch aussehen oder stinken.“

          9,25 Stunden Arbeit sind zu wenig

          Laut Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung stellen deutsche Unternehmen im Jahr knapp sechs Millionen Menschen neu ein. Davon etwa jeden Vierten zu höchstens zehn Euro je Stunde. Eine wichtige Rolle spielt dabei die Qualifikation: 59 Prozent dieser Niedriglöhner haben keinen Berufsabschluss.

          Die Zahlen können den niedrigen Lohn zwar erklären, sie lösen aber das Problem nicht. Deshalb schlagen die Finanznöte seiner Mitarbeiter in mehrfacher Hinsicht auf ihren Chef durch. Die meisten Geschäfte haben zehn Stunden am Tag auf. Mit Pause ergibt sich eine tägliche Arbeitszeit von neuneinviertel Stunden. Für viele Türsteher unannehmbar - weil zu kurz. „Jeder will zehn bis zwölf Stunden am Tag arbeiten, weil das Geld sonst nicht reicht“, sagt Can. „Wir haben sogar Mitarbeiter, die lassen sich ihren Urlaub auszahlen.“

          Das Handy klingelt, sein Cousin und Stellvertreter ist dran. „Ich wollt dir nur sagen, die Yasmin hat mich gerade angerufen. Sie braucht sofort vierzig Euro, ihr Kind hat nächste Woche Geburtstag.“

          „Was hast du ihr gesagt?“

          „,Scheiß drauf‘, hab ich ihr gesagt, sie soll halt mehr arbeiten.“

          „Ja, scheiß drauf!“ Anruf beendet.

          Fast alle wollen schwarzarbeiten

          Um besser über die Runden zu kommen, bedrängen viele Mitarbeiter Can mit einer illegalen Idee: Sie wollen schwarzarbeiten. Alle drei Bewerber, mit denen Can heute spricht, bilden da keine Ausnahme. Can versucht, die Kandidaten beim offiziellen Lohn hochzutreiben. Die Bewerber streben in die andere Richtung. Es wird gefeilscht wie beim Autohändler:

          „Ich geb dir 650 Euro offiziell, der Rest kommt bar auf die Hand.“

          „Nee, maximal 400.“

          „Es geht doch um eine Vollzeitstelle!“

          „Schon, aber alles über 400 wird mir abgezogen.“

          Am Ende einigt man sich auf 450 Euro offiziell. Arbeitsbeginn morgen.

          Die meisten Bewerber, erzählt Can später, wollten möglichst wenig legal verdienen, weil der Staat ihnen sonst Zuschüsse streiche. Die Kombination aus offiziellem Lohn, Hartz IV und Schwarzarbeit ist für Menschen mit niedrigstem Qualifikationsniveau unschlagbar attraktiv.

          „Die will mich ruinieren“

          Der junge Mann von eben hatte allerdings nicht das Amt, sondern seine frühere Frau im Nacken: „Meine Ex will Unterhalt. Ich bezahl ja alles, was fair ist, aber sie will das Doppelte. Die will mich ruinieren.“ Was er ihr besonders übelnimmt: „Die geht schwarz kellnern. Und das Geld davon gibt sie nirgends an, deshalb soll ich so viel zahlen.“ Eine Vermutung, weshalb sie ihn ausnehmen will, hat er auch: „Ich habe direkt nach der Geburt unseres Sohnes mit ihr Schluss gemacht. Das verzeiht sie mir nicht.“

          Dreißig Minuten später kommt die nächste Bewerberin. Sie weiß genau, was sie will: „Hier, ich brauche 450 Euro offiziell und den Rest so.“

          „Wie wär’s, wenn ich dich Vollzeit anstelle?“

          „Naa, ist mir zu wenig.“

          „Auch bei zehn Euro in der Stunde?“

          „Nee, das reicht auch nicht.“

          Can und die Kandidatin vertagen sich. Sie will noch mal anrufen, vielleicht.

          „Meine Kunden sind genauso scheiße“

          Ein schlechtes Gewissen hat keiner der Beteiligten. Die Bewerber sehen sich geradezu gezwungen, wegen ihres niedrigen Stundenlohns, habgieriger Ämter und Ex-Frauen in die Schwarzarbeit zu flüchten. Can stellt sich wiederum auf den Standpunkt, dass er juristisch raus ist, wenn er die Leute offiziell einstellt und die restlichen Stunden meist über einen befreundeten Subunternehmer laufen. „Was habe ich damit zu tun, wie der seine Leute bezahlt?“

          Auch moralisch sieht er sich nicht in der Pflicht. Schuld an den niedrigen Stundensätzen sei ja nicht er, sondern die Auftraggeber. „Für einen Mechaniker zahlst du neunzig Euro die Stunde, für einen Elektriker fünfzig. Was glauben meine Kunden eigentlich, wen sie für fünfzehn Euro bekommen?“ Can rechnet vor: Sein Türsteher bekomme neun Euro brutto. Mit Verwaltungskosten, Krankheitstagen und Sozialabgaben koste er die Firma knapp vierzehn Euro. Maximal zwei Euro blieben pro Mann und Stunde als Gewinn hängen. „Und dann sollen alle voll ausgebildet sein und ich sie offiziell einstellen? Wie soll das gehen?“

          Zumal das Internet höhere Preise verhindere. „Da gibt es Firmen, die bieten Security für 12,50 Euro die Stunde an. Und die Kunden kommen dann zu mir, zeigen mir das und verlangen, dass wir noch billiger werden. Die interessiert es einen Scheiß, mit welchen Methoden die anderen das für 12,50 Euro hinbekommen.“ Wer nur auf die Schwarzarbeiter zeige, mache es sich zu einfach. „Nicht nur die Mitarbeiter sind schuld, meine Kunden sind genauso scheiße.“

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