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Neue Prognose : Aufsichtsräte verdienen immer mehr

Paul Achleitner, Aufsichtsratschef von der Deutschen Bank, wird trotz Krise schätzungsweise 800.000 Euro in diesem Jahr bekommen. Bild: dpa

Die großen Debatten über Gehälter entzünden sich meist an üppigen Boni für die Vorstände. Aber auch ihre Aufseher verdienen nicht schlecht. Wer liegt vorne?

          Die großen Debatten über Managergehälter entzünden sich meist an üppigen Boni für die Vorstände. Weil die Aufsichtsräte nur einen Bruchteil davon verdienen, sorgen deren Bezüge auch seltener für Schlagzeilen. Doch auch im Schatten tut sich etwas: Die Bezüge der Chefaufseher der großen deutschen Aktienunternehmen werden in diesem Jahr um rund 4,4 Prozent steigen. Im Durchschnitt verdienen die Aufsichtsratsvorsitzenden der Dax-Unternehmen im Jahr 2016 rund 370.000 Euro. Zu diesem Ergebnis kommt die Unternehmensberatung Willis Towers Watson in ihrer jüngsten Prognose.

          Tillmann Neuscheler

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Die Bandbreite ist beträchtlich: Top-Verdiener unter den Chefkontrolleuren im Dax dürfte wie im Vorjahr wieder Paul Achleitner von der Deutschen Bank werden. Schätzungsweise 800.000 Euro wird er in diesem Jahr bekommen. An zweiter Stelle folgt Siemens-Chefkontrolleur Gerhard Cromme mit 608.000 Euro. Am wenigsten zahlt der Pharmakonzern Merck seinem Aufsichtsratschef Wolfgang Büchele. Er bekommt lediglich knapp 98.000 Euro für seine Kontrolltätigkeit bei Merck; allerdings arbeitet er hauptamtlich noch als Chef von Linde und verdient dort wesentlich mehr.

          Insgesamt sind die Bezüge der Aufsichtsräte in den vergangenen Jahren deutlich schneller gestiegen als die der Vorstände. Das zeigt ein Vergleich mit dem Jahr 2005: Während die Vorstandsvorsitzenden seither im Schnitt 3 Prozent pro Jahr mehr verdienten, bekamen die Aufsichtsratsvorsitzenden 7 Prozent mehr im Jahr.

          Studienautor Helmuth Uder hält den Anstieg für angemessen, weil sich die Rolle der Aufsichtsräte in den vergangenen Jahren stärker gewandelt hat. Tatsächlich müssen Aufsichtsräte heute deutlich mehr Zeit aufwenden als früher. Sie haften strenger und daher treffen sich auch die Kontrollgremien häufiger: Früher waren oft nur vier Sitzungen im Jahr üblich, heute ist die doppelte Zahl keine Seltenheit. Hinzu kommen die Sitzungen der Ausschüsse. In Krisenunternehmen wie bei der Deutschen Bank oder Volkswagen können so schnell mehrere Dutzend Sitzungen zusammenkommen. Im Gegenzug hat die Zahl der Multi-Aufsichtsräte, die parallel in den Kontrollgremien mehrerer Großunternehmen sitzen, stark abgenommen.

          Immer mehr Großunternehmen gehen dazu über, ihren Aufsichtsräten einen reinen Festgehalt zu bezahlen, hinzu kommt dann noch das übliche Sitzungsgeld mit einem festen Betrag je Sitzung, aber keine variable Vergütung mehr. Dieser Trend hält weiter an: In diesem Jahr haben etwa die Commerzbank und Infineon auf eine reine Festvergütung umgestellt. So sind es inzwischen 18 der 30 Dax-Unternehmen, die auf die früher übliche variable Vergütung verzichten. Die restlichen 12 setzen auf eine Kombination aus festen und variablen Bestandteilen.

          Dass die Umstellung auf eine reine Festvergütung zu geringeren Bezügen führt, ist dabei keinesfalls ausgemacht. Das zeigen anschaulich die Fälle Commerzbank und Infineon. Für deren Aufsichtsratschefs Klaus-Peter Müller und Wolfgang Mayrhuber hat sich die Umstellung gelohnt. Im Vergleich zum Vorjahr bekommen beide letztlich über 40 Prozent mehr. Das sind mit weitem Abstand die größten Gehaltssteigerungen in diesem Jahr, allerdings gehörten beide Unternehmen im Vorjahr auch zu den eher schlecht zahlenden.

          Vergütungsexperte Uder sieht die Umstellung auf reine Festvergütung kritisch. Er empfiehlt weiterhin, einen Teil der Vergütung an den wirtschaftlichen Erfolg des Unternehmens zu koppeln, allerdings nicht den kurzfristigen, sondern den langfristigen. Das machen derzeit noch 8 Unternehmen. Stark aus der Mode gekommen ist dagegen die kurzfristige variable Vergütung, die noch vor wenigen Jahren durchaus üblich war. Dabei wird die Tantieme an den Gewinn oder die Dividende des abgelaufen Geschäftsjahrs gekoppelt. Nur noch 4 Dax-Unternehmen nutzen dieses Modell, vor knapp zehn Jahren waren es noch 25. Weil es auch nicht mehr den Vorgaben des Corporate-Governance-Kodex entspricht, wird es weiter verschwinden, vermuten die Vergütungsexperten von Willis Towers Watson. Unternehmen, dürfen das Modell zwar noch nutzen, müssen im Geschäftsbericht aber erklären, warum.

          Die Studie der Unternehmensberater zeigt auch, dass die Spreizung innerhalb der Aufsichtsräte weiter zunimmt. Schon immer hat der Chef des Gremiums mehr bekommen als einfache Aufsichtsratsmitglieder. Früher galt als Daumenregel, dass der Vorsitzende des Gremiums etwa das Doppelte einfacher Mitglieder bekommt, inzwischen bekommt er bei der Mehrheit der Dax-Unternehmen das Zweieinhalb- oder Dreifache.

          Der Frauenanteil in den Dax-Aufsichtsräten steigt weiter. Insgesamt liegt er jetzt bei 29 Prozent. Die gesetzlich geforderte Mindestquote von 30 Prozent, die seit Januar 2016 gilt, wird von 13 Dax-Unternehmen noch nicht erfüllt. Sie müssen freiwerdende Stellen jetzt zwingend mit Frauen besetzen. Laut Studie müssen insgesamt noch rund 20 Frauen in die Aufsichtsräte berufen werden, damit auch die restlichen Dax-Unternehmen die Vorgaben erfüllen.

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