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Lebensmittel für Bedürftige : Der große Hunger auf die Tafeln

Die Helfer der Tafeln sammeln in den Supermärkten rund 200.000 Tonnen überzählige Lebensmittel im Jahr ein und verteilen sie an Bedürftige. Bild: Jens Gyarmaty

Gut 1,5 Millionen Menschen holen sich Brot, Obst und Gemüse bei den Lebensmittel-Tafeln. Es werden immer mehr. Dabei ist die Armut hierzulande gar nicht gewachsen.

          Smoothies, eine ganze Kiste voll, Geschmacksrichtung: Banane/Spinat. Felicitas von Bethmann wuchtet die Kühlbox mit den Mischgetränken auf einen Holztisch im Kirchenladen von Königstein im Taunus. Jeden Dienstag verteilen Bethmann und ihre Mitstreiter von der örtlichen Lebensmittel-Tafel hier, mitten im blank geputzten Millionärsstädtchen, wo die Banker, Manager und Industriellen dicht an dicht wohnen, die Reste der Überflussgesellschaft an die Armen.

          Sebastian Balzter

          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Achtzehn große Kisten mit Brot, Nudeln, übrig gebliebenen Ostereiern, Süßigkeiten, Obst und Gemüse sind es diese Woche. Dazu Milch, Käse und Joghurt in einem mannshohen Kühlschrank in der Ecke des Raums. Und zum ersten Mal seit Gründung der Königsteiner Tafel: Smoothies.

          Früher hat Felicitas von Bethmann ein Altenheim geleitet. Jetzt nimmt sie den Deckel der Styroporkiste ab, schaut sich die Flaschen mit der sehr grünen Flüssigkeit an und macht dazu ein skeptisches Gesicht. „Na dann, viel Glück beim Verteilen“, muntert sie die drei anderen Helferinnen auf, die sich schon ihre Schürzen mit dem Logo der Tafel umgebunden haben. Eine von ihnen ist zur Armenhilfe im schwarzen Mercedes-Coupé herangebraust, berichtet eifrig von ihrem Debattierclub. Auch die anderen tragen unter den Schürzen Markenkleidung. Vier Damen im Renten- oder Vorruhestandsalter, die sich um ihr eigenes täglich Brot nicht mehr sorgen müssen. Jetzt wollen sie etwas Gutes tun.

          Überzählige Lebensmittel an Bedürftige verteilen anstatt das Essen auf den Müll zu werfen - die aus Amerika importierte Idee ist so bestechend, dass sie seit der Gründung der ersten deutschen Tafel 1993 auch hierzulande ein Erfolgsmodell geworden ist.

          „Seismographen der Gesellschaft“

          Jeder Konzernchef würde sich die Hände reiben, wenn er mit Wachstumszahlen prahlen könnte wie der Bundesverband Deutsche Tafeln: Mehr als 900 Tafeln mit gut 2000 Ausgabestellen gibt es in Deutschland, ihre Zahl hat sich innerhalb von nur zehn Jahren verdreifacht. 2005 kamen 500.000 Menschen mehr oder weniger regelmäßig, um sich Lebensmittel abzuholen, oft gegen einen kleinen Obolus, weswegen sie von den Helfern als „Kunden“ bezeichnet werden. Heute sind es gut 1,5 Millionen.

          Dabei hat sich, um im Jargon der Betriebswirte zu bleiben, die Zielgruppe kaum vergrößert. Zumindest weist das die Sozialstatistik so aus. Die Zahl der Haushalte, die nach der gängigen Definition als arm oder armutsgefährdet gelten, weil sie mit weniger als 60 Prozent vom Medianeinkommen über die Runden kommen müssen, ist seit Jahren ungefähr gleich. Daran hat nicht einmal die Hartz-IV-Reform etwas geändert, die seit 2005 gilt - dem Jahr, in dem die Zahl der Tafeln sprunghaft gestiegen ist. Hungern, das räumen sogar die schärfsten Systemkritiker ein, muss in Deutschland ohnehin niemand.

          Was bedeutet es, dass es trotzdem in jedem Zipfel des Landes eine Tafel gibt, seit 2010 sogar im reichen Königstein? So viele, dass selbst der Bundesverband der Tafeln weiteren Neugründungen kritisch gegenübersteht? Als „Seismographen der Gesellschaft“ bezeichnen sich die Tafeln selbst. Aber was genau zeichnen diese Seismographen auf?

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