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Migranten in Corona-Krise : Die Armutsfalle in Deutschland

Lebensmittel in einer Frankfurter Tafel Bild: Michael Braunschädel

Immer mehr Migranten droht Armut. Corona verschärft die gefährliche Spaltung. Von der Bundesregierung hat man bislang erschreckend wenig dazu gehört.

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          Menschen lassen sich gerne in dem bestätigen, was sie ohnehin für die Wahrheit halten: Die Deutschen werden immer ärmer, ist so eine Gewissheit. Eine andere lautet: Die Zuwanderung frisst den Wohlstand der Bundesrepublik auf. Beide sind falsch.

          Dabei bestätigen neue Daten des Statistischen Bundesamtes die zwei Thesen scheinbar. Die Quote der Menschen, die Armut fürchten müssen, ist in Westdeutschland in den vergangenen zehn Jahren gestiegen, heißt es in einer Mitteilung aus Wiesbaden. Wer nach den Ursachen sucht, stößt rasch auf eine steigende Zahl von Menschen mit Migrationshintergrund, die für den Trend verantwortlich ist.

          Warum die beiden Thesen dennoch verkehrt sind? Das mittlere Einkommen der Deutschen, aus denen die Statistiker die Armutsschwelle ableiten, steigt und steigt. Für einen Alleinlebenden betrug es demnach im Jahr 2009 netto 1336 Euro, zehn Jahre später waren es 1790 Euro. Auch bereinigt um die Mini-Inflation in diesem Zeitraum ist das ein dicker Wohlstandsgewinn. Schaut man nur auf die Menschen ohne Migrationshintergrund, bleibt festzuhalten: Von ihnen sind immer weniger von Armut gefährdet – Zuwanderung hin oder her.

          Die wachsende Zahl der Migranten, die von Armut gefährdet sind, muss dagegen aufschrecken: In Hessen leben inzwischen mehr Menschen mit Migrationshintergrund unterhalb der Schwelle zur Armutsgefahr als Menschen ohne Migrationshintergrund. Dabei beträgt ihr Anteil an der Bevölkerung nur etwa ein Drittel. Diese Spaltung darf nicht noch tiefer werden.

          Doch genau das ist die Gefahr in der Corona-Krise. Nur etwa jeder zweite der seit dem Jahr 2015 nach Deutschland gekommenen Flüchtlinge hat bisher Arbeit gefunden. Für diejenigen, die bislang den Sprung in den Arbeitsmarkt nicht geschafft haben, wird er nun in vielen Fällen zum Ding der Unmöglichkeit. Einfache Tätigkeiten in Restaurants oder am Flughafen sind derzeit nicht gefragt, auch höher qualifizierte Bewerber nehmen jetzt Jobangebote an, die sonst für Flüchtlinge eine Option waren. Die Krise trifft die Schwächsten.

          Von der Bundesregierung hat man bislang erschreckend wenig dazu gehört, wie sie dieser Bevölkerungsgruppe trotz Corona eine Perspektive bieten will. Das zu versäumen, wäre ein gefährlicher Fehler, der Wut und Frustration schüren würde.

          Johannes Pennekamp

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaftsberichterstattung, zuständig für „Die Lounge“.

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