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#Allesistdrin : Die schöne Welt mit Lastenrad

  • -Aktualisiert am

Das Wahlplakat der Grünen Bild: Bündnis 90/Die Grünen

Ein Wahlplakat der Grünen zeigt eine vierköpfige Familie, die mit einem Lastenfahrrad durchs Grüne fährt. Und es zeigt ein Problem, das die Partei in ihrer Ansprache hat.

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          Man muss sich nicht über Werbung ärgern. Sie soll zum Konsum anregen. Oder sie soll Initiativen, Parteien und Organisationen in einem möglichst guten Licht erscheinen lassen. Aber natürlich regen wir uns über Werbung auf, wenn sie ein Bild zeichnet, das uns nicht (mehr) passt. Zum Beispiel wenn ein veraltetes Bild vom Verhältnis zwischen Mann und Frau gezeichnet wird. Oder wenn das Bild einer Gesellschaft gezeichnet wird, das nicht mehr der heutigen Wirklichkeit zu entsprechen scheint. Werbeplakate zeichnen wie ein sprachlicher Frame das Bild einer Wunschwirklichkeit.

          So ist es auch kein Wunder, dass in der Zeit des Wahlkampfes über Wunschwirklichkeiten diskutiert wird. Insbesondere wenn es um umstrittene Wunschwirklichkeiten geht. So geschah es Bündnis 90/Die Grünen mit einem ihrer jüngeren Wahlplakate. Es zeigt eine vierköpfige Familie, die mit einem Lastenfahrrad durchs Grüne fährt. Vater strampelt, Mutter sitzt mit behelmtem Nachwuchs im Frontlader. Die Sonne strahlt, die Mutter ebenso, der Hashtag verweist auf das Motto #Allesistdrin. Eine schöne Welt mit einer schönen Familie in einer intakten Natur.

          Die Grünen suchen sich ihre Frames selbst aus

          Auf dem Kurznachrichtendienst Twitter brachte das vorwiegend das konservative und liberale Milieu auf. Das Fahrrad gilt vielen als Symbol für technischen Rückschritt. Man erinnert sich daran, dass in den frühen achtziger Jahren CDU- und CSU-Abgeordnete das Bild entwarfen, mit den Grünen klettere man zurück auf die Bäume, in denen die Vorgänger der Menschen einmal lebten – manche Bilder sitzen sehr tief. Deshalb gilt es, neue zu erzeugen. Doch auch die stärksten Bilder legen Dinge offen. „4000 Euro fürs Lastenrad, fast 200 für den Pullover“, rechnete jemand auf Twitter vor.

          Dieser Vorwurf begleitet die Grünen seit einiger Zeit. Sie betrieben eine Nachhaltigkeitspolitik, die vor allem für die Besserverdienenden der akademischen Schicht attraktiv ist. Der Berliner Bergmannkiez ist ein gentrifiziertes Viertel in Berlin-Kreuzberg, das früher sehr alternativ war und heute sehr bürgerlich-urban-bunt ist. Vom Lifestyle of Health and Sustainability (Lohas), der um die Jahrtausendwende mal en vogue war, ist nicht mehr so häufig die Rede. Doch die Grünen suchen sich ihre Frames, die sie setzen, selbst aus.

          Sie hätten auch eine Familie mit gebrauchten Fahrrädern vom Flohmarkt und günstigen Klamotten fotografieren können. In Zeitungsberichten schwärmen Großstädter davon, dass sie mit ihren teuren Lastenfahrrädern endlich wieder mit ihren Familien Freunde in anderen Quartieren besuchen könnten. Sie scheinen vergessen oder nicht gewusst zu haben, dass das vorher mit einem Kindersitz vorn und einem hinten am normalen Fahrrad auch schon möglich war – es sei denn, sie wollen den Freunden zum Antrittsbesuch noch eine Kiste Wasser mitbringen.

          Boris Palmer, der in Ungnade gefallene Tübinger Oberbürgermeister, hatte sich einst über das voll auf Diversity ausgelegte Personeninventar einer Werbung der Deutschen Bahn beklagt, weil es nicht repräsentativ für Deutschland sei. Natürlich (und auch zurecht) war der Aufschrei unter seinen Parteifreunden groß. Natürlich sei Diversity ein erstrebenswertes Ziel der Gesellschaft. Wenn die Bahn im ICE Menschen unterschiedlicher Couleur zeige, entspreche das der Lebenswirklichkeit in diesem Land. Gegen eine Broschüre mit teuren Uhren ist auch nichts einzuwenden. Sie wird bei einigen den Wunsch kreieren, eine solche Uhr zu besitzen.

          Die Frage nach dem Ausschluss

          Entspricht es also der Wunschwirklichkeit, mit einem Lastenrad von mehr als 4000 Euro einen nachhaltigen Lebensstil zu verwirklichen? Oder schließt das bestimmte Bevölkerungsgruppen aus, die sich das Lastenrad nicht leisten können oder die einen klimaschonenden Lebensstil auch mit weniger coolen Accessoires des Alltags hinbekommen wollen. Schließt der auf dem Plakat vorgeführte Lebensstil aus – und das von einer Partei, die eigentlich beansprucht, inklusiver als andere zu sein? Und deren Anhänger sich zurecht für Diversity in einer Kampagne der Deutschen Bahn aussprechen?

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          Ist das ein Aufreger? Natürlich nicht. Aber darf man Parteien ihre freiwillig gewählten Frames vorhalten und ihnen beschreiben, welche Aspekte sie hervorheben und welche sie in den Hintergrund rücken? Ja, natürlich. Die Grünen neigen zu einer einfachen Symbolik: Stoffbeutel gut, Plastiktüte schlecht (auch wenn die Ökobilanz anderes sagt). In der politischen Werbung geht es darum, mit Bildern und Slogans Wunschwirklichkeiten entstehen zu lassen. Wenn eine Partei ein konsumorientiertes Modell eines klimaneutralen Lebensstils zum Idealbild erklärt, ist das in Ordnung. Aber man darf es dann halt auch konsumistisch und nicht-inklusiv nennen. Und es verdeckt, dass Klimaneutralität auch mit schmalerem Budget möglich ist.

          Philipp Krohn
          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.

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