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Lohnunterschiede : Was heißt hier gerecht?

Flyer der Gewerkschaft Verdi Bild: dpa

Der Mindestlohn hat das Lohngefüge vor allem im Osten von unten stabilisiert. Man mag das im Ergebnis begrüßen – ein Grund zu großem Jubel ist es aber nicht.

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          Für den üblichen Aufschrei der sozial Empörten eignen sich die neuen Zahlen aus dem Statistischen Bundesamt offensichtlich nicht: Die Ungleichheit der Löhne hat abgenommen, das Gefälle zwischen dem oberen und dem unteren Zehntel der Beschäftigten ist flacher als zuvor. Nach den üblichen Maßstäben der Sozialstaatsdebatte ist das Land damit gerechter geworden. Und die Gewerkschaften heben mit leicht triumphierendem Unterton hervor, warum: Der 2015 eingeführte allgemeine Mindestlohn habe wunschgemäß gewirkt – also müsse die Regierung ihn rasch auf 12 Euro erhöhen.

          Was aber, wenn man nicht der Ansicht ist, dass Ergebnisgleichheit mittels staatlich organisierter Umverteilung das zentrale Ziel sei? Wenn man sozialen Erfolg und gesellschaftlichen Zusammenhalt lieber an der Fähigkeit zu Selbstverantwortung und Selbstorganisation misst? Dann drängen sich lauter Zweifel auf – die in Zeiten fehlender wirtschaftlicher Dynamik mehr Beachtung verdienen.

          Ist es im Sinne des Leistungsgedankens denn eigentlich ein Fortschritt, wenn das obere Zehntel der Beschäftigten – sozusagen die Elite der Arbeitnehmerschaft – im Osten nur noch das 2,8-fache der unteren zehn Prozent erzielt? Natürlich kann man darüber streiten, ob am oberen Ende der Lohnskala stets automatisch die besten Leistungsträger zu finden sind. Aber Lohnunterschiede zwischen Gering- und Hochqualifizierten stattdessen einzuebnen ist garantiert kein Erfolgsrezept. Jeder Mensch sollte sich durch eigene Anstrengung hocharbeiten können, oder gilt etwa selbst das schon als mangelnde Solidarität?

          Natürlich hat der Mindestlohn das Lohngefüge auf der anderen Seite vor allem im Osten von unten stabilisiert. Man mag das im Ergebnis begrüßen, Grund zu großem Jubel ist es jedoch nicht – schon gar nicht für Gewerkschaften, die die Selbstorganisation von Arbeitnehmern fördern wollen, um Tarifverträge durchzusetzen. So gesehen, ist die neuen Statistik eigentlich ein Ausweis ihres Scheiterns. Anstatt sich aber nun umso stärker um ihren Eigenbeitrag zum sozialen Zusammenhalt zu kümmern, rufen sie nach noch mehr Staat. Man darf gespannt sein, wer über den schrumpfenden Niedriglohnsektor jubelt, falls irgendwann hunderttausende Geringqualifizierte keine Arbeit mehr haben.

          Dietrich Creutzburg
          Wirtschaftskorrespondent in Berlin.

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