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Kommentar : Gleichheit ist nicht Gerechtigkeit

Mehr Verdienst für Krankenschwestern - das fänden viele Deutsche gerecht. Bild: obs

Martin Schulz hat mehr soziale Gleichheit versprochen – und ist damit gescheitert. Unter Gerechtigkeit verstehen die Deutschen etwas anderes.

          Das Rätsel war groß, Anfang des Jahres, als Martin Schulz Kanzlerkandidat der SPD wurde. Die soziale Gerechtigkeit wolle er stärken, länger Arbeitslosengeld zahlen – und die Herzen flogen ihm zu. Bald schoss er in den Umfragen nach oben, den SPD-Ortsvereinen gingen die Mitgliedsanträge aus. Und das Rätsel war groß. Denn die Arbeitslosigkeit ist klein. In jeder Umfrage sagen die Deutschen, dass es ihnen so gut geht wie noch nie. Wenn sie mit ihrem Leben zufrieden sind wie noch nie – warum stürzen sie sich dann so auf die soziale Gerechtigkeit?

          Seitdem sind Wochen ins Land gezogen. Die SPD ist in den Umfragen auf Normalmaß zurück, sie hat zwei Landtagswahlen verloren. Sogar im Stammland Nordrhein-Westfalen könnte sie am Sonntag die Ministerpräsidenten-Stelle verlieren. Offenbar reicht die „soziale Gerechtigkeit“, um die SPD zu begeistern und die Sympathisanten der Partei zur Mitgliedschaft zu bewegen - aber nicht, um Wahlen zu gewinnen. Dazu braucht es ein Bildungsprogramm, Glaubwürdigkeit in Sachen Verbrechensbekämpfung – all das wurde in den vergangenen Tagen genug diskutiert.

          Ist jetzt also die Welt wieder in Ordnung? Sind die Deutschen jetzt wirklich zufrieden? Nicht so schnell. Immer noch gilt, dass die Deutschen zwar mit ihrem eigenen Leben zufrieden sind, sich aber für das Land große Sorgen machen – und auch die soziale Ungleichheit zu groß finden.

          Für die Deutschen ist Gleichheit nicht Gerechtigkeit

          Was ist da los? Offenbar sehen die Deutschen ein Defizit in Sachen sozialer Gerechtigkeit. Aber sie haben mehrheitlich doch eine andere Vorstellung davon, was das ist, als die SPD. Da lohnt sich ein Blick in die Soziologie. Einen „konservativen Wohlfahrtsstaat“ nannte der Soziologe Gøsta Esping-Andersen Deutschland schon in den 90er-Jahren – im Gegensatz zu den liberalen Angelsachsen, aber auch im Gegensatz zu den sozialdemokratischen Skandinaviern.

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          Ein konservativer Wohlfahrtsstaat, das heißt kurz gefasst: Soziale Ungerechtigkeit ist für die Deutschen nicht, wenn einer mehr verdient als der andere. Nicht die Ungleichheit an sich. Soziale Ungerechtigkeit ist für die Deutschen dann, wenn sie den Mehrverdienst nicht für gerechtfertigt halten. Und wenn jemand, unverschuldet in Not gekommen, den Lebensstandard nicht mehr halten kann.

          Was die Soziologen theoretisch festgestellt haben, sehen Verhaltensökonomen seit Jahren experimentell bestätigt: Soziale Unterschiede sind nur dann unbeliebt, wenn es dafür keinen Grund gibt – wenn es eine guten Grund dafür gibt, dass einer mehr bekommt als der andere, dann haben die Deutschen eher etwas gegen die unbedingte Gleichheit.

          Was ist unfair?

          Was ist unfair? Manager, die trotz anscheinend schlechter Leistung Millionen-Abfindungen bekommen, wie VW-Ethikvorstand Christine Hohmann-Dennhardt. Ungerecht finden die Deutschen Unternehmen, die offenbar auch den letzten Trick anwenden, um möglichst wenig Steuern zu zahlen. Und es wirkt unfair, wenn Krankenschwestern, Altenpfleger und Erzieher nur den Dank ihrer Schützlinge bekommen, ansonsten aber wenig Gehalt. Solche Themen regen die Deutschen auf und verstärken das Gefühl, die soziale Ungerechtigkeit sei zu groß. Am Ende glauben die Deutschen sogar, die Einkommen seien ungleicher verteilt, als sie es tatsächlich sind.

          Für blinde Umverteilung sind die Deutschen aber trotzdem nicht zu haben. Eigentlich könnte die SPD das selbst wissen. Eine Studie der parteinahen Friedrich-Ebert-Stiftung hat schon 2016 gezeigt, wofür die Deutschen den Staat einspannen wollen: vor allem für die Renten- und die Krankenversicherung, und dafür, dass die Deutschen Arbeit haben. Arbeitslosen mehr Geld zu zahlen, ist schon nicht mehr so beliebt. Und was hat Martin Schulz gemacht? Er kündigt an, dass das Arbeitslosengeld länger gezahlt wird.

          Unter Gerechtigkeit verstehen die Deutschen aber etwas anderes. Geld soll bekommen, wer arbeitet und wer nicht mehr arbeiten kann. Gleichmacherei dagegen mögen die Deutschen nicht.

          Vielleicht denkt Martin Schulz gerade etwas ähnliches. Gerade noch vor der Wahl in Nordrhein-Westfalen lässt die SPD erkennen, dass sie jetzt doch über Steuersenkungen nachdenkt, im unteren Bereich natürlich, aber: dort, wo arbeitende Leute entlastet werden. Mal sehen, ob ihm das mehr Erfolg bringt.

          Patrick Bernau

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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