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Arm und reich : Für arme Kinder wird viel getan - aber nicht genug

Aufwachsen im Hochhausviertel: Kinder einkommensschwacher Eltern haben es oft nicht leicht. Bild: AP

Massenarbeitslosigkeit hat vielen Kindern Armut gebracht. Und auch die Jüngsten in unser Gesellschaft nehmen Ungleichheit wahr. Was ist zu tun?

          Am Anfang stand ein Auftrag: Eine Gruppe von Ökonomen und Soziologen sollte eine Bestandsaufnahme liefern, wie finanzschwache Randgruppen in Europa leben. Das geschah im Jahr 1974. Die Auftraggeber waren die Regierungschefs aller Mitgliedstaaten der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft, für Deutschland trug Willy Brandt den Beschluss. Damals hatte sich das Gefühl breitgemacht, dass die Europäische Gemeinschaft mehr sein müsse als nur ein zollfreier Raum.

          Philipp Krohn

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.

          Seit dieser Zeit beschäftigt sich Richard Hauser mit Armut in Europa. Der emeritierte Frankfurter Wirtschaftsprofessor war einer der Autoren des ersten Armutsberichts an die europäische Kommission, der nach einigen Vorarbeiten schließlich 1981 vorgelegt wurde. Hauser ist inzwischen 79 Jahre alt und weiter umtriebig. Von Zeit zu Zeit erscheinen wissenschaftliche Aufsätze von ihm in Fachzeitschriften. Vor allem aber ist er ein Zeitzeuge, der nicht nur den Armutsdiskurs von Beginn an verfolgt und mitgestaltet hat, sondern auch die reale Situation einkommensschwacher Schichten genau kennt. Und er hat den Begriff der Infantilisierung der Armut durchgesetzt, der eine Verschiebung der Forschungsperspektive von alleinstehenden Frauen auf Kinder in Familien mit geringen Einkommen mit sich brachte.

          13 Prozent der Kinder unter Armutsgrenze

          „Seit ich mich mit dem Thema beschäftige, hat sich die Situation der Kinder deutlich verschlechtert, weil sich die Situation der Eltern verschlechtert hat“, sagt Hauser. Als die Arbeitslosigkeit in den achtziger Jahren zu einem Massenphänomen wurde, haben auch deutlich mehr Kinder zumindest vorübergehende Armutserfahrungen gesammelt. Auch wenn es in einigen Bevölkerungsschichten weiterhin umstritten ist, diesen Begriff angesichts der absoluten Armut in Entwicklungsländern zu bemühen, hält Verteilungsökonom Hauser ihn für gerechtfertigt. „Es geht um Menschen, die nicht in der Lage sind, die monetären Mittel aufzubringen, um eine angemessene Teilhabe zu sichern.“ Das Bundesverwaltungsgericht habe schon vor zwei Jahrzehnten unmissverständlich klargestellt, dass ein Schwarz-Weiß-Fernseher zum Leben dazugehöre. „Diese Definition gefällt vielen nicht, aber das Existenzminimum richtet sich nicht nach dem Lebensstandard in Indien“, betont Hauser.

          Doch seit Mitte der nuller Jahre hat sich die Situation stabilisiert. Die Arbeitslosigkeit ist im Zuge eines regelrechten Jobwunders zurückgegangen. Die Auflösung von Tarifkartellen, die rot-grünen Arbeitsmarktreformen, die Exportstärke, das duale Ausbildungssystem und die Modernisierung deutscher Unternehmen haben dazu beigetragen. Deutschland steht auch im Hinblick auf die Kinderarmut im internationalen Vergleich gut da. Im Durchschnitt aller Mitglieder der Industriestaatenorganisation OECD fallen 13 Prozent der Kinder unter die Armutsgrenze von 50 Prozent des Medianeinkommens, das die Einkommensverteilung in zwei Hälften teilt. Deutschland kommt zwar nicht an den Spitzenreiter Dänemark mit 3 Prozent heran, zählt aber mit 8 Prozent zu den führenden Staaten. Italien und die Vereinigten Staaten liegen mit 17 und 21 Prozent dagegen weit unter dem Durchschnitt. „Deutschland verbessert sich zudem. Die Beschäftigungsquote von Frauen nimmt allmählich zu, das hilft auch gegen Kinderarmut“, sagt Monika Queisser, die bei der OECD in Paris die Abteilung Sozialpolitik leitet.

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