Arm und reich : Für arme Kinder wird viel getan - aber nicht genug
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Blick auf die kindliche Perspektive
Da Armut häufig eine Erfahrung von Kindern alleinerziehender Mütter ist, sieht die Sozialforscherin in der stärkeren Erwerbsbeteiligung von Frauen einen entscheidenden Hebel, um die Kinderarmut zu mildern. „Zudem hat sich die Kinderbetreuung deutlich verbessert. Dadurch, dass der volle Bezug des Elterngelds an Vätermonate geknüpft wurde, gibt es einen Anreiz, schnell wieder zur Arbeit zurückzukehren“, sagt sie. Dass sich das Elterngeld am vorherigen Gehalt der Eltern orientiert, könnte zwar bestehende Ungleichheiten zementieren. Ein solcher Effekt könnte allerdings mehr als ausgeglichen werden, wenn Mütter im unteren Einkommensbereich wieder einer eigenen Erwerbstätigkeit nachgehen.
Doch indem sich Richard Hausers Begriff von der Infantilisierung der Armut durchsetzte, hat sich die wissenschaftliche Forschung auch stärker auf die kindliche Perspektive der Einkommensungleichheit konzentriert. „Zuvor wurden Kinder immer nur als Anhängsel gesehen. Dabei ist Armut die Lebenslage von Kindern. Die finanzielle Situation prägt ihr Aufwachsen“, sagt Gerda Holz vom Institut für Sozialarbeit und Sozialpädagogik in Frankfurt, die im Jahr 2000 die erste umfassende deutsche Studie verantwortet hat, die Armut explizit aus einer kindlichen Perspektive untersucht hat.
„Es ist ganz wichtig, welche Normen Nichtarme setzen„
Ab Mitte der neunziger Jahre habe sich die Wissenschaft allmählich an das Thema herangetastet. „Kindergartenkinder nehmen Armut wahr, aber nicht so, dass man es abfragen könnte“, sagt Holz und deutet auf die Schwierigkeit hin, die kindliche Perspektive zu erfassen. „Es macht sich eher an Antworten auf Fragen fest, wie: Willst du mit diesem Kind spielen?“, sagt sie. Kleidung, Sauberkeit und die Qualität des Spielzeugs seien Abgrenzungskriterien für Kindergartenkinder. Sätze wie „Der stinkt“ oder „Der hat nicht das richtige Spielzeug“ deuteten darauf hin, dass Kinder Ausprägungen von Armut wahrnehmen. Statistische Forschungen haben zudem ergeben, dass die Wohnsituation und der gesundheitliche Zustand armer Kinder schlechter ist.
Doch neben dem umfangreichen Sozialsystem, das die Ungleichheit stark abfedert, helfen auch viele Ansätze im praktischen Leben, mit denen finanzschwache Familien und ihre Kinder gestärkt werden. „Es gibt erfolgreiche Bewältigungsstrategien von Eltern und Kindern. Dieses Wissen wird systematisch in der Kindergartenarbeit eingesetzt“, sagt Holz. Kinder aus Familien mit niedrigen Einkommen sind oft nicht mit geldbezogenen Alltagserfahrungen vertraut. „Wie man sich ein Ticket im öffentlichen Nahverkehr kauft, kann man den Kindern beibringen“, sagt Holz.
Seit etwa dem Jahr 2000 sei die Beschäftigung mit Kinderarmut in die Resilienzforschung gemündet, die der Frage nachgeht, wie man gezielt die Widerstandskraft von Kindern erhöhen kann. „Das mündete in Konzepte der Armutsprävention: in Kindergärten, Kommunen, Kitas. Jetzt greift es auch auf Schulen über“, sagt Holz. Das Bewusstsein von Erziehern und Lehrern für die soziale Ausgrenzung einkommensschwacher Kinder werde geschärft. Auch Eltern seien gefordert. „Es ist ganz wichtig, welche Normen Nichtarme setzen. Wenn die Messlatte immer höher wird, ist das nicht armutspräventiv, sondern macht andere kleiner“, betont Holz. Es könne einkommensschwachen Eltern das Leben schon erleichtern, nicht das teure neue Spielzeug mit in den Kindergarten zu bringen.