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Trotz Zuwanderung : Die Kinderarmut in Deutschland sinkt

Die Zahl deutscher Kinder, die von Hartz IV leben, ist stark rückläufig. Bild: dpa

Deutlich weniger einheimische Kinder leben von Hartz IV. Dennoch ist die Zahl der Betroffenen insgesamt nur leicht zurück gegangen. Woran liegt das?

          2 Min.

          Die Kinderarmut in Deutschland ist in den vergangenen fünf Jahren trotz hoher Asylzuwanderung gesunken. Das gilt jedenfalls dann, wenn man dafür als Maßstab den Bezug von Grundsicherung („Hartz IV“) nutzt. Die Zahl deutscher Kinder, die mit ihren Familien von Hartz-IV-Leistungen lebten, ist sogar stark rückläufig. Das zeigen aktuelle Zahlen der Bundesagentur für Arbeit. Sie zeichnen damit ein anderes Bild als eine am Mittwoch verbreitete Publikation der Bertelsmann-Stiftung. Deren Darstellung zufolge „verharrt“ Kinderarmut „seit Jahren auf konstant hohem Niveau, obwohl es in dieser Zeit eine teils sehr gute wirtschaftliche Entwicklung sowie zahlreiche familienpolitische Reformen gab“.

          Dietrich Creutzburg

          Wirtschaftskorrespondent in Berlin.

          Den amtlichen Daten zufolge lebten in Deutschland Ende 2019 insgesamt 1,87 Millionen Kinder unter 18 Jahren in Haushalten, die Hartz IV bezogen. Das waren 35.000 weniger als Ende 2014. Dahinter stehen zwei gegenläufige Entwicklungen: Die Zahl der betroffenen deutschen Kinder sank um 371.000 oder 23 Prozent auf zuletzt 1,27 Millionen. Zugleich verdoppelte sich die Zahl betroffener Kinder mit ausländischem Pass auf 655.000. Deren Anteil an der Gesamtzahl der Kinder im Hartz-IV-System hat sich damit in den fünf Jahren von 17 auf 35 Prozent erhöht.

          Dies erklärt sich vor allem durch die Fluchtmigration von 2015 und 2016, in deren Folge nun etliche ehemalige Asylbewerber durch Leistungen der Grundsicherung unterstützt werden. Wie eine auf Anfrage der F.A.Z. erstellte Zusatzauswertung der Bundesagentur zeigt, waren unter den zuletzt 654.509 ausländischen Kindern im Hartz-IV-System allein 403.763 Kinder aus Syrien, Irak, Afghanistan und den anderen wichtigen Asylherkunftsländern. Seit Ende 2014 ist deren Zahl um 341.000 gestiegen, hat sich also gut versechsfacht. Die Zahl der von Hartz IV betroffenen ausländischen Kinder, deren Familien schon länger in Deutschland leben, ist hingegen gesunken.

          Die Auswertung verdeutlicht, dass die von der Bertelsmann-Stiftung kritisierte Entwicklung von Kinderarmut vor allem darauf zurückzuführen ist, dass Familien aus Bürgerkriegsländern nach Deutschland gekommen sind und hier Schutz erhalten haben. Die Publikation der Stiftung, die von dieser am Mittwoch als „Factsheet“ klassifiziert und von Nachrichtenagenturen als „Studie“ bezeichnet wurde, geht auf diese Aspekte jedoch nicht ein.

          Allerdings definiert die Bertelsmann- Publikation einen erweiterten Armutsbegriff: Dieser erfasst zum einen alle Kinder, die in Hartz-IV-Haushalten leben; zum anderen zählt sie aber auch alle Kinder dazu, deren Familien ein Einkommen von weniger als 60 Prozent des allgemeinen Einkommensmittelwerts haben. Dies sind nach ihrer Berechnung zusammen 2,8 Millionen Kinder, ein Fünftel aller unter 18-Jährigen in Deutschland. Wie der Publikation zu entnehmen ist, fallen darunter auch 460.000 Kinder, deren Familien zwar von Hartz IV leben, die damit aber dennoch mehr als 60 Prozent des allgemeinen Einkommensmittelwerts erzielen. Die Stiftung wie auch SPD, Grüne, Linke und Sozialverbände nahmen die Publikation am Mittwoch zum Anlass, neue und höhere Sozialleistungen für Kinder zu fordern.

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