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F.A.Z.-exklusiv : Besserverdiener verdienen immer besser

Anreiz für Mehrarbeit und Wachstum: Luxus Bild: Reuters

In Deutschland gehen die oberen und die unteren Einkommen immer stärker auseinander - hat eine Studie der KfW herausgefunden. Diese Ungleichheit hat aber auch Vorteile.

          Die Unterschiede zwischen oberen und unteren Einkommen haben seit der Jahrtausendwende in Deutschland deutlich zugenommen. Im Jahr 2000 verdiente ein Haushalt, der vom Einkommen zu den oberen 20 Prozent zählte, im Schnitt das Dreieinhalbfache eines Haushalts, der zu den unteren 20 Prozent zählte. Im Jahr 2014 verdiente er das Fünffache.

          Tim  Kanning

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Das geht aus einer Studie der staatlichen Förderbank KfW hervor, die der Frankfurter Allgemeinen Zeitung exklusiv vorliegt. Während die Einkommen am oberen Ende demnach erheblich gestiegen sind, legten sie am unteren Ende langsamer zu als die Verbraucherpreise. Halte der Trend an, könne ein Teil der Bevölkerung vom wachsenden Wohlstand abgekoppelt werden, warnt der Autor der Studie, Martin Müller.

          Alles in allem stieg in Deutschland in den vergangenen 20 Jahren das verfügbare Einkommen aus Arbeit, Vermögen und monetären Sozialtransfers je Einwohner real um 9 Prozent – im Schnitt lag es im Jahr 2014 bei 20.900 Euro. Von Haushalt zu Haushalt ist das Wachstum je nach Einkommenshöhe allerdings höchst unterschiedlich ausgefallen. Müller hat für seine Untersuchung alle Haushalte in Deutschland in zehn gleich große Einkommensklassen (Dezile) aufgeteilt, wobei die zehnte keine Obergrenze hat und sich somit schlecht untersuchen lässt. Im untersten Dezil mit den niedrigsten Einkommen, in das zum Beispiel Hartz-IV-Empfänger fallen, ist das verfügbare Einkommen demnach in den Jahren 2000 bis 2014 nur um 6 Prozent gestiegen. Je höher die Einkommensklasse ist, desto stärker ist der Zuwachs ausgefallen. An der Obergrenze des höchsten untersuchten Zehntels legte das verfügbare Einkommen um ganze 38,7 Prozent zu. Es lag 2014 bei 36870 Euro. Alle Haushalte mit mehr Einkommen zählen zu den am besten verdienenden 10 Prozent.

          Flüchtlinge lassen Ungleichheit steigen

          Die Verbraucherpreise sind in dieser Zeit laut Müller um knapp ein Viertel gestiegen. In 40 Prozent der Haushalte hat das verfügbare Einkommen nicht mit dieser Teuerung mitgehalten, sie können sich heute also weniger leisten. Die Daten hat Müller größtenteils von der europäischen Statistikbehörde Eurostat.

          Das Auseinanderdriften lässt sich seiner Ansicht nach vor allem auf die unterschiedliche Entwicklung der Markteinkommen zurückführen. Denn insbesondere im Wettbewerb um die knapper werdenden Fachkräfte werden für Gutverdiener immer höhere Löhne gezahlt. Die Sozialleistungen, die einen Gutteil der Einkünfte am unteren Ende der Einkommensskala ausmachen, haben sich dagegen wenig geändert. Diese Leistungen von Staat und Arbeitgebern hätten sich in der Summe seit Ende der neunziger Jahre im Einklang mit dem wirtschaftlichen Wachstum erhöht und lägen konstant bei etwa 29 Prozent des Bruttoinlandsproduktes. Zudem sind zwar durch die Arbeitsmarktreformen viele ehemals Arbeitslose in Beschäftigung gekommen, verdienen dadurch aber nicht viel mehr.

          Nach Einschätzung von Jörg Zeuner, dem Chefvolkswirt der KfW, dürften auch die vielen Flüchtlinge die Ungleichheit der Einkommen vorerst einmal weiter steigen lassen. Zum einen, weil viele Zuwanderer gerade in den ersten Jahren Löhne und Gehälter beziehen, die am unteren Rand der Skala liegen. Zum anderen, weil viele zunächst arbeitslos sind und sich beruflich weiterqualifizieren müssen. Daher sei ein wichtiger Schritt gegen eine wachsende Ungleichheit, den Flüchtlingen so schnell wie möglich den Zugang zum Arbeitsmarkt zu ermöglichen und sie dafür entsprechend zu qualifizieren.

          Darüber hinaus nennt Zeuner vor allem eine Verbesserung der Bildungschancen für Kinder aus ärmeren Haushalten als Schlüssel zu einer Angleichung der Löhne. Er schlägt vor, dass für Eltern mit geringem Bildungsstand und Migrationshintergrund notfalls Anreize oder Verpflichtungen geschaffen werden sollten, ihre Kinder in Kitas und Krippen zu bringen, auch um deren Sprache und soziale Kompetenzen zu fördern.

          Die Studie zeigt allerdings auch: Aufgrund der Umverteilung über Steuern und Sozialabgaben zählt Deutschland immer noch zu den Staaten mit den geringsten Einkommensunterschieden in der Welt. Von 146 in der Studie untersuchten Staaten gibt es 133, in denen die Ungleichheit höher ist, darunter Spanien, Italien und Großbritannien. Die geringste Ungleichheit haben die Statistiker in der Tschechischen Republik und in Slowenien festgestellt.

          Deutscher Hartz-IV-Empfänger wäre in Rumänien Gutverdiener

          Schon diese beiden Spitzenreiter legen nahe, dass ein hohes Maß an Einkommensgleichheit nicht unbedingt den höchsten Wohlstand für alle bedeutet. Müller verweist in seiner Studie darauf, dass die Einkommensgleichheit Grenzen hat, da durch zu geringe Unterschiede die Anreize für Mehrarbeit und somit Wachstum fehlen. Statistiker messen die Ungleichheit von Daten mit dem Gini-Koeffizienten. Ein Koeffizient von 0,25 sei bisher das empirisch erfasste Höchstmaß an Gleichverteilung gewesen, das über einen langen Zeitraum mit hohem und wachsendem Wohlstand vereinbart werden konnte, schreibt Müller. In Deutschland war dieses Maß im Jahr 2000 erfüllt und ist bis zum Jahr 2014 auf 0,31 gestiegen, was dem EU-Durchschnitt entspricht.

          Vor allem die monetären Sozialleistungen wie Arbeitslosenhilfe, Rente und Kindergeld verkleinerten die Einkommensunterschiede beträchtlich, schreibt Müller. Rechnet man sie heraus, so ist der Gini-Koeffizient in der gleichen Zeit weit stärker gestiegen. Ganz aufheben können die Sozialleistungen das Auseinanderdriften der Markteinkommen aber nicht. Müller betont aber, dass das unterste Einkommensniveau in Deutschland, die 9000 Euro, die ein Alleinlebender mit Hartz IV beziehe, in vielen EU-Staaten einem normalen bis guten Einkommen entspreche. In Rumänien etwa ist das mittlere Einkommen nicht einmal halb so hoch.

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