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SPD-Politiker Lauterbach : „Regulärer Unterricht fällt mindestens ein Jahr aus“

Immer schön Abstand halten: Unterricht am 4. Mai in einer Grundschulklasse in Hamburg. Bild: dpa

Masken hin, Hygienekonzept her: Geht es nach SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach, fällt normaler Unterricht „für mindestens“ ein Jahr aus. An die Eltern denkt er dabei nicht.

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          Die allermeisten Schüler sind seit Mitte März keinen einzigen Tag mehr in der Schule gewesen. Erst seit vergangener Woche geht es für Abschlussklassen wieder los, sie erhalten zwar nicht in allen Fächern, aber wenigstens in den Hauptfächern und prüfungsrelevanten Fächern wieder Unterricht vor Ort. Weitere Lockerungen werden folgen. Das bayerische Kabinett etwa hat an diesem Dienstagvormittag beschlossen,dass es nach den Pfingstferien Mitte Juni wieder Präsenzunterricht für alle Schüler und alle Altersklassen geben soll. Den meisten vom Home-Schooling-geplagten Kindern und Eltern wird da ein Stein vom Herzen fallen.

          Christoph Schäfer

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und Finanzen Online.

          Der SPD offenbar nicht. Deren prominentester Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach ist sich sicher: „Regulärer Unterricht fällt für mindestens ein Jahr aus.“ Das schreibt der Sozialdemokrat auf Twitter, wo er über eine stolze Anhängerschaft von knapp 150.000 Followern verfügt. Auch diesmal hat der 57-Jährige einen Nerv getroffen, seine insgesamt sechs Nachrichten zum Thema sorgen für Tausende Reaktionen. Die meisten davon sind – gelinde gesagt – unfreundlich und verständnislos. Allerdings bringt dies das Medium Twitter mit sich.

          In jedem Fall ist sehr bemerkenswert, was Lauterbach von sich gibt. Er begründet die Unmöglichkeit des regulären Unterrichts mit „den Kinderstudien“. Es könne „als epidemiologisch sicher gelten“, dass „weder Apps noch Masken“ die Lage änderten, weil das Problem die Übertragung durch Aerosole und Kontakte im Klassenraum sei.

          Welche Studien Lauterbach genau meint, schreibt er in seinem kleinen Twitter-Aufsatz nicht. Wahrscheinlich hat er die jüngste Studie von Berliner Virologen um Christian Drosten im Kopf. Deren Kernergebnis ist, dass Sars-CoV-2-infizierte Kinder in ihrer infektiösen Phase andere Menschen genauso anstecken könnten wie jeder andere Erwachsene auch. Die Wissenschaftler empfehlen daher: „Was die unbegrenzte Wiedereröffnung von Schulen und Kindergärten angeht, müssen wir in der gegenwärtigen Situation, in der immer noch ein Großteil der Bevölkerung nicht immun ist und die Übertragung allein durch nicht-pharmakologische Maßnahmen niedrig gehalten werden muss, äußerste Vorsicht walten lassen.“

          „Kinder haben das Recht auf Bildung“

          Allerdings ist diese Lesart keineswegs so „epidemiologisch sicher“ wie es Lauterbach darstellt. Mehrere Kinderärzte und Infektiologen der Ludwig-Maximilians-Universität München beispielsweise entgegneten im Deutschen Ärzteblatt, dass sich in der Berliner Studie unter den fast 60.000 Probanden nur 16 Kinder unter zehn Jahren befunden hätten, die vergleichbare Virusmengen wie Erwachsene im Nasensekret hatten. Ihr Fazit: „Aus einer so selektionierten Stichprobe Folgerungen über die Infektiösität von Kindern im Allgemeinen anzustellen, ist reine Spekulation.“ Die Ärzte aus München betonen vielmehr: „Kinder haben das Recht auf Bildung.“

          Nun dürfen sich Politiker natürlich aussuchen, wem sie in einer Krise vertrauen, auf welchen Rat sie hören, wann wissenschaftliche Erkenntnisse für sie als „sicher“ selten. Allerdings wüsste man darüber hinaus gerne, woher Lauterbach die Erkenntnis nimmt, dass regulärer Unterricht „für mindestens 1 Jahr“ ausfallen müsse. Warum nicht gleich drei Jahre? Oder „nur“ ein halbes? Vielleicht will Lauterbach den regulären Unterricht ja so lange aussetzen, bis alle Kinder und Lehrer geimpft sind. Man weiß es nicht. Der Chef des französischen Pharmaherstellers Sanofi jedenfalls will bis zur zweiten Hälfte des kommenden Jahres eine Milliarde Impfdosen produziert haben. Das würde sich grob mit „mindestens ein Jahr“ decken.

          Drittens fällt auf, dass Lauterbach mit seiner Skepsis nicht allein dasteht. Auch SPD-Chefin Saskia Esken bezweifelt einen normalen Schulbetrieb im Herbst. Die frühere Vize-Vorsitzende des Landeselternbeirats Baden-Württemberg glaubt, „wir werden auch nach den Sommerferien einen Schichtunterricht in kontrollierbaren kleinen Gruppen haben, der durch digital gestützte Lernangebote begleitet wird.“ Grundschulkinder müssten „zumindest 50 Prozent Präsenzunterricht haben“.

          Wer passt auf die Kinder im Homeschooling auf?

          Um das brisanteste Thema drücken sich aber sowohl Esken als auch vor allem Lauterbach herum: Wie soll der Fernunterricht ohne große Bildungslücken, Bildungsungerechtigkeit und die Präsenz eines Elternteils zu Hause funktionieren? Studien aus den Vereinigten Staaten zeigen, dass drei Monate Ferien bis zu zweieinhalb Monate Schulwissen aus den Köpfen verschwinden lassen. Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) ermittelte kürzlich in einer Umfrage unter tausend Oberstufenschülern aus acht Bundesländern, dass „trotz der Bereitstellung von Lehrmaterialien durch die Schulen viele Schüler der Sekundarstufe II nur wenig Zeit für die Schule aufwenden“. Unter der Woche verbrachte nur jeder Vierte (27 Prozent) Jugendliche täglich vier oder mehr Stunden mit schulischen Aktivitäten. 35 Prozent wendeten zwei bis vier Stunden auf, 37 Prozent weniger als zwei Stunden. Gemessen an einem normalen Schultag mit sechs bis acht Stunden Unterricht samt anschließender Hausaufgaben ist das sehr wenig.

          Hinzu kommt: Kinder aus bildungsfernen Familien lernen oft weniger zu Hause als der Nachwuchs in Akademikerhaushalten. Viele Eltern aus ärmeren Milieus können mangels Sprachkenntnissen oder schulischer Bildung ihren Kindern kaum helfen. In vielen ärmeren Haushalten steht kein Drucker, es fehlt ein Computer mit Internetzugang, ein eigener Schreibtisch oder ein Ort, um in Ruhe zu lernen. Zumindest das hat SPD-Fachmann Lauterbach schon erkannt: „Die Sommerferien müssen genutzt werden, modernes Unterrichtsmaterial und die Technik vorzubereiten. [...] Wir brauchen ein Paket, welches Familien mit Kindern dies garantiert.“

          Doch selbst wenn alle Kinder über einen eigenen Schreibtisch, einen funktionierenden Laptop, eine störungsfreie und ausreichend schnelle Internetverbindung sowie datenschutzkompatible Programme verfügten: Ohne eine Betreuungsperson zu Hause wird es nicht gehen! Da die Großeltern als Covid-19-Risikogruppe als Betreuer ausscheiden, bleiben in den allermeisten Fällen nur die Eltern als Aufpasser übrig. Wie aber sollen die es machen? Die meisten Arbeitnehmer haben Berufe, die sich aus dem Homeoffice heraus nicht machen lassen. Und was soll eine alleinerziehende Mutter mit zwei Kindern tun, wenn auch im nächsten Schuljahr noch kein regulärer Unterricht stattfindet? Sowohl der eigene Urlaubsanspruch als auch die Geduld des Arbeitgebers sind endlich. Die Notbetreuung endet oft zu früh und sie ist, wie der Name schon sagt, eine Not-Betreuung. Wer sich schon jetzt festlegt, dass „regulärer Unterricht für mindestens ein Jahr ausfällt“, sollte wenigstens Lösungen für Eltern aufzeigen, die Geld verdienen müssen.

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