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SPD-Politiker Lauterbach : „Regulärer Unterricht fällt mindestens ein Jahr aus“

Drittens fällt auf, dass Lauterbach mit seiner Skepsis nicht allein dasteht. Auch SPD-Chefin Saskia Esken bezweifelt einen normalen Schulbetrieb im Herbst. Die frühere Vize-Vorsitzende des Landeselternbeirats Baden-Württemberg glaubt, „wir werden auch nach den Sommerferien einen Schichtunterricht in kontrollierbaren kleinen Gruppen haben, der durch digital gestützte Lernangebote begleitet wird.“ Grundschulkinder müssten „zumindest 50 Prozent Präsenzunterricht haben“.

Wer passt auf die Kinder im Homeschooling auf?

Um das brisanteste Thema drücken sich aber sowohl Esken als auch vor allem Lauterbach herum: Wie soll der Fernunterricht ohne große Bildungslücken, Bildungsungerechtigkeit und die Präsenz eines Elternteils zu Hause funktionieren? Studien aus den Vereinigten Staaten zeigen, dass drei Monate Ferien bis zu zweieinhalb Monate Schulwissen aus den Köpfen verschwinden lassen. Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) ermittelte kürzlich in einer Umfrage unter tausend Oberstufenschülern aus acht Bundesländern, dass „trotz der Bereitstellung von Lehrmaterialien durch die Schulen viele Schüler der Sekundarstufe II nur wenig Zeit für die Schule aufwenden“. Unter der Woche verbrachte nur jeder Vierte (27 Prozent) Jugendliche täglich vier oder mehr Stunden mit schulischen Aktivitäten. 35 Prozent wendeten zwei bis vier Stunden auf, 37 Prozent weniger als zwei Stunden. Gemessen an einem normalen Schultag mit sechs bis acht Stunden Unterricht samt anschließender Hausaufgaben ist das sehr wenig.

Hinzu kommt: Kinder aus bildungsfernen Familien lernen oft weniger zu Hause als der Nachwuchs in Akademikerhaushalten. Viele Eltern aus ärmeren Milieus können mangels Sprachkenntnissen oder schulischer Bildung ihren Kindern kaum helfen. In vielen ärmeren Haushalten steht kein Drucker, es fehlt ein Computer mit Internetzugang, ein eigener Schreibtisch oder ein Ort, um in Ruhe zu lernen. Zumindest das hat SPD-Fachmann Lauterbach schon erkannt: „Die Sommerferien müssen genutzt werden, modernes Unterrichtsmaterial und die Technik vorzubereiten. [...] Wir brauchen ein Paket, welches Familien mit Kindern dies garantiert.“

Doch selbst wenn alle Kinder über einen eigenen Schreibtisch, einen funktionierenden Laptop, eine störungsfreie und ausreichend schnelle Internetverbindung sowie datenschutzkompatible Programme verfügten: Ohne eine Betreuungsperson zu Hause wird es nicht gehen! Da die Großeltern als Covid-19-Risikogruppe als Betreuer ausscheiden, bleiben in den allermeisten Fällen nur die Eltern als Aufpasser übrig. Wie aber sollen die es machen? Die meisten Arbeitnehmer haben Berufe, die sich aus dem Homeoffice heraus nicht machen lassen. Und was soll eine alleinerziehende Mutter mit zwei Kindern tun, wenn auch im nächsten Schuljahr noch kein regulärer Unterricht stattfindet? Sowohl der eigene Urlaubsanspruch als auch die Geduld des Arbeitgebers sind endlich. Die Notbetreuung endet oft zu früh und sie ist, wie der Name schon sagt, eine Not-Betreuung. Wer sich schon jetzt festlegt, dass „regulärer Unterricht für mindestens ein Jahr ausfällt“, sollte wenigstens Lösungen für Eltern aufzeigen, die Geld verdienen müssen.

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