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Kapitalismus am Pranger

Von CHRISTOPH SCHÄFER
Illustration: Carsten Feig

25. Februar 2020 · Die Löhne sind hoch, die Arbeitslosigkeit ist niedrig, der Sozialstaat wächst. Trotzdem glaubt mehr als jeder zweite Deutsche, dass der Kapitalismus mehr schadet als nutzt. Dahinter steckt nicht nur Gejammer.

Der Kapitalismus ist in der Defensive, sozialistisches Gedankengut auf dem Vormarsch. Auch in Deutschland. Kürzlich sorgte das „Edelman Trust Barometer“ für Aufsehen, wonach 55 Prozent der Deutschen meinen, dass der Kapitalismus mehr schadet als nutzt. Einer Allensbach-Umfrage zufolge haben gerade mal 48 Prozent „vom Wirtschaftssystem in Deutschland eine gute Meinung“. Dafür stimmen 45 Prozent in einer Ipsos-Befragung mit der Aussage überein, „dass sozialistische Ideale gegenwärtig wertvoll für den gesellschaftlichen Fortschritt sind“.

Für die größte europäische Volkswirtschaft, die sich auch politisch gerne als Stabilitätsanker sieht, sind solche Ergebnisse dramatisch. Nach einem zehnjährigen Wirtschaftsaufschwung sind sie auf den ersten und zweiten Blick auch kaum zu erklären, denn die messbaren Lebensumstände haben sich an vielen Stellen verbessert. Die Bruttostundenlöhne sind in den Jahren 2013 bis 2018 inflationsbereinigt um mehr als 8 Prozent gestiegen. Die Arbeitslosenquote hat sich in den vergangenen 15 Jahren mehr als halbiert. Von Massenarbeitslosigkeit und einer verlorenen „Generation Praktika“ ist schon lange keine Rede mehr, die öffentliche Debatte wird vom Fachkräftemangel bestimmt. An schmerzhafte Reformen haben Union und SPD seit Jahren nicht mal gedacht, stattdessen hat die Regierung die Sozialausgaben des Bundes in den vergangenen sieben Jahren um 35 Milliarden Euro erhöht. Vor wenigen Tagen erst hat sie zusätzlich zur Rente mit 63 und höheren Mütterrenten die Grundrente beschlossen.

Trotzdem antworten nur 30 Prozent der Ostdeutschen und 48 Prozent der Westdeutschen auf die Frage „Gibt es ein Wirtschaftssystem, das besser als die Marktwirtschaft ist?“ klar mit „nein“. Selbst in Westdeutschland vertritt also nur jeder Zweite grundsätzlich die Überzeugung, dass die Marktwirtschaft anderen Systemen überlegen ist.

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