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Indien : Viel Armut, kaum Hilfe

Ein Lastwagen mit Wanderarbeitern fährt in den Bundesstaat Uttar Pradesh am Rande von Mumbai. Bild: dpa

Lebensmittelspeicher werden geöffnet, Jobs sollen den Ärmsten helfen. Doch die Hilfe kommt spät, und sie reicht hinten und vorne nicht.

          3 Min.

          Nach 52 Tagen Ausgangssperre und wachsendem Druck wendet sich die indische Regierung an die Tagelöhner. Immer noch zieht ein Strom früherer Wanderarbeiter über die Landstraßen und entlang der Autobahnen zurück in ihre Heimatdörfer, oft hunderte Kilometer entfernt. Immer wieder flammen Ärger und Enttäuschung der Zurückgelassenen auf, die sich auch in Auseinandersetzungen mit der Polizei entladen. Die Regierung hat nun einen Teil ihres Wirtschaftsförderungspaketes über umgerechnet 245 Milliarden Euro der Hilfe der Arme gewidmet.

          Christoph Hein

          Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

          Die Nerven liegen bei vielen Arbeitsmigranten blank, weil sie schlicht Hunger haben. In den Städten haben sie kein Auskommen und keine Bleibe mehr, seit sie nicht mehr arbeiten dürfen. Ihre Heimatdörfer bleiben ihnen als Fluchtpunkt – aber ihren Familien dort bringen sie kein Geld, sondern liegen ihnen auf der Tasche. Der Weg ist beschwerlich. Mehrere indische Journalisten begleiten die heimwärts ziehenden Gruppen mit ihren Taschen, Tüten und Koffern. Oft haben sie nicht mal genug, um ihre kleinen Kinder zu ernähren.

          640 kostenlose Züge

          In Sendhwa, an der Grenze des Bundeslandes Maharashtra, bekannt für seine rasche Industrialisierung, kam es zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Arbeitern und Polizisten. Tausende Tagelöhner warfen der Regierung vor, sie vergessen zu haben, ja die Grenzen vielleicht zu schließen. Sie kämpften dafür, dass die Landesregierung mehr als hundert Busse schicken möge, um sie in ihre Heimatdörfer zu bringen. Die indische Eisenbahn hat in den vergangenen Tagen endlich mehr als 640 kostenlose Züge, die „Shramik Special“, „Spezialzüge für die Arbeiterschaft“, fahren lassen, um Wanderarbeiter aus den Städten zu bringen. Manche Bundesstaaten aber verwehren ihnen die Einfahrt.

          In dieser Lage hat die Regierung unter Ministerpräsident Narendra Modi nun dem auch international immer lauter werdenden Drängen endlich nachgegeben, und ihren Millionen von Arbeitsmigranten wenigstens etwas Hilfe angeboten – wann diese sie erreicht, ist weiter ungewiss. „Wir haben nicht an die Probleme gedacht, vor denen die Wanderarbeiter stehen. Sie haben kein Dach über dem Kopf und kein Geld in ihren Taschen“, hatte der Ökonomie-Nobelpreisträger Abhijit Banerjee vergangene Woche gewarnt. „Es liegt in der Verantwortung der Regierung, ihnen zu helfen, weil sie durch mehrere Bundesstaaten ziehen, um nach Hause zu kommen“, sagte der Inder, der in Amerika lehrt. Er sprach sich für Lebensmittelkarten aus, die mindestens drei bis sechs Monate gelten müssten.

          Die Regierung ist seinem Rat nur in Maßen gefolgt. Aus dem riesigen Hilfspaket, dass rund einem Zehntel der gesamten Wirtschaftsleistung des Subkontinents entspricht, sollen über die nächsten zwei Monate kostenloser Reis, Weizen und Kichererbsen finanziert werden. Die Getreidespeicher der Regierung sind gut gefüllt. Die Verteilung aber war schon während vergangener Katastrophen immer eine Herausforderung. Auch dürfen die Armen nun ihre Lebensmittelkarten im ganzen Land einsetzen.

          Eine erste Untersuchung der Lage der indischen Landbevölkerung in Corona-Zeiten ergab , dass die Hälfte der Menschen in den Dörfern nun weniger isst als vor der Ausgangssperre. Hilfsorganisationen warnen vor einer Nahrungskrise, da spätestens jetzt die Vorräte der Menschen aufgebraucht seien. Fast 30 Prozent der Haushalte gaben an, dass ihre Kinder aufgrund der Krise wohl die Schule verlassen müssten.  Die Asiatische Entwicklungsbank (ADB) warnte am Freitag, dass in ihrer Region im schlimmsten Fall 400 Millionen Menschen durch Corona wieder unter die Armutsgrenze von 3,20 Dollar am Tag zu fallen drohten.

          23 Millionen Arbeitslose auf dem Land

          In extremer Armut, mit weniger als 1,90 Dollar am Tag, müssten in diesem Szenario 185 Millionen Menschen ihr Leben fristen. Die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) weist darauf hin, dass „55 Prozent der Weltbevölkerung oder mehr als 4 Milliarden Menschen ohne soziale Absicherung oder Versicherung“ auskommen müssten. In Indien trifft das auf rund 90 Prozent der Arbeiter zu.

          Angesichts der enormen Größenordnung der Aufgabe setzen die Hilfsmaßnahmen der Regierung spät ein: Von den Lebensmittelrationen werden zwar 630 Millionen Menschen profitieren. Doch greift die Hilfe erst im August, und wird sich erst bis März nächsten Jahres auf alle erstrecken. Auch deshalb kündigte Finanzministerin Nirmala Sitharaman nun das direkte Verteilen von Lebensmitteln zur Überbrückung an. Sie schätzt, dass davon 80 Millionen Wanderarbeiter profitierten – 80 Millionen, die derzeit auf Almosen angewiesen sind, wenn sie ihre kargen Ersparnisse in den vergangenen 50 Tagen verbraucht haben.

          Straßenhändler sollen von einem Kreditschema der Regierung profitieren, die – in normalen Zeiten dringend benötigten – Wanderarbeiter mit dem Umwandeln staatlicher Wohnanlagen in Billigunterkünfte in den Städten gehalten werden. Denn Gesellschaftswissenschaftler gehen davon aus, dass die nun unter Qualen nach Hause wandernden Arbeiter nach den derzeitigen Erfahrungen nicht mehr in die Städte zurückkehren werden. Wer aber soll dann ihre Arbeit machen, wenn Corona abklingt? Um ihnen aber in ihren Dörfern Arbeit und ein spärliches Einkommen zu verschaffen, garantiert die Regierung ihnen nun 146 Millionen Arbeitstage bis Mai nächsten Jahres.

          Legt man Sitharamans eigene Rechnung von allein 80 Millionen bedürftigen Wanderarbeitern zugrunde, kommt jeder rein rechnerisch auf knapp zwei Tage bezahlter Arbeit. Seit April habe die Regierung zudem umgerechnet gut 1,2 Milliarden Euro eingesetzt, um 23 Millionen Arbeitslosen auf dem Land über Arbeitsprogramme ein Auskommen zu verschaffen. Pro Person macht dies gut 52 Euro, oder einen Euro für jeden Tag Ausgangssperre.

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