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Afrika : Hungersnot in Äthiopien

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Ein hungerndes Mädchen in Äthiopien. Wasser und Nahrung sind knapp in dem ostafrikanischem Land. Bild: Jens Grossmann

In Äthiopien herrscht die schlimmste Hungersnot seit 30 Jahren. Die Regierung will das nicht wahrhaben, denn das passt nicht ins Selbstbild einer aufstrebenden Wirtschaftsnation.

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          Wer in diesen Tagen in den Norden Äthiopiens fährt, sieht sie wieder: abgemagerte Menschen mit lethargischem Gesichtsausdruck, die in der staubtrockenen Öde ausharren. Sie haben ihre Erntevorräte aufgebraucht, ihre Tiere verkauft. Geldreserven für Nahrung besitzen sie nicht mehr. Um an Wasser zu gelangen, gehen sie weite Strecken. Manchmal erreichen sie nach zwei Tagen ein kleines Wasserloch, in dem braune Brühe schwimmt. An den noch funktionierenden Brunnen hat der Verteilungskampf begonnen.

          Die Vereinten Nationen sprechen von der schlimmsten Hungersnot in Äthiopien seit 30 Jahren. Damals forderte die Hungersnot schätzungsweise eine Million Opfer. Die grausamen Bilder von Menschen, die bis aufs Skelett abgemagert waren, haben sich tief in unser kollektives Gedächtnis eingebrannt. Damals waren 10 Millionen Menschen auf Nahrungshilfe angewiesen. Heute sind es 18 Millionen und somit ein Fünftel der äthiopischen Bevölkerung. Und dies ist nur die offizielle Zahl, die wohl bald hochkorrigiert werden muss. Was nicht offiziell ist, aber häufig von Augenzeugen berichtet wird: Tausende Tiere sind schon verendet. Mütter können nicht mehr stillen. Kinder sterben.

          Die schnell wachsende Wirtschaft des afrikanischen Tigers

          Was man hier sieht, ist die hässliche Fratze des Wetterphänomens El Niño, zu Deutsch: das Christkind. So tauften Schiffer aus Ecuador die warme Meeresströmung im Pazifik, die alle 2 bis 8 Jahre zur Weihnachtszeit die Wasser- und Luftströme im tropischen Pazifik verändert. Dadurch kommt es im Westen Südamerikas zu heftigen Regenfällen, in Ostafrika, Australien und Südostasien hingegen zu Dürren. 2015 war dieses Phänomen außergewöhnlich ausgeprägt.

          In vielen Gegenden Äthiopiens sind daher die zwei Regenzeiten 2015 nahezu ausgefallen. Das Saatgut, das viele Bauern beim ersten Regen aussäten, verdorrte. Das Gras wuchs nicht genug, um die Ziegen und Schafe der Hirtenvölker zu ernähren. Eine Bevölkerung, die zu 80 Prozent von der Landwirtschaft lebt, trifft dies hart. Aber auch die aufstrebende Industrie Äthiopiens leidet unter der Dürre. Da ein Großteil der Stromerzeugung auf Wasserkraft beruht, kommt es zu häufigen Stromausfällen. Die Fabriken stehen dann still.

          Die äthiopische Regierung befindet sich in einer Zwickmühle: Sie will einerseits die Hungerbilder der achtziger Jahre überwinden und baut an dem Selbstbild eines starken Stabilitäts- und Wirtschaftsankers in Afrika. Ihren eigenen Statistiken zufolge wächst die äthiopische Wirtschaft um 10 Prozent. Wer dies wiederkäut, zählt Äthiopien zu den am schnellsten wachsenden Wirtschaften weltweit: der afrikanische Tiger. Dieses Selbstverständnis hindert die Regierung daran, das tatsächliche Ausmaß der Hungersnot zuzugeben. Andererseits macht sich in der Regierung Angst vor einer weiteren Hungerkatastrophe breit. Sie weiß: Im vergangen Jahrhundert folgten den beiden vergleichbar starken Hungersnöten die einzigen beiden Regimewechsel: 1974 der Sturz von Kaiser Haile Selassie, 1991 der Sturz der sozialistischen Militärdiktatur Derg unter Mengistu.

          Hilfe wird zu spät kommen

          Die äthiopische Regierung hat daher schon 380 Millionen Dollar zur Hungerbekämpfung aus dem eigenen Haushalt eingesetzt und weitere 120 Millionen Dollar in Aussicht gestellt. Die Bahnstrecke zum Hafen von Djibouti wurde für den Transport von Hilfsgütern noch vor ihrer Einweihung in Betrieb genommen. Das Kabinett berät sich wöchentlich zu dem Thema.

          Doch das reicht bei weitem nicht aus. Generalsekretär der Vereinten Nationen Ban Ki-Moon hat daher an die internationale Gebergemeinschaft appelliert. Die Vereinten Nationen schätzen, dass für die Versorgung von 10,2 Millionen Menschen 1,4 Milliarden Dollar notwendig sind. Die weiteren 8 Millionen Menschen werden nicht erwähnt, weil sie ohnehin jedes Jahr und unabhängig von der Dürre auf Hilfe angewiesen sind. Die internationale Gemeinschaft hat jedoch erst die Hälfte der 1,4 Milliarden Dollar aufgebracht. Die Bundesrepublik Deutschland belegt mit 47,2 Millionen Dollar Platz vier. Auch private Spender halten sich zurück.

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