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Schweiz : Die Vermögensteuer tut reichen Schweizern weh

Doch nicht so paradiesisch? Entgegen der meisten Meinungen, ist die Schweiz nicht für alle ein Steuerparadies. Bild: dpa

Die Schweiz gilt gemeinhin als Steuerparadies. Wenn man genauer hinguckt, ist das für Familienunternehmen aber überhaupt nicht der Fall.

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          Mitte November votierten die Grünen auf ihrem Parteitag in Münster für die Einführung einer Vermögensteuer in Deutschland. Bezahlen soll diese die „Superreichen“, wobei die Partei offenließ, jenseits welcher Schwelle ein Bürger als superreich zu gelten hat. Ob die Grünen nach den Bundestagswahlen im September 2017 in einer Regierungskoalition landen und diese Forderung dann tatsächlich aufs Tapet bringen können, weiß im Moment kein Mensch.

          Johannes Ritter

          Korrespondent für Politik und Wirtschaft in der Schweiz.

          Klar ist hingegen, dass es sich bei der Vermögensteuer um eine „olle Kamelle“ handelt, welche etliche Staaten in Europa in den vergangenen Jahrzehnten ausgespuckt haben, darunter Deutschland, Österreich, Schweden und Dänemark. Zu den wenigen Ländern, in denen sie noch erhoben wird, zählt die Schweiz.

          Kantone verlangen unterschiedlich hohe Sätze

          Dort heimst der Fiskus schon seit dem 19. Jahrhundert einen Anteil am Vermögen seiner Bürger ein. Zuletzt waren dies knapp 6 Milliarden Franken im Jahr. Das entspricht 5,6 Milliarden Euro. Das Geld fließt in die Kassen der Kantone, die – dem Steuerwettbewerb und der Progression sei Dank – unterschiedlich hohe Sätze verlangen. Die Spanne reicht von 0,2 Promille bis zu knapp 1 Prozent.

          Der Vermögensteuer sind unter anderem Barguthaben, Wertpapiere, Immobilien, Autos, Schmuck, Kunstwerke, Pferde, Yachten und Immobilien unterworfen, wobei Letztere zum jeweils aktuellen Verkehrswert zu bewerten sind. Von den kumulierten Vermögenswerten dürfen die Schulden abgezogen werden, was den Anreiz erhöht, Kredite aufzunehmen. Zumindest teilweise erklärt dies wohl die vergleichsweise hohe Verschuldung der privaten Haushalte in der Schweiz.

          Einkommens- und Erbschaftssteuer sind niedrig

          Die Vermögensteuer ist progressiv ausgestaltet. Der Steuersatz fällt also umso höher aus, je größer das Vermögen ist. Außerdem gibt es Freibeträge, die wiederum je nach Kanton unterschiedlich hoch sind. Wer auf ein Nettovermögen von weniger als 200000 Franken kommt, zahlt praktisch keine Vermögensteuer. Von einer Million aufwärts wird sie deutlich spürbar. Wer 5 Millionen Franken oder mehr zu melden hat, dem tut dieser staatliche Zugriff richtig weh. Bei Vermögen in dieser Größenordnung macht die Vermögensteuer oft den größten Anteil an der individuellen Steuerrechnung aus.

          Auf der anderen Seite sind die Einkommensteuern in der Schweiz vergleichsweise niedrig. Auch die Erbschaftsteuer fällt kaum ins Gewicht: Ehegatten, Kinder und Enkel brauchen in den meisten Kantonen im Erbfall überhaupt keine Steuern zu zahlen. Zudem gibt es anders als in Deutschland keine Steuer auf Kapitalgewinne (beispielsweise aus gestiegenen Aktienkursen). Trotzdem bleibt festzuhalten: Die „superreichen“ Schweizer werden in ihrem Heimatland ordentlich gemolken. Wohlhabende Ausländer, die in der Schweiz wohnen, dort aber nicht erwerbstätig sind (wie zum Beispiel Rennfahrer der Formel 1), kommen viel günstiger weg: Sie unterliegen einer Pauschalbesteuerung.

          Steuern für Familienunternehmen teilweise nicht bezahlbar

          Ärgerlich ist die Vermögensteuer vor allem für Schweizer Familienunternehmer, deren Vermögen zu einem großen Teil aus Anteilen an ihren Unternehmen besteht. „In der Schweiz müssen Unternehmer jährlich einen virtuellen, von der Eidgenössischen Steuerverwaltung ermittelten Wert für ihre privat gehaltenen Anteile einer Aktiengesellschaft versteuern“, klagt Beat Schelling, Inhaber der Schelling AG, eines Verpackungsspezialisten aus dem Kanton Aargau. Einkommen- und Vermögensteuern könnten sich sehr schnell zu einer Steuerbelastung von mehr als 50 Prozent des Einkommens summieren.

          „Aus der Sicht des Auslands oder der Linkspolitiker wird die Schweiz oft als Steuerparadies gesehen. Dies ist aber leider überhaupt nicht der Fall“, sagt Schelling. Die Steuern könnten Dimensionen annehmen, die Unternehmer oder Teilhaber aus den vorhandenen liquiden Mitteln gar nicht bezahlen könnten. Und anders als die Aktionäre von Großkonzernen könnten Familiengesellschafter keine Anteile an der Börse verkaufen, um mit dem Erlös die Steuern zu bezahlen.

          Wer 5 Millionen Franken oder mehr zu melden hat, muss bei der Vermögenssteuer ordentlich etwas abgeben.

          Ärger in der Start-up-Szene

          Marco Salvi von der liberalen Denkfabrik Avenir Suisse schlägt in die gleiche Kerbe: „Für Schweizer Familienunternehmen ist die Vermögensteuer Gift.“ Das Betriebskapital zu besteuern schmälere den Spielraum für Investitionen und Wachstum. Viele Unternehmensinhaber müssten sich Dividenden ausschütten, um die Vermögensteuer bezahlen zu können. Und wenn Unternehmen Verluste erlitten, sei diese Steuer besonders gefährlich, weil sie zusätzlich an der Substanz zehre.

          Im Kanton Zürich war die Vermögensteuer jüngst Anlass zu einem Aufstand in der Start-up-Szene: Dutzende Jungunternehmer drohten mit einem Umzug in einen anderen Kanton, weil ihre Steuerlast neuerdings an den Summen bemessen werden sollte, die ihre Investoren in den ersten Finanzierungsrunden zu zahlen bereit waren.

          Politik und Bevölkerung haben kaum Interesse an Änderung

          In der Folge wäre das Einkommen etlicher Gründer ganz oder zu einem großen Teil für die Vermögensteuer draufgegangen – obwohl längst nicht klar war und ist, ob ihre Geschäftsidee dereinst in eine blühende Unternehmung oder in eine krachende Insolvenz mündet. Der Kanton Zürich hat inzwischen reagiert und verfügt, dass Start-ups nicht mehr nach dem Verkehrswert, sondern nach dem deutlich geringeren Substanzwert besteuert werden, und zwar so lange, bis sie „repräsentative Geschäftsergebnisse“ vorweisen können.

          Für Marco Salvi ist dieser Fall ein weiterer Beleg dafür, wie schädlich die Vermögensteuer für den Wirtschaftsstandort Schweiz ist. Er plädiert dafür, diese Steuer, die wegen der notwendigen Überprüfung der Vermögenswerte obendrein sehr aufwendig zu erheben ist, ganz abzuschaffen und stattdessen eine Kapitalgewinnsteuer sowie eine moderate Erbschaftsteuer einzuführen.

          Doch dazu wird es wohl nicht kommen. Wegen der Freibeträge ist die große Mehrheit der Bevölkerung nicht oder kaum von der Vermögensteuer betroffen, mithin dürfte auch eine allfällige Volksabstimmung zu deren Beseitigung keine Mehrheit finden. Aus der Politik kommt dazu auch kein Impuls: Die Kantonsregierungen lieben diese Steuer mehr als jede andere, weil sie stetige, von Konjunkturschwankungen nahezu unbeeinflusste Einnahmen beschert.

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