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Schweiz : Die Vermögensteuer tut reichen Schweizern weh

Steuern für Familienunternehmen teilweise nicht bezahlbar

Ärgerlich ist die Vermögensteuer vor allem für Schweizer Familienunternehmer, deren Vermögen zu einem großen Teil aus Anteilen an ihren Unternehmen besteht. „In der Schweiz müssen Unternehmer jährlich einen virtuellen, von der Eidgenössischen Steuerverwaltung ermittelten Wert für ihre privat gehaltenen Anteile einer Aktiengesellschaft versteuern“, klagt Beat Schelling, Inhaber der Schelling AG, eines Verpackungsspezialisten aus dem Kanton Aargau. Einkommen- und Vermögensteuern könnten sich sehr schnell zu einer Steuerbelastung von mehr als 50 Prozent des Einkommens summieren.

„Aus der Sicht des Auslands oder der Linkspolitiker wird die Schweiz oft als Steuerparadies gesehen. Dies ist aber leider überhaupt nicht der Fall“, sagt Schelling. Die Steuern könnten Dimensionen annehmen, die Unternehmer oder Teilhaber aus den vorhandenen liquiden Mitteln gar nicht bezahlen könnten. Und anders als die Aktionäre von Großkonzernen könnten Familiengesellschafter keine Anteile an der Börse verkaufen, um mit dem Erlös die Steuern zu bezahlen.

Wer 5 Millionen Franken oder mehr zu melden hat, muss bei der Vermögenssteuer ordentlich etwas abgeben.

Ärger in der Start-up-Szene

Marco Salvi von der liberalen Denkfabrik Avenir Suisse schlägt in die gleiche Kerbe: „Für Schweizer Familienunternehmen ist die Vermögensteuer Gift.“ Das Betriebskapital zu besteuern schmälere den Spielraum für Investitionen und Wachstum. Viele Unternehmensinhaber müssten sich Dividenden ausschütten, um die Vermögensteuer bezahlen zu können. Und wenn Unternehmen Verluste erlitten, sei diese Steuer besonders gefährlich, weil sie zusätzlich an der Substanz zehre.

Im Kanton Zürich war die Vermögensteuer jüngst Anlass zu einem Aufstand in der Start-up-Szene: Dutzende Jungunternehmer drohten mit einem Umzug in einen anderen Kanton, weil ihre Steuerlast neuerdings an den Summen bemessen werden sollte, die ihre Investoren in den ersten Finanzierungsrunden zu zahlen bereit waren.

Politik und Bevölkerung haben kaum Interesse an Änderung

In der Folge wäre das Einkommen etlicher Gründer ganz oder zu einem großen Teil für die Vermögensteuer draufgegangen – obwohl längst nicht klar war und ist, ob ihre Geschäftsidee dereinst in eine blühende Unternehmung oder in eine krachende Insolvenz mündet. Der Kanton Zürich hat inzwischen reagiert und verfügt, dass Start-ups nicht mehr nach dem Verkehrswert, sondern nach dem deutlich geringeren Substanzwert besteuert werden, und zwar so lange, bis sie „repräsentative Geschäftsergebnisse“ vorweisen können.

Für Marco Salvi ist dieser Fall ein weiterer Beleg dafür, wie schädlich die Vermögensteuer für den Wirtschaftsstandort Schweiz ist. Er plädiert dafür, diese Steuer, die wegen der notwendigen Überprüfung der Vermögenswerte obendrein sehr aufwendig zu erheben ist, ganz abzuschaffen und stattdessen eine Kapitalgewinnsteuer sowie eine moderate Erbschaftsteuer einzuführen.

Doch dazu wird es wohl nicht kommen. Wegen der Freibeträge ist die große Mehrheit der Bevölkerung nicht oder kaum von der Vermögensteuer betroffen, mithin dürfte auch eine allfällige Volksabstimmung zu deren Beseitigung keine Mehrheit finden. Aus der Politik kommt dazu auch kein Impuls: Die Kantonsregierungen lieben diese Steuer mehr als jede andere, weil sie stetige, von Konjunkturschwankungen nahezu unbeeinflusste Einnahmen beschert.

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