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Kaufkraft in Deutschland : Armutsrisiko in München höher als in Sachsen

Im Durchschnitt gilt die bayerische Hauptstadt als wohlhabend. Doch Einkommensschwache haben es in München schwerer als in Dresden. Bild: Caro / Zensen

Die Verdienste sind im Osten niedriger als im Westen. Viele Ostdeutsche gelten deswegen als arm. Mit dem Preisgefälle dreht sich das Bild aber um.

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          Immer mehr Menschen in Deutschland drängen in die großen Städte. Dabei ist dort nicht nur Wohnraum knapp – wegen höherer Lebenshaltungskosten ist auch das Einkommen insgesamt weniger wert. Und das statistische Armutsrisiko in den Städten ist aus demselben Grund noch höher, als es die amtlichen Daten regelmäßig ausweisen. Das zeigt eine noch unveröffentlichte Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW), die der F.A.Z. vorliegt.

          Dietrich Creutzburg

          Wirtschaftskorrespondent in Berlin.

          Das gilt zum Beispiel für die im Durchschnitt durchaus wohlhabende Metropole München: Dort gelten offiziell lediglich 10,3 Prozent der Menschen als armutsgefährdet, weil ihr Haushaltsnettoeinkommen weniger als 60 Prozent des deutschlandweiten Mittelwerts beträgt; das ist einer der günstigsten Werte überhaupt. Berücksichtigt man aber die hohen Lebenshaltungskosten in München, schnellt die dortige Armutsgefährdungsquote auf 18 Prozent hoch, wie Verteilungsforscher Christoph Schröder ausgerechnet hat.

          Ähnlich deutlich zeigt sich dies in Stuttgart, Frankfurt und Hamburg: Solange man nur die Einkommenshöhe misst, liegen die dortigen Armutsgefährdungsquoten in der Nähe des Durchschnittswerts von 15,5 Prozent für ganz Deutschland. Sobald man aber mitrechnet, dass das Leben auch in Stuttgart, Frankfurt und Hamburg deutlich teurer ist als anderswo, springen die Quoten dort auf mehr als 20 Prozent. Im Durchschnitt aller Großstädte sind, gemessen am Kaufkraftmaßstab, sogar 22 Prozent der Menschen armutsgefährdet. Das sind 3 Prozentpunkte mehr, als wenn man nur die Einkommen vergleicht.

          Im bundesweiten Vergleich ist die Kaufkraftarmut in Bayern am niedrigsten. Hohe Lebenshaltungskosten in Städten erhöhen jedoch das Armutsrisiko.
          Im bundesweiten Vergleich ist die Kaufkraftarmut in Bayern am niedrigsten. Hohe Lebenshaltungskosten in Städten erhöhen jedoch das Armutsrisiko. : Bild: F.A.Z.

          Geringere Quote von Einkommensarmut auf dem Land

          Diese Erkenntnisse sind allerdings nur die eine Seite. Auf der anderen Seite gibt es weite Landstriche, in denen die Einkommensarmut von den üblichen Daten deutlich überzeichnet wird. Das gilt zum einen, spiegelbildlich zu den Städten, für ländliche Regionen: Dort beträgt das rein einkommensbezogene Armutsrisiko durchschnittlich 14,5 Prozent; rechnet man jedoch das geringere Preisniveau mit, sinkt die Quote für ländliche Regionen sogar auf 13,7 Prozent. Ähnliches gilt zum anderen aber auch insgesamt für die östlichen Bundesländer, einschließlich der großen Städte. Anders als in München oder Hamburg, schlägt der Kaufkraftfaktor dort kaum negativ zu Buche.

          Am niedrigsten sind die Armutsrisikoquoten in Baden-Württemberg entlang des Bodensees und in Bayern im Raum Ingolstadt. Dort liegen weniger als 9 Prozent der Menschen mit ihrem Nettoeinkommen unterhalb der Schwelle von 60 Prozent des bundesweiten Mittelwerts. Der Kaufkraftfaktor spielt dort allerdings keine große Rolle – abweichend von anderen ländlichen Regionen ist das Preisniveau dort recht hoch und liegt geringfügig über dem allgemeinen Durchschnittspreisniveau. Auf die preisbereinigten Armutsziffern wirkt sich dies aber nur im Zehntelprozentbereich aus.

          Völlig anders verhält sich dies hingegen etwa in Ostsachsen: Gemessen an der reinen Einkommenshöhe, zählen dort fast 19 Prozent der Menschen als armutsgefährdet. Berücksichtigt man jedoch die deutlich unterdurchschnittlichen Lebenshaltungskosten, dann sind es nur noch knapp 15 Prozent – und damit auch weniger als im deutschlandweiten Durchschnitt. Entsprechendes gilt für weite Bereiche Thüringens und Sachsen-Anhalts.

          Preisniveaus beeinflussen Ost-West-Vergleich

          In der Großstadt Leipzig ist das statistische Armutsrisiko hingegen in jedem Fall stark überdurchschnittlich: Gemessen allein am Einkommen, beträgt es gut 25 Prozent. Berücksichtigt man das Preisniveau, fällt es aber nicht etwa noch höher aus, sondern um gut zwei Prozentpunkte geringer. Umso ungünstiger stehen aber jene westdeutschen Großstädte da, in denen das statistische Armutsrisko ohnehin recht hoch ist. Beispiel Köln: Dort erhöht sich die schon überdurchschnittliche Quote von 21,4 Prozent durch den Kaufkraftfaktor auf fast 27 Prozent. In Berlin hingegen beträgt zwar der Ausgangswert ebenfalls 21,4 Prozent, preisbereinigt sind es aber nur 1,3 Prozentpunkte mehr.

          Wie stark die Preisniveaus den Ost-West-Vergleich beeinflussen, zeigt sich indes auch am Medianeinkommen, jenem Einkommen, das in der betrachteten Region gerade von der Hälfte der Menschen über- oder unterschritten wird. Im konkreten Fall geht es um das mittlere Haushaltsnettoeinkommen je Kopf: Im Osten belief es sich 2013 auf 1310 Euro im Monat, 228 Euro weniger als im Westen. Durch die geringeren Lebenshaltungskosten im Osten waren die 1310 Euro aber rechnerisch 1376 Euro wert. Und umgekehrt konnte man mit den 1538 Euro im Westen wegen der höheren Preise dort eigentlich nur für 1524 Euro einkaufen. Preisbereinigt beträgt die Lücke also nur knapp 150 Euro.

          Armutsquote im Osten höher als im Westen

          Dass die Armutsquoten im Osten fast durchweg höher sind als im Westen, hat noch andere statistische Gründe: Die Armutsrisikoschwelle von 60 Prozent stützt sich meist auf den Einkommensmittelwert für ganz Deutschland; 2013 lag sie bei 892 Euro je Einzelperson. Durch den bundesweit berechneten Mittelwert erhalten aber Einkommensunterschiede zwischen Ost und West ein besonderes starkes Gewicht: So sind nach dieser statistischen Definition 890 Euro überall ein Armutseinkommen.

          In Wirklichkeit gilt das aber viel stärker für Baden-Württemberg als etwa für Sachsen: Im Südwesten machen 890 Euro nicht einmal 55 Prozent des dortigen landesbezogenen Einkommensmittelwerts aus, in Sachsen aber 69 Prozent – sie liegen dort also über der landesbezogenen Armutsrisikoschwelle.

          Gemessen am bundesweiten Schwellenwert, gelten in Sachsen deshalb fast 19 Prozent der Bevölkerung als armutsgefährdet, mit dem landesweiten Schwellenwert sind es aber nur 12 Prozent. IW-Forscher Schröder schlägt mit seiner Berechnung gewissermaßen einen Mittelweg ein: Er legt den bundesweiten Median zugrunde, rechnet dann aber die regionalen Preisunterschiede heraus. Nach diesem Maßstab beträgt die Quote in Sachsen 15,5 Prozent.

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