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Bildung und Zuwanderung : Warum arme Kinder arm bleiben

Spielendes Kind im Gegenlicht. Bild: dpa

Aus armen Familien können keine reichen Kinder kommen? Das sagt man oft – und doch stimmt der Eindruck nur zum Teil. Was ist wirklich los in Deutschland?

          3 Min.

          Auf den ersten Blick scheint es wie ein Widerspruch: Viele von Deutschlands Top-Managern stammen aus kleinen Verhältnissen. Der Vater von Siemens-Chef Joe Kaeser war Fabrikarbeiter im Bayerischen Wald, und der Vorstandschef von Thyssen-Krupp, Heinrich Hiesinger, stammt von einem Bauernhof, der die Familie allein nicht ernährten konnte – der Vater musste als Hilfsarbeiter in der Brauerei mitarbeiten. Für ihr Buch „Eliten-Report“ haben die F.A.S.-Autoren Georg Meck und Bettina Weiguny ausgezählt und festgestellt: Die beiden sind nicht die einzigen. Kaum einer der Top-Manager von heute stammt aus einer reichen Familie.

          Patrick Bernau

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Gleichzeitig verfestigt sich aber in Deutschland der Eindruck, von unten könnte man kaum noch aufsteigen. An diesem Freitag rechnet die Industrieländer-Organisation OECD vor: Eine Familie, die zum ärmsten Zehntel der Bevölkerung gehört, bleibt lange arm. Im Durchschnitt dauert es sechs Generationen, bis sie in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist. Für die Mittelschicht ist das durchaus eine gute Nachricht: Wer dort einmal ist, steigt nur selten wieder ab.

          Wie passt das zusammen? Kurz gesagt: Vielleicht haben sich nicht die Chancen der Kinder geändert, sondern die Zeiten.

          Das Bildungssystem wird weniger durchlässig

          Sicher ist: Die Generation der Babyboomer, die heute Mitte 50 ist und viele Schaltstellen der deutschen Gesellschaft besetzt, hatte es mit einer relativ durchlässigen Gesellschaft zu tun. Die 68-er rüttelten gerade das Land auf, als diese Leute geboren wurden, später profitierten die Babyboomer voll von der Bildungsoffensive der 60er- und 70er-Jahre.

          Heute ist die Lage etwas anders. Natürlich lässt sich noch kein Urteil darüber fällen, wie sich die Karrieren der jüngeren Leute entwickeln werden. Es zeichnet sich aber schon deutlich ab, dass die Durchlässigkeit leidet. Von hundert Akademikerkindern nehmen in Deutschland 74 ein Studium auf, bei Kindern aus Nicht-Akademiker-Familien sind es gerade 21. Deutschland gehört sogar zu den wenigen Ländern, in denen das Bildungssystem in den vergangenen Jahrzehnten an Durchlässigkeit verloren hat. Für die deutsche Gesamtbevölkerung zwischen 25 und 90 Jahren gilt: Wenn die Eltern ein Jahr länger zur Schule gingen, geht das Kind durchschnittlich 6,8 Monate länger zur Schule. Für die jüngere Generation zwischen 30 und 55, also die Generation unterhalb der Babyboomer, macht das schon rund 7,2 Monate aus. Die Kinder kommen, vereinfacht gesagt, in diesem Aspekt also mehr nach ihren Eltern. Diese Tendenz gibt es innerhalb der OECD-Industriestaaten sonst kaum. Selbst Großbritannien und die Vereinigten Staaten sind chancengleicher als Deutschland.

          Der schwache Trost: In Deutschland hängt das Einkommen weniger am Schulabschluss als in anderen Ländern, weil berufliche Ausbildung und andere Wege jungen Leuten auch ohne Abitur und Studium zu hohen Einkommen bringen können.

          Woran liegt's?

          Dass das Bildungssystem Kindern von weniger gebildeten Eltern heute weniger hilft als vor Generationen, ist bemerkenswert – vor allem in einem Land, das in den vergangenen Jahren Gesamtschulen aufgebaut und die Hauptschulen in den Hintergrund gedrängt hat. Was ist da los?

          Sicher ist: Schüler aus sozial schwachen Haushalten sind benachteiligt, aber das liegt nur im kleineren Maß am Geld. Zwar beginnen die sozialen Unterschiede früh, doch eine Studie aus Kanada hat gezeigt: Es kommt nicht auf das Geld an, sondern darauf, wie die Eltern sich verhalten. Kinder haben bei der Geburt weniger Gewicht, wenn die Mutter vorher geraucht hat oder die Eltern getrennt sind – aber nicht, wenn die Eltern arm waren. Ähnliche Ergebnisse zeigen auch Auswertungen aus der OECD-Studie für Deutschland und andere europäische Länder: Ob Kinder gesund sind oder nicht, darauf hat das Bildungsniveau der Eltern einen deutlich größeren Einfluss als ihr Kontostand. Auch wenn es darum geht, ob Eltern an ihre Kinder den Anspruch stellen, dass sie studieren, ist das Bildungsniveau der Eltern ein wichtiger Faktor.

          Was aber hat sich in Deutschland seit den Kindertagen der Babyboomer geändert? Die Einwanderung. Auch die Gastarbeiterwelle und die weiter folgenden Einwanderungen begannen in den 60er-Jahren. Das spiegelt sich auch in den Zahlen der OECD wider: Das Bildungssystem schafft es offenbar nicht, Kinder aus Migranten-Familien zum gleichen Erfolg zu führen wie Kinder ohne Migrationshintergrund. Das gilt vor allem für Kinder von Eltern mit geringer Bildung. Zugewanderte Eltern mit Hochschulabschluss kriegen ihre Kinder in der Schule mindestens genauso weit wie in Deutschland geborene Eltern.

          Zugespitzt: Die Mittelschicht kann sich freuen. Die verfestigte Gesellschaft bedeutet nicht nur, dass wenige sozial schwache Leute aufsteigen – sondern auch, dass wenige Leute aus der Mittelschicht absteigen. Auch wer wenig Geld hat, muss nicht verzagen. Ein armer Bauer von der Schwäbischen Alb hat heute immer noch gute Chancen, seinen Kindern ein gutes Leben zu ermöglichen. Schwierig wird es für Kinder aus Familien, die mit schlechter Bildung nach Deutschland eingewandert sind.

          Was hilft?

          Was hilft? Über frühkindliche Bildung sprechen Forscher seit Jahren: mehr Kinder in die Kindergärten bringen. Aber auch bessere Schulen sind ein Weg. Denn das zeigen die Auswertungen der OECD ebenfalls: Gute Schulen können für den Schulerfolg mehr ausmachen als sozial schwache Elternhäuser. Dabei geht es übrigens nicht um die Schulpolitik, die hat nur einen kleinen Einfluss, wie die OECD-Auswertung zeigt. Am Ende kommt es auf die Schule vor Ort an: welche Bedingungen die Lehrer dort vorfinden und was sie daraus machen können.

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