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Caritas-Generalsekretär Cremer : Der unerhörte Freund der Armen

  • -Aktualisiert am

Generalsekretär der Deutschen Caritas: Georg Cremer plädiert für eine Deskandalisierung von Armut. Bild: Michael Gottschalk/photothek.net

Georg Cremer kämpft gegen die Skandalisierung der Armut. Er plädiert für Rationalität statt Emotion. Damit tritt der Mann von der Caritas vielen Menschen auf die Füße.

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          Georg Cremer ist ein höflicher Mann, der seine Worte mit Bedacht wählt. Skandalisierungen sind ihm zuwider. In Zeiten wie diesen, wo immer mehr Schreihälse um das Gehör der Öffentlichkeit buhlen, ist Cremer lange ein Verlierer gewesen. Dabei ist er nicht irgendwer. Cremer ist Generalsekretär der Caritas.

          Der katholische Wohlfahrtsverband ist der Marktführer der Sozialunternehmen in Deutschland. Die Caritas ist, was wenige wissen, auch der größte private Arbeitgeber in Deutschland mit über einer halben Million Beschäftigten. Cremer legt großen Wert darauf, nicht als Caritas-Chef bezeichnet zu werden, denn das ist der Präsident Peter Neher. Darauf weist er seine Gesprächspartner gleich zur Begrüßung hin.

          Es ist diese Präzision, die Cremer auch in seinem Fachgebiet hochhält: In der Diskussion über Armut in Deutschland - ein Thema, das hitzige Debatten garantiert. Und dazu zugleich ein echter Evergreen.

          Wenn es in Talkshow-Redaktionen darum geht, zum Thema Armut die Gästeliste zusammenzustellen, dann hat Cremer schlechte Karten. Denn die Dramaturgie einer jeden Talkshow erfordert, dass Extreme aufeinander gejagt werden. Cremer hat Castings für solche Diskussionsrunden nicht bestanden. „Ich habe mich offensichtlich nicht als fähig erwiesen, die Rolle des den Untergang des Sozialstaats beschwörenden Verbandsfunktionärs zu besetzen“, sagt er. Und fügt an, dass er natürlich für eine solche Besetzung auch ungeeignet sei.

          Mehr Details, wenig Bohei

          Da eignen sich Menschen wie Ulrich Schneider viel besser. Der ist Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes, ein anderer großer Player in der Wohlfahrtsbranche. Als Schneider vergangenes Jahr seinen Armutsbericht vorstellte, klang das so: Die Armut in Deutschland sei „sprunghaft angestiegen“, sie habe einen „neuen Höchststand“ erreicht. Cremer hält das für unseriösen Alarmismus, fordert die „Bereitschaft zum Detail“ - und arbeitet sich an den Zahlen ab, damit zwischen „seriöser Analyse und scheinwissenschaftlich verpacktem Unfug“ unterschieden werden kann.

          Ulrich Schneider, der Mann mit den markanten Koteletten, ist Dauergast in den Talkshows und hat einen Wikipedia-Eintrag. Georg Cremer nicht. Doch vielleicht wird sich das bald ändern. „Armut in Deutschland“ heißt das Buch, in dem Cremer all seinen Frust über die falschen Zahlen und schiefen Vergleiche niedergeschrieben hat und seine Lösungsvorschläge aufzeigt. „Es hat mich mehr und mehr geärgert, dass wir eben über Armut nur in Form dieser folgenlosen Empörung sprechen“, sagt Cremer. Aus kleinen statistischen Schwankungen ein Riesenbohei machen, aber nicht darüber reden, was wir denn ganz konkret machen können, um die Armut einzugrenzen – das ist es, was Cremer aufregt.

          Was ihn ebenfalls umtreibt: Wie mit solchen Argumenten der Sozialstaat diskreditiert wird, wenn eine eigentlich positive Entwicklung nur des Skandals wegen falsch gedeutet wird. Wie 2003, als die Grundsicherung im Alter verbessert wurde und dadurch mehr Leute diese Hilfeleistung in Anspruch nehmen konnten. Der Anstieg sei ein Krisenphänomen, war da zu hören – obwohl die versteckte Armut ja zurückging. „Vertreter aus Kirchen und Sozialverbänden treten dennoch mit Trauermienen vor die Kameras und sprechen von zunehmender sozialer Kälte“, sagt Cremer. „Solche Argumentationsmuster, welche die politisch erreichten Schritte auch noch in das Gegenteil verkehren, finde ich fatal. Es untergräbt die Akzeptanz des Sozialstaats.“ Statt Solidarität zu befördern, würde die Rhetorik des Skandals die Angst in der Mitte der Gesellschaft verfestigen.

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