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Caritas-Generalsekretär Cremer : Der unerhörte Freund der Armen

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Lob von der Arbeitsministerin

Die Überzeugung, dass das Elend der Dritten Welt letztlich ein Ausfluss des Kapitalismus sei, legte Cremer nach seinen indonesischen Erfahrungen zu den Akten. „Ich würde mich als einen Menschen sehen, der in starker Weise ordnungspolitisch denkt. Und das hat auch Relevanz für meine Arbeit“, sagt er heute. Als Cremer 2000 als Generalsekretär begann, gab es im Verband noch die verbreitete Ansicht, dass das Soziale und der Wettbewerb sich radikal ausschließen. „Man meinte noch, wir könnten uns den Herausforderungen des europäischen Wettbewerbsrechts dadurch entziehen, indem wir einfach erklären, wir seien kein Unternehmen“, sagt Cremer. Selbst heute gebe es noch Leute, die sich dieser Debatte in den Verbänden verweigern und die jedem, dem es um Gestaltung von Wettbewerb geht, gleich Neoliberalismus vorwerfen.

Doch für Cremer schließen sich Markt und soziale Dienstleistungen nicht aus. Auch auf Sozialmärkten ist es gut, wenn Menschen zwischen unterschiedlichen Angeboten wählen können. „Die hilfeberechtigten Bürger entscheiden sich, ob sie zu Caritas, zur Diakonie oder zu anderen gehen. Und unsere wirtschaftliche Stellung hängt davon ab, ob Hilfesuchende sich für uns entscheiden oder nicht.“

Mit diesem ökonomischen und letztlich doch prägenden Hintergrund ist Cremer anders als viele andere in seiner Branche. „Cremer ist eine untypische Stimme im Chor der Wohlfahrtsverbände“, sagt Dominik Enste vom Institut der deutschen Wirtschaft in Köln. Der Fachmann für Wohlfahrtsökonomik hält sich mit Kritik an der Branche normalerweise nicht zurück, bemängelt Intransparenz und fehlenden Willen, sich dem Wettbewerb mit privaten Anbietern zu stellen. Cremer sehe als Ökonom betriebswirtschaftliche Notwendigkeiten und versuche, einen klugen Weg zu finden, der ökonomisch effizient ist und gleichzeitig den Armen hilft, sagt Enste. „Die Caritas hat sich durch Cremers Einfluss sehr frühzeitig auf den Wettbewerb durch private Anbieter eingestellt, anders als zunächst beim Paritätischen und der Diakonie, die sich teilweise stärker auf ihre immer noch guten Kontakte in die Politik verlassen haben.“

Arbeitsministerin Andrea Nahles: Ein Fan von Cremers besonnener Art
Arbeitsministerin Andrea Nahles: Ein Fan von Cremers besonnener Art : Bild: Helmut Fricke

Fehlverhalten und Verschwendung in einzelnen regionalen Caritas-Einrichtungen habe Cremer als Ansporn gesehen und der Branche zugleich Demut gelehrt, dass auch wer Gutes tut, vor moralischen Risiken nicht gefeit ist. Und nun legt Cremer mit seinem Armut-Buch ganz öffentlich den Finger in die Wunde der Wohlfahrtsbranche und verlässt das Kartell der Gleichmeinenden. Er weist darin ausdrücklich darauf hin, dass Armutspolitik die Grenzen staatlicher Leistungsfähigkeit nicht ignorieren kann, und fordert Nachhaltigkeit.

Für sein Buch hat Cremer eine - zumindest politisch - mächtige Verbündete an seiner Seite: Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles. „Eine rituelle Skandalisierung hilft keinem weiter“, sagt sie. Nach einem Telefonat mit Cremer über die im Frühjahr veröffentlichte Skandalprognose des WDR (die fälschlicherweise behauptete, dass die Hälfte der Deutschen 2030 in Altersarmut leben würde) habe sie sich entschlossen, Cremers Buch vorzustellen, sagt Nahles, die Cremer seit Jahren durch ihr Engagement in der Arbeits- und Sozialpolitik kennt.

„Herr Cremer ist für mich eine sehr geschätzte Stimme der Vernunft in Deutschland.“ Und Cremer? Der lächelt. „Natürlich habe ich erfreut zugesagt.“ Ein leichter Ausdruck von Genugtuung huscht über sein Gesicht. Endlich wird auch er gehört.

Georg Cremer und die Caritas

Der Deutsche Caritasverband e.V. wurde am 9. November 1897 gegründet. Er ist der Zusammenschluss von über 6000 rechtlich eigenständigen Trägern, die vor allem in der Jugend-, Gesundheits-, Behinderten- oder Altenhilfe tätig sind. Über eine halbe Million Menschen arbeiten in den knapp 25.000 Einrichtungen und Diensten. Damit ist die Caritas der größte private Arbeitgeber in Deutschland. Nur der Staat hat mehr Beschäftigte. Die Einrichtungen sind finanziell und wirtschaftlich eigenständig, erstellen eigene Jahresberichte und haben eigene Aufsichtsgremien. Die Caritas ist wie andere gemeinnützige Wohlfahrtsverbände auch von einigen Steuern befreit.

Georg Cremer wurde am 27. März 1952 geboren. In der Schule schloss er sich der Gruppe „Aktion Dritte Welt“ in Freiburg an und war ein Mitbegründer der „Blätter des Informationszentrums Dritte Welt iz3w“. Diese Aktivitäten hatten auch privat für ihn nachhaltige Folgen, denn hier lernte er 1973 seine Frau kennen, mit der er drei Söhne hat. Cremer studierte Volkswirtschaftlehre, promovierte und habilitierte. Für ein Entwicklungsprojekt ging er nach Indonesien. Seit 2000 ist Cremer Generalsekretär des Deutschen Caritasverbandes. Er entspannt am liebsten bei Radtouren und Kreuzworträtseln. Sein Buch „Armut in Deutschland“ ist im September im Verlag C.H. Beck erschienen.

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