https://www.faz.net/-gqe-8leme

Gentrifizierung in London : Vom Sozialamt aus der Stadt geworfen

Vor einem halben Jahrhundert war Notting Hill faktisch ein Slum. Heute zieht Ende August eine farbenfrohe Karnevalsparade durch die Straßen. Bild: Reuters

Für ein Londoner Arbeiterviertel wurde einst das Wort Gentrifizierung erfunden. Hier tobt die Verdrängung seit Jahrzehnten. Einkommensschwache siedelt das Sozialamt mittlerweile in die Provinz um.

          4 Min.

          Man muss schon vor gut zwei Jahrzehnten Teenager gewesen sein und damals ein ausgeprägtes Interesse an britischen Boygroups gehabt haben, um diesen Londoner Stadtteil zu kennen: Walthamstow liegt weit draußen im Nordosten der britischen Hauptstadt und bildet die Endstation der U-Bahnlinie Victoria Line. Die britische Band East 17, die in den neunziger Jahren einige Hits hatte, benannte sich einst nach der Postleitzahl von Walthamstow: E17. Lange her.

          Marcus Theurer

          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Doch es tut sich etwas in dem Arbeiterviertel. Noch immer leben in der Gegend viele osteuropäische Migranten und andere Geringverdiener. Aber wer sich in Walthamstow umschaut, entdeckt im eher trüben Reihenhausmeer schmuck renovierte Altbauten. Auf der kleinen Einkaufsstraße im Walthamstow Village gibt es mittlerweile schicke Cafés und Edeltrödler, die Möbel aus den sechziger und siebziger Jahren verkaufen.

          Das Arbeiterviertel Walthamstow wird immer teurer

          Auf einem ehemaligen Industriegelände bietet ein Geschäft namens „God’s Own Junkyard“ gebrauchte Neonwerbeschilder für daheim feil. Im Biergarten der Kleinbrauerei nebenan hängt am Wochenende ein lässiges Völkchen überwiegend junger Gäste ab. Die Indizien sind eindeutig: In Walthamstow rücken die Hipster an. Weil Wohnraum in der Innenstadt der Metropole auch für vergleichsweise gut verdienende Londoner aus der Mittelschicht immer unerschwinglicher wird, dringen viele immer weiter in die Peripherie vor.

          Der Londoner Immobilienmakler Foxtons, der in Walthamstow vergangenes Jahr eine Filiale eröffnet hat, rechnete kürzlich vor, dass in dem Stadtteil inzwischen mehr zu verdienen sei als in Pimlico, einem gediegenen Wohnquartier an der Themse am anderen Ende der Victoria Line: In Walthamstow seien zwar die Immobilienpreise niedriger, dafür aber werden in dem aufstrebenden und begehrten Stadtteil viel mehr Häuser gehandelt als im arrivierten Pimlico.

          Randalierer demolieren ein Café

          In Walthamstow schlägt, so wie in vielen Londoner Bezirken zuvor, die Gentrifizierung zu: Die vergleichsweise Wohlhabenden verdrängen mit ihrer Kaufkraft die relativ Ärmeren. In wohl keiner europäischen Großstadt hat dieser Wandel eine solche Wucht wie in London, wo selbst Garagen für mehr als eine halbe Million Pfund einen Käufer finden.

          An der Themse rollte die Gentrifizierungswelle schon vor vielen Jahrzehnten heran. Zum Beispiel in Notting Hill: Der Stadtteil nordwestlich des Hyde Parks, dem Rest der Welt vor allem bekannt aus dem gleichnamigen Film mit Julia Roberts, war vor einem halben Jahrhundert faktisch ein Slum und eine der übelsten Wohngegenden der Stadt. Heute ist Notting Hill längst zu einem Refugium der Millionäre geworden. Sogar der Begriff selbst wurde in London geprägt. Die Wortschöpfung Gentrifizierung stammt von der deutschbritischen Soziologin Ruth Glass, die damit Mitte der sechziger Jahre erstmals den Bevölkerungswandel im ehemaligen Arbeiterviertel Islington der britischen Hauptstadt beschrieb.

          Der urbane Verdrängungskampf läuft nicht immer friedlich ab: An einem Samstagabend im vergangenen Herbst demolierten Randalierer ein Café im Hipster-Stadtteil Shoreditch nördlich des Bankenviertels. Der Laden namens „Cereal Killer“ bietet Frühstücksflocken aus aller Welt an. Die gehobenen Preise auf ihrer Speisekarte machten die beiden Gründer, zwei Brüder mit modischen Vollbärten und Tattoos auf den Armen, zur Zielscheibe einer gewalttätigen Klassenkampf-Truppe, die sich „Fuck Parade“ nannte. Im Südlondoner Stadtteil Brixton, einem weiteren Brennpunkt der Gentrifizierung, stürmten erboste Demonstranten das Bezirksrathaus und verwüsteten die Filiale eines Immobilienmaklers.

          Das Viertel südlich der Themse war früher vor allem bei Einwanderern aus der Karibik beliebt und berüchtigt wegen gewaltsamer Rassenunruhen. Aber irgendwann wurde der rauhe Multikulti-Stadtteil plötzlich cool. In den vergangenen zehn Jahren sind die Hauspreise in Brixton um drei Viertel gestiegen. In der Markthalle des Viertels, wo früher Anwohner mit knappem Budget einkauften, flanieren heute scharenweise Touristen. Man kann dort für 9 Pfund - umgerechnet knapp 11 Euro - die wohl teuersten Falafel-Sandwiches in der ganzen Stadt essen. Abends sitzen in den Bars und Kneipen Banker, die in der City arbeiten und ins trendige Brixton gezogen sind.

          Londons Sozialämter verschicken alleinerziehende Mütter nach Birmingham

          Eine der dunkelsten Seiten der Gentrifizierung in London ist die Umsiedlung der Armen. Die Sozialämter der Stadt mieten inzwischen Notunterkünfte im 200 Kilometer entfernten Birmingham an, um etwa alleinerziehende Mütter, die ihre Wohnung verloren haben und auf der Straße stehen, unterzubringen.

          Die Bezirksverwaltungen von Nobelstadtteilen wie Kensington bieten einkommensschwachen Londonern Sozialwohnungen weit draußen in der Provinz an, weil solche Wohnungen in der Metropole selbst astronomisch teuer sind. Boris Johnson, damals noch Bürgermeister von London und mittlerweile britischer Außenminister, wählte vor einigen Jahren einen drastischen Vergleich: Er sprach von „ethnischen Säuberungen wie im Kosovo“.

          Der Immobilienmarkt der Metropole ist zum Parkplatz für die Milliarden internationaler Investoren geworden. Aber die wollen in erster Linie Wohnungen im Luxussegment, weshalb in London in den vergangenen Jahren vor allem solche Neubauprojekte forciert wurden. Eines der größten neuen Stadtviertel entsteht derzeit auf einer Industriebrache rund um die Battersea Power Station, ein ehemaliges Kraftwerk am südlichen Themseufer gegenüber von Chelsea. Der Durchschnittspreis für die Edelwohnungen in der Gegend namens Nine Elms beträgt knapp eine Million Pfund.

          Nur jedes fünfte der rund 20.000 Apartments, die in Nine Elms in den kommenden 15 Jahren gebaut werden sollen, ist dagegen als „erschwinglicher Wohnraum“ deklariert und damit für weniger zahlungskräftige Käufer aus dem Stadtbezirk reserviert. Londons neuer Bürgermeister Sadiq Khan hat zwar angekündigt, bei Neubauprojekten auf mehr bezahlbaren Wohnraum zu dringen. Aber die Kräfte des Marktes sind stark.

          Die Gentrifizierung ist die Kehrseite von Londons Erfolg

          London hat in den vergangenen drei Jahrzehnten einen gewaltigen Aufschwung erlebt. Allein in den fünf Jahren bis 2014 ist die Wirtschaftsleistung der Metropole um rund 30 Prozent nach oben geschnellt. In Europas größtem Finanzzentrum war die vorangegangene Weltfinanzkrise damit vergleichsweise schnell abgehakt. Die Hauptstadt macht inzwischen mehr als ein Fünftel der gesamten britischen Volkswirtschaft aus, und der Aufschwung hat London zu einem Bevölkerungsmagneten gemacht. Seit Ende der achtziger Jahre ist die Bevölkerung um 28 Prozent gewachsen. Rund 8,6 Millionen Menschen leben hier: London platzt aus allen Nähten.

          Die Gentrifizierung ist die Kehrseite des wirtschaftlichen Erfolgs von Europas größter Stadt. Denn der London-Boom hat in den vergangenen drei Jahrzehnten den großen Rest des Vereinigten Königreichs weit hinter sich gelassen. London wird mehr und mehr zu einer Enklave der Reichen und Mächtigen – und taugt damit zum Feindbild: Der Kampfbegriff von der „Metropolitan Elite“ - der abgehobenen Hauptstadtelite - ist einer der zugkräftigsten Slogans gewesen, mit denen die britische Brexit-Bewegung diesen Sommer die Wähler draußen im Land für den EU-Austritt mobilisiert hat. Auch das ist eine Facette der Gentrifizierung in der Stadt, in der diese Entwicklung einst begann.

          Topmeldungen

          Coronavirus : British Airways setzt Flüge nach China aus

          Das Coronavirus breitet sich aus und einzelne Unternehmen treffen Notmaßnahmen: British Airways fliegt nicht mehr nach China, Toyota stoppt dort seine Produktion und Starbucks hat in der Volksrepublik mehr als die Hälfte der Filialen geschlossen.
          Im Halbfinale: Alexander Zverev gewinnt gegen Stan Wawrinka.

          Australian Open : Das erste Grand-Slam-Halbfinale für Zverev

          Alexander Zverev steht als erster Deutscher seit elf Jahren im Halbfinale eines Grand-Slam-Turniers. Sein Sieg gegen Stan Wawrinka war nach dem Verlust des ersten Satzes eindrucksvoll. Nun trifft Zverev auf Rafael Nadal oder Dominic Thiem.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.