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Gentrifizierung in London : Vom Sozialamt aus der Stadt geworfen

Das Viertel südlich der Themse war früher vor allem bei Einwanderern aus der Karibik beliebt und berüchtigt wegen gewaltsamer Rassenunruhen. Aber irgendwann wurde der rauhe Multikulti-Stadtteil plötzlich cool. In den vergangenen zehn Jahren sind die Hauspreise in Brixton um drei Viertel gestiegen. In der Markthalle des Viertels, wo früher Anwohner mit knappem Budget einkauften, flanieren heute scharenweise Touristen. Man kann dort für 9 Pfund - umgerechnet knapp 11 Euro - die wohl teuersten Falafel-Sandwiches in der ganzen Stadt essen. Abends sitzen in den Bars und Kneipen Banker, die in der City arbeiten und ins trendige Brixton gezogen sind.

Londons Sozialämter verschicken alleinerziehende Mütter nach Birmingham

Eine der dunkelsten Seiten der Gentrifizierung in London ist die Umsiedlung der Armen. Die Sozialämter der Stadt mieten inzwischen Notunterkünfte im 200 Kilometer entfernten Birmingham an, um etwa alleinerziehende Mütter, die ihre Wohnung verloren haben und auf der Straße stehen, unterzubringen.

Die Bezirksverwaltungen von Nobelstadtteilen wie Kensington bieten einkommensschwachen Londonern Sozialwohnungen weit draußen in der Provinz an, weil solche Wohnungen in der Metropole selbst astronomisch teuer sind. Boris Johnson, damals noch Bürgermeister von London und mittlerweile britischer Außenminister, wählte vor einigen Jahren einen drastischen Vergleich: Er sprach von „ethnischen Säuberungen wie im Kosovo“.

Der Immobilienmarkt der Metropole ist zum Parkplatz für die Milliarden internationaler Investoren geworden. Aber die wollen in erster Linie Wohnungen im Luxussegment, weshalb in London in den vergangenen Jahren vor allem solche Neubauprojekte forciert wurden. Eines der größten neuen Stadtviertel entsteht derzeit auf einer Industriebrache rund um die Battersea Power Station, ein ehemaliges Kraftwerk am südlichen Themseufer gegenüber von Chelsea. Der Durchschnittspreis für die Edelwohnungen in der Gegend namens Nine Elms beträgt knapp eine Million Pfund.

Nur jedes fünfte der rund 20.000 Apartments, die in Nine Elms in den kommenden 15 Jahren gebaut werden sollen, ist dagegen als „erschwinglicher Wohnraum“ deklariert und damit für weniger zahlungskräftige Käufer aus dem Stadtbezirk reserviert. Londons neuer Bürgermeister Sadiq Khan hat zwar angekündigt, bei Neubauprojekten auf mehr bezahlbaren Wohnraum zu dringen. Aber die Kräfte des Marktes sind stark.

Die Gentrifizierung ist die Kehrseite von Londons Erfolg

London hat in den vergangenen drei Jahrzehnten einen gewaltigen Aufschwung erlebt. Allein in den fünf Jahren bis 2014 ist die Wirtschaftsleistung der Metropole um rund 30 Prozent nach oben geschnellt. In Europas größtem Finanzzentrum war die vorangegangene Weltfinanzkrise damit vergleichsweise schnell abgehakt. Die Hauptstadt macht inzwischen mehr als ein Fünftel der gesamten britischen Volkswirtschaft aus, und der Aufschwung hat London zu einem Bevölkerungsmagneten gemacht. Seit Ende der achtziger Jahre ist die Bevölkerung um 28 Prozent gewachsen. Rund 8,6 Millionen Menschen leben hier: London platzt aus allen Nähten.

Die Gentrifizierung ist die Kehrseite des wirtschaftlichen Erfolgs von Europas größter Stadt. Denn der London-Boom hat in den vergangenen drei Jahrzehnten den großen Rest des Vereinigten Königreichs weit hinter sich gelassen. London wird mehr und mehr zu einer Enklave der Reichen und Mächtigen – und taugt damit zum Feindbild: Der Kampfbegriff von der „Metropolitan Elite“ - der abgehobenen Hauptstadtelite - ist einer der zugkräftigsten Slogans gewesen, mit denen die britische Brexit-Bewegung diesen Sommer die Wähler draußen im Land für den EU-Austritt mobilisiert hat. Auch das ist eine Facette der Gentrifizierung in der Stadt, in der diese Entwicklung einst begann.

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