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Thomas Middelhoff : „Ich war auch mal ein netter Kerl“

Thomas Middelhoff, ehemaliger Topmanager Bild: dpa

Fast ein Jahr nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis hat der frühere Starmanager Thomas Middelhoff gestern Abend in Frankfurt vor Studenten auf einer „Fuckup-Night“ seine Geschichte erzählt. Ob die ihm seine Läuterung abnehmen?

          Thomas Middelhoff kann es noch. Unterhaltsam war der frühere Bertelsmann- und Arcandor-Chef schon immer. Auch am Dienstagabend auf der neunten „Fuckup-Night“ in Frankfurt, bei der es darum geht, über das eigene Scheitern zu sprechen, dauerte es nicht lange, bis er die rund 1200 Zuhörer im ausverkauften Audimax der Universität in seinen Bann zog. Das war freilich auch nicht so schwierig: Die Moderatorin kündigte gleich zu Beginn der Veranstaltung an, das Publikum hier sei „wohlwollend“.

          Tillmann Neuscheler

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Viele lauschten Middelhoff tatsächlich mit einem Bier in der Hand, die meisten kannten die Geschichte seines Abstiegs und seiner Läuterung ohnehin längst, schließlich hat sie Middelhoff nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis vor knapp einem Jahr schon in einem Buch und mehrfach auch in Fernseh-Talkshows – etwa bei Markus Lanz und „3 nach 9“ – zum besten gegeben: Von seinem Aufstieg zu einem der schillerndsten deutschen Spitzenmanager, seinem Größenwahn, seiner Villa und seiner Yacht in Saint-Tropez, seinen Helikopterflügen ins Büro vorbei am Stau des Kamener Kreuzes und schließlich seinem jähen Absturz, der irgendwann in der Justizvollzugsanstalt Bielefeld-Senne endete.

          „Ich wollte jedem zeigen, dass ich besser bin“

          Freilich kamen auch seine Erfolge nicht zu kurz: Sein Deal als Bertelsmann-Chef mit AOL, der ihm einst einen Bonus in dreistelliger Millionenhöhe einbrachte. Den hätte er im Rückblick besser nicht bekommen, sagt Middelhoff heute, und erzählt von dem Abend an der Hotelbar des „Four Seasons“ in New York, in der er sich damals selbst gefeiert habe im Glaube, er wäre jetzt endlich „frei und selbstbestimmt“. Doch dann sei er gierig geworden und habe gedacht, er könne über Wasser gehen.

          Obwohl er längst genug Geld hatte, hätten ihm plötzlich Worte wie „steuerfrei“ auch sehr gut gefallen. Der Erfolg sei ihm zu Kopf gestiegen: „Ich wollte jedem zeigen, dass ich besser bin“, sagt Middelhoff. Er sei erst kompetitiv gewesen, dann aber arrogant geworden, dabei – so erzählt er – sei er ursprünglich einmal ein ziemlich geerdeter Zeitgenosse gewesen: „Ich war nicht immer ein Arschloch: Ich war auch mal ein netter Kerl.“

          Thomas Middelhoff auf der Fuckup-Night im Hörsaal der Universität Frankfurt

          Pointen setzen hat er nicht verlernt. Das Spiel mit der Eitelkeit auch nicht, fragende Studenten spricht er, so gut er kann, mit Namen an. Ob ihm das Publikum seine Läuterung vom Saulus zum Paulus abnimmt, ist dennoch zweifelhaft. Die Moderatoren erzählen, dass sie Middelhoff nicht lange zur „Fuckup-Night“ überreden mussten. Er habe schon nach zwei Tagen zugesagt.

          Sein jüngster Sohn, sagt Middelhoff, habe ihm gesagt: „Papa, das ist geil“. Dennoch habe es im Vorfeld der Veranstaltung auch viel Kritik an der Einladung Middelhoffs gegeben, sagen die Veranstalter. Warum sie einem Narzissten wie Middelhoff eine solche Bühne bereiten würden, seien sie gefragt worden.

          „Ich bin total mittellos“

          Middelhoff selbst zuckt auf diese Frage nur mit den Schultern. Ja, er sei Narzisst, gibt er unumwunden zu: „Ich habe diese Veranlagung immer gehabt.“ Aber er bringe schließlich keine Menschen in Gefahr und stelle sich allen Fragen. Ob er heute vollkommen mittellos sei, will ein Fragensteller wissen. „Ja, ich bin total mittellos“, sagt Middelhoff, er bekomme monatlich nur noch einen kleinen Anteil seiner Pension, der nicht gepfändet werden dürfe.

          Das Audimax in Frankfurt war für Middelhoffs Auftritt ausverkauft.

          Auf den Vorwurf, er habe möglicherweise im Vorfeld seiner Privatinsolvenz 2015 einen Teil seines einst auf rund 200 Millionen Euro geschätzten Vermögens beiseite geschafft, geht er nicht ein. Überhaupt bleibt manches im Dunkeln. Und manches klingt reichlich larmoyant. Sein größter Erfolg im Leben sei nicht der AOL-Deal gewesen, sondern, dass er während seiner Haftzeit in Bethel einen Autisten habe zum Sprechen bringen können. Die Zeit in Bethel sei eine der wertvollsten in seinem Leben gewesen. Dort habe er Demut gelernt. Am liebsten würde er heute junge Manager für ein paar Monate dort hinschicken.

          Bei allen zu Schau gestellten Selbstzweifeln, lässt Middelhoff auch durchblicken, dass er sein Gefängnisurteil wegen Untreue und Steuerhinterziehung zwar für menschlich angebracht, aber juristisch noch immer für überzogen hält. Tatsächlich traf es ihn damals mit der dreijährigen Haftstrafe härter, als viele Beobachter gedacht hatten. Der Richter warf ihm „Lügen und abenteuerliche Erklärungsversuche“ vor.

          Immerhin sei ihm heute egal, was Journalisten über ihn schreiben. Früher habe er Tränen in den Augen gehabt, wenn über ihn ein falsches Bild in der Öffentlichkeit gezeichnet worden sei. Ganz glaubhaft ist das nicht. Erst im vergangenen Jahr stoppte der WDR einen Film über Middelhoff in letzter Minute. Begründung: Es sei herausgekommen, dass sich Middelhoff im Vorfeld vom Produzenten vertraglich ein Mitspracherecht am Drehbuch zusichern ließ, ebenso wie das Recht, den fertigen Film vor Ausstrahlung sehen zu dürfen.

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