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Ungleichheit : Wohlstand für wenige

  • -Aktualisiert am

Ein Obdachloser schläft in einer U-Bahn-Station in Hannover: Durch die Ungleichheit wächst die Wirtschaft langsamer, sagt die OECD. Bild: dpa

Die Ungleichheit in Deutschland ist hoch. Das gefährdet den Wohlstand künftiger Generationen. Mehr Staat oder mehr Steuern sind nicht die Rettung. Sondern: Mehr Chancen. Ein Gastbeitrag.

          9 Min.

          Das Erhardsche Ziel „Wohlstand für alle“ ist heute nurmehr eine Illusion. Deutschlands soziale Marktwirtschaft, wie wir sie über sieben Jahrzehnte gekannt haben und in der die soziale Sicherung aller Bevölkerungsgruppen gewährleistet war, existiert nicht mehr. In der deutschen Marktwirtschaft wird mit gezinkten Karten gespielt - wirklichen marktwirtschaftlichen Wettbewerb gibt es immer weniger.

          Mehr Beiträge zum Thema Ungleichheit finden Sie auf unserer Themenseite „Arm und Reich“.

          Die neue deutsche Marktwirtschaft zeigt ihr wahres Gesicht in einer stark zunehmenden Ungleichheit. In kaum einem Industrieland der Welt sind vor allem Chancen, aber auch zunehmend Vermögen und Einkommen ungleicher verteilt als in Deutschland. Diese Ungleichheit stellt nicht nur ein gesellschaftliches, sondern ein massives wirtschaftliches Problem dar. Sie schwächt unser Wachstum, verhindert mehr Investitionen und bessere Jobs. Dieser Schaden ist eine Realität, die Deutschland vor riesige Herausforderungen stellt.

          Deutschland, das Land der Ungleichheit

          Als Erstes zeigt sich das „Vermögens-Puzzle“: Deutschland ist ein reiches Land, mit einem Pro-Kopf-Einkommen, das zu den höchsten der ganzen Welt gehört. Und Deutschland ist Sparweltmeister - in kaum einem Industrieland sparen sowohl Bürger als auch Unternehmen einen so hohen Anteil ihres Einkommens.

          Marcel Fratzscher ist Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) und Professor für Makroökonomie und Finanzen an der Humboldt-Universität Berlin.
          Marcel Fratzscher ist Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) und Professor für Makroökonomie und Finanzen an der Humboldt-Universität Berlin. : Bild: Reuters

          Das Vermögen vieler Deutscher ist jedoch erheblich niedriger als das ihrer Nachbarn. Es zählt zu den niedrigsten in ganz Europa und ist weniger als halb so groß wie das anderer Europäer. Zum Vermögen zählen Geldvermögen, Finanzanlagen, Immobilien, Wertsachen, Versicherungen und Betriebsvermögen. Ihr Wert ist in den Portfolios vieler deutscher Bürger in den vergangenen 15 Jahren gesunken. Wie passen diese Fakten zusammen? Wie kann es sein, dass in einem Land, das wirtschaftlich so erfolgreich und stark ist, die Menschen über so wenig Vermögen und private Absicherung verfügen? Wie kann es sein, dass die Menschen in Deutschland mehr verdienen und mehr sparen als viele Nachbarn, aber dennoch weniger Vermögen aufbauen?

          Gleichzeitig sind die Vermögen höchst ungleich verteilt. In keinem anderen Land der Eurozone ist die Vermögensungleichheit höher. Die ärmere Hälfte unserer Bevölkerung verfügt praktisch über gar kein Nettovermögen. Falls die Menschen Vermögenswerte besitzen, sind Schulden und andere Verpflichtungen fast ebenso groß. Aber auch an der Spitze der Vermögenspyramide ist Deutschland extremer als seine Nachbarn: In kaum einem Land in Europa besitzen die reichsten 10 Prozent der Bevölkerung größere Vermögenswerte. Die Vermögensungleichheit ist in Deutschland fast genauso groß wie in den Vereinigten Staaten.

          Das zweite Puzzle ist das „Einkommens-Puzzle“. Nicht nur bei den Vermögen, auch bei Löhnen und Einkommen ist das „Soziale“ der deutschen Marktwirtschaft in den vergangenen Jahrzehnten in den Hintergrund getreten. Die Schere zwischen hohen und niedrigen Einkommen im Land klafft immer weiter auseinander. Rund die Hälfte der deutschen Arbeitnehmer musste zusehen, wie ihre Löhne in den vergangenen 15 Jahren an Kaufkraft verloren.

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