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Ernährungsbericht : 161 Millionen Menschen hungern zusätzlich

Indische Bauern protestierten in Neu Delhi am Jahresanfang gegen neue Landwirtschaftsgesetze. Bild: dpa

Das Ziel der Vereinten Nationen, den Hunger bis 2030 zu beseitigen, wird weit verfehlt. Mit der Covid 19-Pandemie ist die Zahl der Unterernährten gewachsen.

          3 Min.

          Das Ziel, Unterernährung und Hunger in der Welt zu beseitigen, bleibt vorerst unerreicht. Noch zur Jahrtausendwende hatten sich die Vereinten Nationen das Ziel gesetzt, bis 2030 den Hunger auszurotten. Der neueste Bericht der UN-Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation (FAO) zum Thema Hunger und Ernährungssicherheit sagt dagegen voraus, dass bei Fortführung der bisherigen Tendenzen im Jahr 2030 die Zahl der hungrigen und unterernährten Menschen rund 660 Millionen betragen werde. Die Covid 19-Pandemie hat nach Angaben der FAO die Lage noch weiter verschlechtert. Selbst im Jahr 2030 werde die Zahl der Unterernährten noch um 30 Millionen höher liegen als früher prognostiziert. Die FAO schätzt, dass wegen der Pandemie 2020 die Zahl der Unterernährten um 161 Millionen höher lag als 2019.

          Tobias Piller
          Wirtschaftskorrespondent für Italien und Griechenland mit Sitz in Rom.

          Die Schätzungen der FAO zur Zahl der Unterernährten in den einzelnen Ländern ergeben für die Jahre 2018 bis 2020 eine Zahl von 683,9 Millionen Unterernährten, etwa 8,9 Prozent der Weltbevölkerung. Alleine für 2020 liegt die Schätzung der Zahl der Unterernährten bei 765 Millionen, rund 9,9 Prozent der Weltbevölkerung. Die FAO-Länderstatistik zur Unterernährung ergibt, dass die 18 Länder mit den höchsten Zahlen von Hungernden rund 70 Prozent der Unterernährten der Welt entfielen. Obenan stand dabei das bevölkerungsreiche Land Indien, mit 208,6 Millionen Unterernährten im Mittelwert der Jahre 2018 bis 2020. Somalia war das Land mit dem höchsten Anteil der Hungernden an der Bevölkerung, mit 59,5 Prozent, gefolgt von der Zentralafrikanischen Republik (48,2 Prozent), Haiti (46,8 Prozent), Jemen (45,4 Prozent), Madagaskar (43,2 Prozent) und Nordkorea (42,4 Prozent).

          Spürbar verbessert hat sich nach den FAO-Bericht die Versorgung in der Volksrepublik China. Die war in den Jahren 2004 bis 2006 noch als eines der Länder mit einer großen Zahl von Unterernährten geführt worden, mit 94,3 Millionen Unterernährten, rund 7,1 Prozent der Gesamtbevölkerung. Inzwischen ist die Zahl der Unterernährten wie in den westlichen Industrieländern auf weniger als 2,5 Prozent der Bevölkerung geschrumpft und wird daher nicht mehr extra erhoben.

          Die – seit 2019 vom chinesischen Generaldirektor Qu Dongyu geführte – FAO hatte erst vor wenigen Tagen von langfristig günstigen Perspektiven für die globale Landwirtschaft berichtet, wo langsameres Bevölkerungswachstum und mehr Produktivität langfristig zu sinkenden Nahrungsmittelpreise führen. Doch kurzfristig kann es durchaus Probleme und Engpässe geben, äußert FAO-Chefvolkswirt Maximo Torero Cullen gegenüber der F.A.Z. Zum einen sei die Importnachfrage wichtiger Länder gestiegen, zudem leide mit Brasilien ein wichtiges Exportland unter den Folgen des Klimawandels.

          „Die Nahrungsmittelversorgung der Welt wird beeinflusst von einer großen Konzentration auf wenige Exporteure in eine Schlüsselposition und wenige große Importeure. Da kann jede Veränderung für eines dieser Länder – wie Klimaschocks, Exportbeschränkungen oder große Erhöhung der Importnachfrage – umgehend Preiseffekte hervorbringen“, sagt Torero Cullen. Generell sei die Lage aber derzeit deutlich entspannter als während der Jahre 2007 und 2008 mit Knappheit und hohen Preisen. „Die Reserven sind größer und die Welt ist widerstandsfähiger gegen Krisen“, sagt der FAO-Chefvolkswirt.

          Nahezu 2,37 Milliarden Menschen hatten nach Angaben der FAO 2020 keinen regelmäßigen Zugang zu adäquater Ernährung gehabt, das seien 320 Millionen mehr als noch im Jahr zuvor. Bei 149 Millionen Kindern im Alter von fünf Jahren seien dauerhafte Schäden durch Unterernährung festzustellen. Ohne die Maßnahmen vieler Regierungen gegen die Folgen der Covid 19-Pandemie wäre die Situation noch schwieriger gewesen, doch gebe es zahlreiche andere Gründe für Unterernährung.

          Die wichtigsten Ursachen für Hunger sind nach dem Urteil der FAO bewaffnete Konflikte, Klimaschwankungen und extreme Wettersituationen, Wirtschaftskrisen, mangelnde Kaufkraft für gesunde Ernährung sowie Armut und Ungleichheit. Für die Verbesserung der Ernährungssicherheit nennt die FAO sechs Schlüsselelemente: Erstens seien friedliche Verhältnisse in allen Ländern Voraussetzung für jegliche Verbesserung der Ernährungslage. Zweitens müsse die Nahrungsmittelversorgung widerstandsfähiger werden für Klimaveränderungen – durch Naturschutz, aber auch durch Versicherungen. Es gelte auch, überall in Frühwarnsysteme zu investieren, sagt der FAO-Chefvolkswirt Maximo Torero Cullen.

          Drittens sollten wirtschaftliche Schwankungen für gefährdete Länder gemildert werden, auch durch soziale Hilfsprogramme in den einzelnen Ländern. Viertens gehe es darum, die Versorgung mit Nahrungsmitteln preisgünstiger zu machen. Vorgeschlagen sind dazu Interventionen in die Handelskette oder die Vermeidung von Ernteverlusten. Fünftens gehe es darum, generell die Armut zu verringern, etwa durch den Anbau von hochwertigeren Produkten, mit denen bisherige Subsistenzfarmer ihr Einkommen erhöhen und sich bessere Lebensmittel leisten können. „Es geht darum, die Produktivität bei hochwertigen Nahrungsmitteln zu verbessern. Auch mehr Handel kann Produktivität und Einkommen von Bauern erhöhen“, sagt FAO-Chefvolkswirt Maximo Torero Cullen.

          Sechstens gehe es generell um eine Orientierung des Nahrungsmittelkonsums in Richtung von nachhaltigen Zielen, heißt es im FAO-Bericht. Im Jahr 2020 wurde der Anteil der übergewichtigen Menschen auf dem Planeten auf 5,7 Prozent der Gesamtbevölkerung geschätzt. In diesem Herbst will die FAO zusammen mit den UN-Schwesterorganisationen Ifad, World Food Programme und Unicef bei einem Welternährungsgipfel für zusätzliches Engagement gegen den Hunger werben.

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