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Wo die Manager herkommen : Der Eliten-Report

Bessere Gesellschaft: Limousinen vor einer Bankiers-Villa im Jahr 1958 Bild: AKG

Welchen familiären Hintergrund haben Deutschlands Wirtschaftsführer? Und was verrät uns das über die Durchlässigkeit der Gesellschaft? Unsere Autoren zeichnen ein überraschendes Bild.

          Der Chef des wertvollsten deutschen Konzerns, SAP, ist der Sohn eines amerikanischen Elektrikers. Der Vater des stolzesten Industriekonzerns, Siemens, war Fabrikarbeiter im Bayerischen Wald, der neue Chef des weltgößten Autobauers, VW, ist ebenfalls ein Arbeiterkind (wenn auch mit österreichischem Pass). Und der Vorstandschef von Thyssen-Krupp stammt von einem Bauernhof auf der Schwäbischen Alb, der so winzig war, dass er nicht zum Überleben reichte. Der Vater verdingte sich nebenbei als Hilfsarbeiter in der örtlichen Brauerei, die Mutter trug bis ins hohe Alter frühmorgens Zeitungen aus.

          Georg Meck

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Bettina Weiguny

          Freie Autorin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Irgendetwas scheint also nicht zu stimmen an der weitverbreiteten Annahme, Deutschlands Manager-Elite sei eine Kaste abgehobener Sprösslinge der Oberschicht. Sicher ist: Bill McDermott (SAP), Joe Kaeser (Siemens), Herbert Diess (VW) und Heinrich Hiesinger (Thyssen-Krupp) sind anerkannte Manager. Nur: Inwiefern sind sie repräsentativ? Ist ein Aufstieg in die Elite ohne weiteres möglich?

          Auch Taxifahrer schaffen es auf die Weltbühne

          Für die Politik fällt die Antwort leichter: Herkunft und formale Bildung geben hier weniger den Ausschlag. Im Berliner Regierungsviertel wimmelt es von Kleine-Leute-Kindern und Studienabbrechern, selbst ehemalige Taxifahrer schaffen es auf die Weltbühne. Angela Merkel wuchs in der ostdeutschen Nische, im protestantischen Pfarrhaus, auf.

          Ihr Vorgänger Gerhard Schröder kam von ganz unten: Vater Jahrmarktarbeiter, gefallen im Krieg, Mutter alleinerziehende Putzfrau. Dieser Aufsteigermythos hat Schröder, Jurist auf dem zweiten Bildungsweg, bis ins Kanzleramt getragen. An die Macht beförderte ihn keine Eliteschule, kein Doktortitel, kein großbürgerlicher Habitus. Machtinstinkt, Chuzpe, freches Mundwerk – das war es, was ihm an die Spitze half.

          Dieser Artikel fußt auf dem Buch „Der Elitenreport“ von Georg Meck und Bettina Weiguny. Es seit dem 24. April im Verlag Rowohlt Berlin erhältlich.

          In der Wirtschaft sei das alles anders; geregelter, formeller, lautet eine beliebte These. Hier bestimmen nicht Parteifunktionäre oder das unberechenbare Volk über das Schicksal. In den Unternehmen setzen sich die Kinder aus der Oberschicht durch, so weit das Vorurteil. Die Elite ist demnach ein geschlossener Zirkel: Zutritt für Außenstehende verboten. Privatschule, MBA und dann mit Papas Kontakten schnurstracks in den Vorstand. Derweil strample sich die Mittelschicht vergebens ab, gefangen in einer Gesellschaft, die so undurchlässig ist wie eine Wand aus Beton.

          Meritokratie? Aufstieg durch Leistung? Von wegen, nichts als leere Versprechen, behauptet der Zeitgeist. Befeuert wird dieses Gefühl der Ungerechtigkeit von Leuten wie dem klassenkämpferischen Soziologen Michael Hartmann. Es sei ein Trugschluss, dass „vorrangig die individuelle Leistung über die Karriere entscheidet“. Mit dieser Botschaft zieht der mittlerweile emeritierte Professor aus Darmstadt durch die Lande: „Von einer sozialen Öffnung der Eliten kann keine Rede sein. Die Unternehmen rekrutieren ihre Führung überwiegend aus den oberen knapp fünf Prozent der Gesellschaft.“ Herkunft schlägt alles. Herkunft entscheidet über die Karriere.

          Soziologe Michael Hartmann: Macht sich Gedanken über Eliten und dem Zusammenleben in Industrie und Betrieb.

          Haben die anfangs genannten Emporkömmlinge sich also in die Chefetagen verirrt? Recherchen bei den 30 größten Konzernen im Land wie in der Start-up-Szene ergeben ein völlig anderes Bild. Nur die absolute Minderheit ist mit Vorstandschauffeur aufgewachsen. Selbst in der Finanzindustrie, einer besonders konservativen Branche, wird die Spitze keineswegs von Oberschichtskindern dominiert. Der ehemalige Chef der Deutschen Bank, Jürgen Fitschen, stammt aus einem Bauern- und Gasthof nahe Buxtehude.

          Der Vater des eben geschassten Nachfolgers John Cryan verdiente sein Geld als Jazzmusiker, und der Vater von Paul Achleitner, dem Mann, der als Aufsichtsratschef der Deutschen Bank die Herren Fitschen wie Cryan ins Aus beförderte, arbeitete in Oberösterreich zwar in einer Bank, aber nicht als Chef, sondern so tief in der Hierarchie, dass unter ihm niemand mehr kam, wie Sohn Paul erzählt.

          Der Vater von Commerzbank-Chef Martin Zielke wiederum war Abteilungsleiter im Sozialamt der Stadt Kassel, die Mutter hat in einem Zeitungshaus in Nordhessen Lochstreifen gestanzt, was dem Sohn dort immerhin einen lässigen Ferienjob zum Kehren und Fegen eingetragen hat. So viel zu den goldenen Löffeln. So viel zu den angeblichen Sprösslingen der oberen fünf Prozent.

          „Ich habe immer tagsüber gearbeitet“

          All diese Manager eint, dass sie finanziell wie gesellschaftlich einen gewaltigen Sprung nach oben gemacht haben. Schon auf dem ersten Lohnzettel von Allianz-Chef Oliver Bäte, damals McKinsey-Berater, stand ein Vielfaches von dem, was sein Vater je verdient hat. Finanziert hat sich Bäte den Aufstieg nach einer Banklehre alleine: „Ich hatte leider nicht das Vergnügen, ein tolles Stipendium zu kriegen oder reiche Eltern zu haben, sondern ich habe immer tagsüber gearbeitet und bin abends zur Schule gegangen.“

          „Bildung, Bildung, Bildung“, antworten die Topmanager auf die Frage, wie sie es aus gewöhnlichen Verhältnissen nach oben geschafft haben. Aus diesem Grund ist die Riege der Dax-Vorstände heute längst nicht mehr so homogen wie vermutet. Das bestätigen Headhunter wie Christine Stimpel, Partnerin von Heidrick & Struggles: „Es hilft, wer zu Hause bestimmte Werte mitbekommt – das ist aber keine Frage des Geldes.“ Der Mythos von der alles entscheidenden Herkunft ist demnach so überholt wie der Glaube, die besten Geschäfte würden auf dem Golfplatz gemacht.

          Sohn eines Elektrikers: Bill McDermott, Chef von Deutschlands wertvollstem Konzern SAP.

          Gewiss, Nikolaus von Bomhard, der brillante Ex-Chef der Münchener Rück, entstammt altem Adel. Und Martin Blessing, von der Commerzbank in den UBS-Vorstand nach Zürich gewechselt, kommt aus einer Banker-Dynastie: Sein Großvater war der Präsident der Bundesbank, sein Vater Vorstand der Deutschen Bank. Als Beweis für die generelle Undurchlässigkeit der Wirtschaftselite taugen sie jedoch so wenig wie Johannes Teyssen (Eon) und Harald Krüger (BMW), der Erste Sohn eines Richters, der Zweite Sohn eines promovierten Physikers.

          Wenn Soziologen anhand der offiziellen Lebensläufe der Vorstände die Oberschichtskinder auszählen, ist das Ergebnis schon deshalb schräg, weil mancher Aufsteiger Hemmungen hat, seine kleinbürgerliche Herkunft zu offenbaren. Typisch dafür ist der tadellose Vorstand, der auf keinen Fall möchte, dass darüber geschrieben wird, wie prekär es im elterlichen Obstbauernbetrieb zugegangen ist.

          „Cash flow“ an der Fleischertheke

          Und dann wäre noch die Frage zu klären, welches Elternhaus überhaupt zur „Oberschicht“ zählt: Jeder Lehrer, da Akademiker, jeder Handwerksmeister, sofern er einen eigenen Betrieb hat? Schwer abzugrenzen. Ist Christian Sewing, der neue Chef der Deutschen Bank, schon deshalb ein Zögling der Oberschicht, nur weil sein Vater Miteigentümer einer kleinen westfälischen Druckerei war? Oder Kurt Bock, der scheidende BASF-Chef? „Vater Hotelier“, vermerkt der offizielle Lebenslauf. Das mag nach Großkonzern klingen, in Wahrheit handelt es sich um einen kleinen Familienbetrieb in Ostwestfalen. Lehrreich war die Kindheit trotzdem, berichtet Bock: „Es hilft für die unternehmerische Karriere, wenn man zu Hause früh anpackt.“

          So oder so ähnlich reden sie alle, die Aufsteiger, die heute Zehntausende Angestellte befehligen. Bayer-Chef Werner Baumann, der mit Monsanto gerade eine 60-Milliarden-Übernahme stemmt, lernte in der elterlichen Bäckerei, was es heißt, früh aufzustehen, und wie anstrengend der Kampf gegen übermächtige Konkurrenz ist. Oder Multi-Aufsichtsrat Herbert Hainer, der langjährige Adidas-Herrscher: ein Metzgersohn aus Dingolfing, der über die Fachhochschule Landshut in die Liga der Global Player vorstieß. Was „Cash flow“ bedeutet, hat er mit Kleingeld an der Fleischertheke gelernt.

          Mehr Leute aus kleinen Verhältnissen als man denkt arbeiten auf Etagen wie dieser: Der Vorstandsflur bei der deutschen Bundesbank in Frankfurt.

          Im Fall von Siemens deuten schon die Geburtsorte mancher Vorstände tief in der Provinz darauf hin, dass sie nicht dem Zentrum der Hochfinanz entsprungen sind. Nichts gegen die Fachhochschule Regensburg, wo Joe Kaeser – ursprünglich Josef Käser – studiert hat: Aber Harvard ist davon mindestens so weit entfernt wie der Bayerische Wald von der Wall Street. Kaeser hat keinen MBA, aber beste Kontakte zur freiwilligen Feuerwehr, Siemens geht es blendend.

          Seinem Vorvorgänger Klaus Kleinfeld, Arbeiterkind aus Bremen, ward es ebenso wenig an der Wiege gesungen, dass er einmal Chef von Siemens oder Alcoa würde und ihm hinterher saudische Scheichs 500 Milliarden Dollar in die Hand drücken, damit er eine gigantische Stadt in der Wüste aufbaut. Genau das hat Kleinfeld gerade vor.

          Leistung soll sich lohnen

          Nun ließe sich einwenden, die Bespiele entstammen der Generation 50+, die Jugend habe es schwerer, vorwärtszukommen. Tatsächlich wird in der nächsten Manager-Generation der Anteil der Akademikerkinder steigen, das aber ist pure Mathematik, schließlich hat der Anteil der Akademiker in der gesamten Bevölkerung zugenommen. Genau das war Ziel der deutschen Bildungsoffensive.

          Deswegen muss selbst Soziologieprofessorin Jutta Allmendinger, von Haus aus eher links gestrickt, zugeben: So ungerecht geht es im Land nicht zu. In ihrer Studie „Entscheidungsträger in Deutschland“ räumt Allmendinger ein, dass „überraschend viele“ heutige Oberschichtler trotz ihrer Herkunft aus bildungsfernen Haushalten über einen sehr viel höheren formalen Bildungsstand verfügten als ihre Eltern: „Sie gelangten als Bildungsaufsteiger in Führungspositionen.“ So soll es sein: Leistung soll sich lohnen.

          „Wir sollten stolz darauf sein, wie durchlässig die deutsche Wirtschaft ist, nach oben wie nach unten“, sagt deshalb der in Zürich residierende Headhunter Christoph Zeiss, der davon lebt, Banken und Industriekonzerne mit neuen Chefs zu versorgen. Aufstiegshungrige Mittelschichtskinder hätten hierzulande deutlich bessere Chancen als etwa in Großbritannien oder Frankreich, sagt er.

          Wie immer in der Wirtschaftsgeschichte, ist die soziale Mobilität in Zeiten von Umbrüchen besonders hoch, das war so im Kaiserreich wie im Wirtschaftswunder der Nachkriegszeit, dafür finden sich auch Beispiele in der heutigen Start-up-Szene, wo digitale Pioniere die Welt aus den Angeln zu heben versuchen: Neben den Samwer-Brüdern, Söhne aus einer wohlhabenden Kölner Anwaltsfamilie, tummeln sich in Berlin Bauernjungs wie Robert Gentz, Zalando-Gründer und Multimillionär von eigenen Gnaden.

          Hinter „Weltsparen“, einer der erfolgreichsten jungen Finanzfirmen, steht ein hochbegabter Migrant aus Georgien namens Tamaz Georgadze und hinter dem heißesten deutschen Startup momentan, dem Gebrauchtwagenhändler „Auto1“, der Sohn türkischer Einwanderer: In nicht mal fünf Jahren hat Hakan Koç es mit seiner Firma zum Milliardär gebracht, der Zutritt zur Wirtschaftselite ist damit gesichert.

          Christine Stimpel ist nicht mehr Deutschland-Chefin von Heidrick & Struggles, sondern Partnerin. Diese Veränderung hatte sich zwischen Buchrecherche und -veröffentlichung ergeben.

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