https://www.faz.net/-gqe-abhy6

IW-Studie : Wer trägt welche Steuerlast?

Nicht alle zahlen hohe Steuern: Passanten gehen auf der Bahnhofstraße durch die Innenstadt von Hannover. Bild: dpa

Allen Steuertarifkorrekturen zum Trotz: Auf die unteren 70 Prozent entfallen 21 Prozent der Einkommensteuer – wie schon 1998. Damit zahlen 30 Prozent aller Haushalte in Deutschland fast 80 Prozent dieser Abgabe.

          3 Min.

          Wer hätte das gedacht – ein Haushalt mit zwei Personen und 62.000 Euro brutto im Jahr gehört zum oberen Drittel in Deutschland. Je Erwachsenem zahlt er im Durchschnitt 4684 Euro Einkommensteuer. Wie steht dieser Haushalt damit im Vergleich zu anderen? 70 Prozent der Haushalte verdienen genauso so viel oder weniger. Zusammen stehen sie damit für rund 21 Prozent der gesamten Einkommensteuer einschließlich Solidaritätszuschlag. Alle, die mit ihren Bezügen darüber liegen, sorgen für den Rest des Aufkommens, also 30 Prozent für 79 Prozent.

          Manfred Schäfers
          Wirtschaftskorrespondent in Berlin.

          Wer wissen will, wo er mit seinem Einkommen und seiner Steuerlast im Vergleich zur übrigen Bevölkerung steht, findet weiter unten eine interaktive Grafik, die das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft im Auftrag der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft entwickelt hat. Ein 2-Personen-Haushalt mit 96.000 Euro gehört demnach zum 90. Prozent der Bevölkerung (nur 10 Prozent haben mehr), er zahlt je Erwachsenem schon durchschnittlich 10.503 Euro Einkommensteuer. Das obere Zehntel der Einkommensverteilung sorgt für etwa die Hälfte der Einkommensteuereinnahmen.

          Die genannten Werte beziehen sich auf 2019. Die Grafik hat weitere Jahre im Angebot. Der Blick zurück zeigt eine interessante Entwicklung, auch wenn Ausgangspunkt und Ende der Betrachtung sich ähneln. Den eingangs genannten Haushalt darf man sicherlich zur Mittelschicht zählen. Wenn man nun schaut, was tragen die unteren 70 Prozent und was die oberen 30 Prozent zum Aufkommen bei, zeigt sich, dass die Lage 1998 nicht viel anders als zuletzt aussah: Die einen stehen für 20,7 Prozent der Einkommensteuereinnahmen, die anderen für 79,3 Prozent.

          Die Last der unteren Einkommensgruppe steigt wieder

          Dabei ist dazwischen viel passiert. Die 1998 gewählte rot-grüne Regierung beschnitt den Steuertarif mehrfach bis 2005 kräftig – unten, aber auch oben. Der Spitzensteuersatz sank von 53 Prozent auf 42 Prozent, der Eingangssteuersatz von 25,9 Prozent auf 15 Prozent. Der überraschende Effekt: Die entlastende Wirkung war unten offenbar größer als oben: Die unteren 70 Prozent trugen 2007 zusammen nur noch 17,3 Prozent der Einkommensteuer, die oberen 82,7 Prozent. Seit dem Jahr 2007 wird ein Steuerzuschlag von 3 Prozentpunkten für extrem hohe Einkommen erhoben, aber wichtiger war vermutlich die starke Tarifsenkungen im unteren Bereich.

          2009 wurde der Eingangsteuersatz sogar nochmals auf 14 Prozent gesenkt. Danach gab es nur noch technische Anpassungen. Der Grundfreibetrag wurde nach den Vorgaben des Bundesverfassungsgerichts den steigenden Kosten zur Abdeckung des Existenzminimums angepasst. Seit ein paar Jahren wird zudem die Geldentwertung berücksichtigt. Die Tarifeckwerte werden entsprechend verschoben. Das Lohnplus zum Ausgleich der Inflation erhöht seitdem nicht mehr die Steuerbelastung. Aber die höheren Reallöhne, die in einer wachsenden Wirtschaft möglich sind und starke Gewerkschaften durchsetzen, führten dazu, dass auch mittlere Einkommen schleichend in eine immer höhere Steuerbelastung gerieten. Dafür sorgt der progressive Steuertarif.

          Weil es an ihm seit mehr als zehn Jahren keine größere Korrektur gegeben hat, wächst die Last der unteren Einkommensgruppe wieder an. 70 Prozent trugen 2010 wieder 17,9 Prozent zum Aufkommen bei, vier Jahre später waren es schon 18,4 Prozent und 2019 die eingangs genannten 21 Prozent. Spiegelbildlich sank der Anteil der oberen 30 Prozent.

          So haben die Forscher gerechnet

          Die Ökonomen vom Institut der deutschen Wirtschaft in Köln haben einiges unternommen, um die unterschiedlichen Haushaltstypen vergleichbar zu machen. So haben sie aus dem Bruttoeinkommen, der Anzahl der Erwachsenen und der Kinder im Haushalt das sogenannte bedarfsgewichtete Einkommen ermittelt. Der erste Erwachsene hat den Faktor 1, jedes weitere Haushaltsmitglied über 14 Jahren den Faktor 0,5, Kinder unter 14 Jahren den Faktor 0,3. „Damit wird berücksichtigt, dass Kinder weniger Geld brauchen als Erwachsene, und dass das Leben in einigen Bereichen günstiger wird, wenn mehrere Menschen zusammenleben“, lautet die Begründung. Dann wird das gesamte Haushaltsbruttoeinkommen durch die bedarfsgewichtete Zahl der Haushaltsmitglieder geteilt.

          In einem zweiten Schritt haben die Ökonomen alle Haushalte in Deutschland nach der Höhe dieses Einkommens von arm nach reich aufgereiht und in 100 gleich große Gruppen unterteilt. Das 1. Prozent ist die ärmste Einkommensgruppe, das 100. Prozent die reichste. Mit diesem Verfahren müsse ein Paar ohne Kinder nur über etwa 70 Prozent des Einkommens eines Paares mit 2 kleinen Kindern verfügen, um statistisch zur selben Einkommensgruppe zu gehören,heißt es in den Erläuterungen.

          Das jährliche Haushaltsbruttoeinkommen umfasst die Einkommen aller Haushaltsmitglieder vor Abzug der Sozialversicherungsbeiträge und der direkten Steuern wie der Einkommensteuer. Zum Einkommen zählen die Kölner Wissenschaftler Löhne, Einkommen aus selbständiger Arbeit, unternehmerische Einkünfte, Zinsen, Dividenden, Mieteinnahmen, Renten, aber auch staatliche Transferleistungen wie das Arbeitslosengeld und Kindergeld.

          Weitere Themen

          Kaviar statt Butterbrot

          Hanks Welt : Kaviar statt Butterbrot

          Es gibt Zeitgenossen, die uns einreden wollen, wir dürften jetzt nicht zurück zur Normalität. Bescheidenheit sei das Gebot der Stunde. Wer das fordert, verfolgt jedoch nur ein Umerziehungsprogramm nach seinen eigenen Normen.

          Der digitale Impfpass geht an den Start

          F.A.Z.-Frühdenker : Der digitale Impfpass geht an den Start

          Die Kultusminister beraten, wie der Start ins neue Schuljahr nach den Ferien gelingen soll. Der Gesundheitsminister erklärt, wie der digitale Impfpass funktioniert. Und die Deutschen sind noch reicher geworden. Der F.A.Z.-Newsletter für Deutschland.

          Topmeldungen

          Konziliant im Ton, in der Sache aber auch mit einigem einverstanden, was Donald Trump veranlasste: der amerikanische Präsident Joe Biden am Montag in Brüssel

          Biden und die EU : In Trumps langem Schatten

          Am Dienstag trifft der amerikanische Präsident die Spitzen der EU. Die Europäer wollen endlich Trumps Strafzölle loswerden, doch Biden zögert das hinaus. Fortschritte gibt es dagegen auf anderen Feldern.
          Die deutsche Mannschaft darf sich im Duell mit Frankreich durchaus Hoffnungen auf Jubel machen.

          EM-Prognose : Deutschland ist gar nicht chancenlos!

          Frankreich! Der Weltmeister! Der Topfavorit! Vor dem Auftakt sehen viele schwarz für die deutsche Nationalelf. Doch die EM-Prognose ist nicht so düster. Das Duell verspricht vielmehr Hochspannung.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.