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DIW-Studie : Rentenansprüche verdoppeln das Vermögen der Deutschen

Bild: dpa

Die soziale Ungleichheit sei zu groß, wird oft moniert mit dem Hinweis, wie ungleich die Vermögen in Deutschland verteilt seien. Doch wenn Rentenanwartschaften zum Vermögen gezählt werden, schrumpft die Ungleichheit deutlich.

          Die Deutschen sind womöglich wohlhabender als gedacht. Ihr Durchschnittsvermögen ist doppelt so groß, wenn die Rentenansprüche in die Vermögenskalkulation eingerechnet werden. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung in Berlin (DIW), die unter Beteiligung von Wissenschaftlern der FU Berlin und der New York University entstanden ist und über die die „Frankfurter Allgemeine Woche“ an diesem Freitag vorab berichtet.

          Johannes Pennekamp

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaftsberichterstattung, zuständig für „Die Lounge“.

          Frühere Vermögensstatistiken hatten sich zumeist auf Sach-, Geld-, und Anlagevermögen beschränkt. Mit Daten des Sozio-oekonomischen Panels (2012/2013) konnten die Forscher nun ermitteln, welche Ansprüche die Deutschen im Alter aus gesetzlicher Rente, Betriebsrente und Beamtenpension haben werden.

          Durch die Rentenanwartschaften steigt das Durchschnittsvermögen der Deutschen demnach von 85.348 Euro auf 176.789 Euro. Das mittlere Vermögen (Netto-Medianvermögen) versechsfacht sich gar von 18.000 Euro auf 107.392 Euro, errechnete ein Forscherteam um Markus Grabka (DIW) und Timm Bönke (FU Berlin). Weil die Rentenanwartschaften gleichmäßiger in der Bevölkerung verteilt sind als die Nettovermögen, sinkt das Maß für die Vermögensungleichheit (Gini-Koeffizient) um ein Viertel von 0,79 auf 0,59.

          Die Forscher betonen, dass es sinnvoll sei, Rentenanwartschaften in die Vermögensbetrachtung einzubeziehen, diese aber nicht mit anderen Vermögenswerten gleichgesetzt werden können – unter anderem, weil sie nicht gehandelt oder als Sicherheit genutzt werden können. "Wir sind uns einig, dass Rentenanwartschaften keine klassischen Vermögen sind, sie werden in der Studie auch nicht als solche betrachtet. Sie können aber als Ersatz  für eigenen Vermögensaufbau angesehen werden“, sagte DIW-Präsident Marcel Fratzscher der FAZ Woche.

          Ökonom Fratzscher

          Die Ergebnisse dürfte die Debatte um Vermögen und Ungleichheit weiter befeuern. Eine Studie der EZB hatte vor drei Jahren ans Licht gebracht, dass deutsche Haushalte über das geringste Median-Vermögen im gesamten Euroraum verfügen. Die Vermögensungleichheit ist in Deutschland im internationalen Vergleich relativ groß, was DIW-Präsident Fratzscher in seinem Buch „Verteilungskampf“ anprangert. Durch die neue Studie sieht sich Fratzscher aber trotz der errechneten geringeren Ungleichheit nicht widerlegt. „Die Studie ändert an diesem Bild nichts, aber sie trägt dazu bei, den Diskurs zu vertiefen“, sagte er.

          Vielfach werde angenommen, die Rentenanwartschaften hätten in Deutschland stärkere Umverteilungswirkungen als in anderen Ländern. Um das zu überprüfen, müsse man sich die Wirkungen anschauen. „Das leistet die Studie und zeigt, dass die Anwartschaften zwar weniger ungleich verteilt sind als Geld- und Sachvermögen, die Ungleichheit aber auch hier sehr hoch ist“, sagt Fratzscher. Die neue Untersuchung bestätige einmal mehr, dass die Ungleichheit in Deutschland „besorgniserregend hoch ist.“

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