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Wie Berlin vorankommt : Weniger arm, weniger sexy

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Trübe Aussichten: Das Brandenburger Tor im Dezember-Regen Bild: dpa

Die Bundeshauptstadt wäre gern die führende europäische Metropole. Doch eine Studie zeigt: Bis dahin ist es noch ein weiter Weg.

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          Sechzehn Jahre ist es her, als Klaus Wowereit den Satz in die Welt setzte, Berlin sei arm, aber sexy. Der damalige Regierende Bürgermeister der SPD meinte das durchaus lobend, im Laufe der Jahre ist daraus allerdings eher der Leitspruch für die vielen Schwächen Berlins geworden. Mit aller Kraft versucht die Hauptstadt, diesen Ruf wieder loszuwerden – auf einigen Feldern durchaus erfolgreich, auf anderen dagegen so gar nicht, wie eine neue Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) zeigt.

          Julia Löhr

          Wirtschaftskorrespondentin in Berlin.

          Die gute Nachricht zuerst: Zumindest die Anziehungskraft Berlins auf Talente kann sich nach Ansicht der Wirtschaftsforscher sehen lassen. Im Vergleich mit 15 anderen europäischen Hauptstädten stehe Berlin diesbezüglich an vierter Stelle, heißt es in dem am Freitag vorgestellten Papier. In anderen Kategorien – Technologie, Nachhaltigkeit, Mobilität, Toleranz, Teilhabe und Lebenszufriedenheit – findet sich Berlin zwar nicht in der Spitzengruppe, die Städte wie Stockholm, London und Amsterdam bilden. Aber Berlin hat zumindest im Vergleich zu vor zehn Jahren aufgeholt. Bitter wird es allerdings, wenn es um die Effizienz der öffentlichen Verwaltung geht. Da ist Berlin beinahe das Schlusslicht. Noch träger sind die Behörden nur in der italienischen Hauptstadt Rom.

          In Berlin ist es zum Beispiel seit Jahren in einigen Bezirken nahezu unmöglich, einen Termin auf dem Standesamt zu bekommen. Wer heiraten will oder eine Geburtsurkunde für den Nachwuchs braucht, verlegt seinen Wohnsitz deshalb schon mal kurzerhand zu Freunden oder Verwandten in anderen Vierteln, um an die nötigen Papiere zu kommen. In Berlin-Kreuzberg gehen dieser Tage Eltern auf die Straße, weil seit Dezember 2012 eine Grundschule wegen Brandschutzmängeln gesperrt ist. Seitdem lernen die Klassen im Nachbargebäude in ihrem Hortraum – wohl noch bis zum Jahr 2024.

          „Eine Großstadt wird nie ein Ponyhof sein“

          An anderer Stelle sind die Bezirke dagegen sehr umtriebig, etwa, wenn für die Drogendealer im Görlitzer Park Verkaufszonen auf dem Boden markiert werden oder ein Fahrradweg akribisch im Zickzackkurs um die Bäume am Straßenrand herumgeführt wird. Die Verkehrsgesellschaft BVG versucht derweil, den überlasteten öffentlichen Nahverkehr mit Humor zu nehmen und pinselt „Liebe Schwaben, wir bringen euch gerne zum Flughafen“ auf ihre Busse.

          Auf all diese Unzulänglichkeiten ging Finanzsenator Matthias Kollatz (SPD) während der Präsentation der Studie am Freitag in Berlin lieber nicht näher ein. Er skizzierte stattdessen seine Vision des Berlin im Jahr 2030, in dem zwei Drittel der Bürger Ämtergänge elektronisch erledigen, mit einem 365-Euro-Ticket für den öffentlichen Nahverkehr durch die Stadt fahren und sich dank des Mietendeckels jeder eine „wenn auch bescheidene“ Wohnung leisten kann. „Eine Großstadt wird nie ein Ponyhof sein“, sagte Kollatz. „Aber eine Großstadt muss auch nicht zwangsläufig ein Moloch sein.“

          Berlin ist seit Jahren der mit Abstand größte Nettoempfänger im Länderfinanzausgleich und die einzige europäische Hauptstadt, die ihr Land wirtschaftlich nicht nach oben, sondern nach unten zieht. Im Jahr 2018 betrug das Bruttoinlandsprodukt je Kopf 97,2 Prozent des Bundesdurchschnitts. Zwar konnte Wirtschaftssenatorin Ramona Pop (Grüne) zuletzt vermelden, dass die Wirtschaft mit 3,1 Prozent so stark wie in keinem anderen Bundesland wuchs. Und Siemens will 600 Millionen Euro in einen Innovationscampus in Berlin investieren, vor der Stadt soll die europäische Fabrik des amerikanischen E-Autoherstellers Tesla entstehen. Doch nicht überall ist Wachstum erwünscht. Im Stadtteil Friedrichshain wehren sich Anwohner gerade gegen ein geplantes Hochhaus, in das der Online-Händler Amazon ziehen will. Gut bezahlte Technik-Fachkräfte, so die Sorge, könnten die Mieten weiter nach oben treiben.

          Geht es nach Martin Gornig, Forschungsdirektor Industriepolitik am DIW, sollte sich die rot-rot-grüne Berliner Landesregierung Skandinavien zum Vorbild nehmen. „Die sind besser in der Lage, aus Technologie Produktivität zu machen“, sagte er. In punkto öffentliche Verwaltung stark aufgeholt habe London – weil die Politik dort die Bürger nicht nur nach ihren Wünschen frage, sondern diese auch umsetze. Finanzsenator Kollatz hält es dagegen nicht für ein erstrebenswertes Ziel, aus Berlin eine Kopie von London zu machen. Seine Leitlinie für die Zukunft: Statt „arm, aber sexy“ soll Berlin jetzt „normal, weltoffen und sexy“ werden.

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