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Schrumpfung überschätzt : Rechenfehler in Sachen Mittelschicht

Symbolbild: Die untere und die obere Bevölkerungsschicht machen den Platz für die Mittelschicht eng. Bild: Rüchel, Dieter

In einer Aufsehen erregenden Studie haben sich Ökonomen peinlich verrechnet: Die Mittelschicht ist weniger stark geschrumpft als zunächst angegeben.

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          Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) hat einige gravierende Rechenfehler in einer aufsehenerregenden Studie über das Schrumpfen der Mittelschicht eingestehen müssen. In einer Meldung korrigierten die Verteilungsforscher des Berliner Instituts um Markus Grabka eine Reihe von Zahlen, die sie vor einer Woche verbreitet hatten. Der Rückgang der Mittelschicht ist demnach weniger stark. Seit 1991 sei der Anteil der Mittelschicht an der Bevölkerung um gut 5 Prozentpunkte auf 61 Prozent gesunken. Zuvor hatte das DIW einen Rückgang um rund 6 Prozentpunkte von 60 auf 54 Prozent gemeldet.

          Philip Plickert

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

          Drastischer fällt die Korrektur des DIW der Angaben zum mittleren Einkommen aus. Das Medianeinkommen stieg demnach in den Jahren 1991 bis 2000 um 7 Prozent (statt zuvor gemeldet 4 Prozent) auf 54.000 Euro (statt zuvor falsch genannt 31.000 Euro). Im Jahr 2014 lag das Medianeinkommen nach den korrigierten DIW-Angaben bei 53.500 Euro. Hier hatte das Institut fälschlich nur 29.500 Euro angegeben. Er bedaure die Rechenfehler, die „trotz unseres umfangreichen Qualitätsmanagements aufgetreten“ seien, teilte Forscher Grabka dieser Zeitung mit.

          Die Mittelschicht wurde in der Studie für einen Vergleich mit Zahlen aus den Vereinigten Staaten recht breit definiert. Sie umfasst demnach alle Personen, deren Einkommen zwischen 67 und 200 Prozent des mittleren Einkommens (Median) der Bevölkerung liegt. Das sind, nach den korrigierten Zahlen, alle Personen mit einem jährlichen Bruttoeinkommen von 35.845 bis 107.000 Euro. Wie das DIW hervorhob, sind sowohl in Amerika als auch in Deutschland in der unteren Einkommensschicht viele Immigranten zu finden. Auch andere Zahlen, etwa zum Anteil der Mittelschicht am Gesamteinkommen, musste das DIW korrigieren. Durch die Korrektur der Fehler trete nun „der Unterschied zu den Vereinigten Staaten bei der Größe der Mittelschicht noch etwas markanter hervor“, sagte der DIW-Forscher Jürgen Schupp. In Amerika umfasst nach einer Erhebung des Pew Umfrageinstituts die Mittelschicht nur noch 50 Prozent der Bevölkerung.

          Die Aussage des Berliner Instituts, dass die Mittelschicht hierzulande ebenso stark wie in Amerika geschrumpft sei, hatte zuvor Widerspruch hervorgerufen. Das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft etwa kritisierte, das DIW betreibe „fragwürdige Verunsicherung“. Eine solche Parallele beim Rückgang der Mittelschicht zu ziehen sei übertrieben. Zwischen dem Ungleichheitsniveau in den Vereinigten Staaten und in Deutschland lägen „nach wie vor Welten“. Das DIW hat sich mit seinem Eingeständnis der teils gravierenden Rechenfehler eine Blöße auf einem derzeit heißumkämpften Feld gegeben. DIW-Präsident Marcel Fratzscher stellt in seinem Buch „Verteilungskampf“ die These auf, in Deutschland existiere keine Soziale Marktwirtschaft mehr, weil die Ungleichheit sehr stark zugenommen habe und die Mittelschicht drastisch schrumpfe. Andere Ökonomen haben die Thesen zurückgewiesen.

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