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Branko Milanović : Dieser Mann versöhnt Arm und Reich

Der serbisch-amerikanische Ökonom Branko Milanović (65) hat die Elefanten-Grafik entwickelt. Bild: Christoph Busse

Der Ungleichheitsforscher Branko Milanović kann viele Probleme der Welt mit einer einzigen Grafik erklären. Jetzt hat er auch Ideen, wie sich Arm und Reich versöhnen können.

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          Es passiert nicht oft, dass jemand mit einer einzigen Kurve berühmt wird. Branko Milanović allerdings ist es so gegangen, und zwar 2012. Lange hatte er darum gekämpft zu verstehen, wie sich die Einkommen der einzelnen Menschen auf der Welt verändern: nicht nur die der Menschen in einem Land, nicht die Durchschnittseinkommen aller Länder – sondern alle Leute für sich, unabhängig von Ländergrenzen. Das Ergebnis war diese Grafik.

          Patrick Bernau

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Sie zeigt, wie sich das Einkommen der Menschen weltweit zwischen 1988 und 2008 entwickelt hat. Selbst die Ärmsten der Welt sind in dieser Zeit reicher geworden, die etwas Reicheren allerdings noch viel schneller. Von diesem Trend profitiert auch die Mittelschicht der Welt: die Asiaten und Menschen in anderen Schwellenländern. Für sie waren es wirtschaftlich sehr gute Jahre. Die Oberschicht der Weltbürger hatte dagegen das Nachsehen, sie haben kaum Einkommenszuwächse verzeichnet, entsprechend unzufrieden sind sie heute. Vor allem weil sie sehen, dass die absolute Spitze immer reicher wird.

          Eine Grafik für alles

          Zu dieser frustrierten Oberschicht der Weltbevölkerung gehören die Armen und die Mittelschicht der Industrieländer – und deshalb kann diese Kurve einige Erklärungshilfe dabei leisten, wieso es in den vergangenen Jahren so turbulent in den westlichen Staaten zuging. „Es dauerte ein paar Jahre, bis die Grafik wirklich bekannt wurde, aber schon als ich sie zum ersten Mal gesehen habe, war ich beeindruckt“, sagt Milanović heute. „Weil gleich klar war, dass die Zahlen all das zeigen, was wir wussten.“

          Diese Grafik erklärte auf einen Blick alles, was in den 10er-Jahren in der Welt wichtig war: die Unzufriedenheit in den reichen Staaten, die zur Wahl von Trump und zur Brexit-Abstimmung führte. Der unglaubliche Aufstieg Chinas und anderer asiatischer Länder, der Millionen Menschen aus der Armut führte. Die Angst vieler Menschen im Westen, ihren Arbeitsplatz nach Asien zu verlieren. Und die wachsende Ungleichheit in vielen westlichen entwickelten Staaten. Außerdem hatte sie auch noch eine einprägsame Form. Deshalb hieß sie schnell „Elefantengrafik“: ein hoher Rücken mit den Einkommenszuwächsen der globalen Mittelschicht, im Gesicht der steile Absturz der westlichen Mittelschicht. Am Ende zeigt der Rüssel wieder nach oben.

          Inzwischen ist Milanović überall gefragt. Eigentlich lehrt er in New York, zusätzlich hat er eine Gastprofessur in London. Das aktuelle Semester verbringt er in Barcelona, wenn er nicht in Jena ist wie in der vergangenen Woche. Dort trafen sich die deutschen Soziologen auf ihrem Kongress und wollten hören, wie er die Welt sieht. Auch bei den deutschen Ungleichheits-Forschern ist er beliebt: „Ich finde seine Arbeiten sehr gut und inspirierend“, sagt Andreas Peichl am Ifo-Institut. „Er hat sehr viele wichtige und einflussreiche Studien veröffentlicht.“

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