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Spanien, Griechenland, Italien : Jugendarbeitslosigkeit in Südeuropa wird überschätzt

Vor zehn Jahren erreichte die Arbeitslosigkeit bei Jugendlichen Rekordhöhen. Nun sinkt sie wieder. Bild: dpa

Die Jugendarbeitslosigkeit in Italien, Spanien und Griechenland soll bei mehr als 30 Prozent liegen. Doch die Zahlen sind verzerrt, meint eine neue Studie. Eigentlich liege sie viel niedriger.

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          Die Finanz- und Wirtschaftskrise hat vor zehn Jahren für einen drastischen Anstieg der Jugendarbeitslosigkeit in Europa gesorgt, allen voran in Spanien, Griechenland und Italien: Im Durchschnitt der Eurozone erreichte die amtlich gemessene Arbeitslosenquote unter jüngeren Menschen im Jahr 2013 einen Höchststand von 24 Prozent, in den drei Ländern wurden gar zwischen 43 und 58 Prozent gemessen. Inzwischen sind diese Quoten dort zwar wieder ein Stück gesunken, sie liegen in der Altersgruppe von 15 bis 24 Jahren aber zwischen 30 und 40 Prozent, wie das europäische Statistikamt Eurostat für 2018 ausweist. In der Eurozone insgesamt sind es 17 Prozent.

          Dietrich Creutzburg

          Wirtschaftskorrespondent in Berlin.

          Eine Analyse des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) warnt aber, die Bewertung der Arbeitsmarktlage für Jugendliche zu stark auf die Messgröße Arbeitslosenquote zu stützen. Diese könne zu Fehlschlüssen führen. Denn neben objektiven Erschwernissen für jüngere Arbeitsuchende gebe es „rein statistische Gründe für die überproportional hohe Arbeitslosenquote junger Menschen“, erklärt Forscher Holger Schäfer. Tatsächlich bedeutet eine Quote von 50 Prozent nicht, dass die Hälfte aller Jugendlichen arbeitslos ist. Denn die Arbeitslosenquote berücksichtigt nur Menschen, die sich entweder als Arbeitnehmer oder als Arbeitslose auf dem Arbeitsmarkt bewegen.

          Eine „qualifikatorische Verzerrung“

          Gerade unter jungen Menschen ist das aber oft nur ein Bruchteil der Altersgruppe, da sie Schüler, Studenten und Auszubildende von vornherein ausklammert. Wenn sich etwa zwei Drittel der Jugendlichen im Bildungssystem befinden, gibt die Arbeitslosenquote also höchstens den Prozentsatz der Arbeitslosen für das übrige Drittel der Jugendlichen an. Außerdem, warnt Schäfer, entstehe damit eine „qualifikatorische Verzerrung“: Wer schon in die Arbeitslosenquote einfließt, weil er in jungen Jahren das Bildungssystem verlassen hat, ist meist schlechter qualifiziert – und damit nicht repräsentativ für die Arbeitsmarktchancen seiner Altersgruppe.

          Zu Recht, erläutert Schäfer, rücke die Wissenschaft daher eine andere Messgröße in den Vordergrund: die sogenannte Neet-Quote. Im Gegensatz zur Arbeitslosenquote bezieht sie sich auf die Gesamtheit der jungen Menschen in einem Land und gibt an, welcher Prozentsatz weder im Bildungssystem noch in Arbeit ist („Neet“ für „not in employment or education“). Vergleicht man beide Größen für die Gruppe der 15- bis 24-Jährigen in den drei Euro-Krisenländern, zeigen sich auffällige Unterschiede.

          Diese Unterschiede sind für eine zielgenaue Politik gegen Perspektivlosigkeit unter Jugendlichen durchaus bedeutsam: Gemessen an der Jugend-Arbeitslosenquote stand Italien mit 32,2 Prozent auch 2018 etwas besser da als Spanien (34,3) und Griechenland (39,9). Anders die Neet-Quote: Sie war 2018 in Italien mit 19,2 Prozent die höchste in der EU. In Griechenland lag sie bei 14,1 Prozent, in Spanien bei 12,4 Prozent. Und während der Anteil der Jugendlichen, die weder arbeiten noch lernen, in beiden Ländern seit 2013 deutlich gesunken ist, gilt das für Italien nicht.

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