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Vermögensvergleich : Wie reich sind Sie wirklich?

Wer die Zeit und das Geld hatte, hat sich in diesem Sommer gerne im eigenen Pool gesonnt. Bild: dpa

Neue Zahlen zeigen, wie sich das Vermögen der Deutschen über das Leben entwickelt. Schon mit einem abbezahlten Haus und einer Lebensversicherung können Sie zu den oberen zehn Prozent gehören. Testen Sie selbst, wo Sie in Ihrer Altersgruppe stehen!

          5 Min.

          So viel Prognose sei gewagt: Die meisten Menschen werden sich wundern. Denn sie sind reicher, als sie denken – wenn sie sich mit den anderen Deutschen vergleichen, dann fällt das auf. So viel ist schon bekannt: Mit einem Nettovermögen von 477.000 Euro gehört man zum reichsten Zehntel der Deutschen. Das ist nicht viel, ein abbezahltes Reihenhäuschen und eine Lebensversicherung können dafür schon ausreichen– je nachdem, wo das Haus steht. Und schon wer 67.000 Euro auf der hohen Kante hat, gehört zur reichsten Hälfte der Deutschen.

          Patrick Bernau

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Jens Giesel

          Multimedia-Redakteur.

          All das wusste das Land schon – wenn es auch manchem schwerfällt, das zu glauben. Doch Vermögen ist ja nicht für alle gleich. Es gibt ein ganz typisches Muster, dem die meisten Deutschen folgen: Wenn sie jung sind, haben sie erst mal wenig Vermögen. Dann sparen sie über die Jahre immer mehr an – bis sie in der Rente Teile ihres Vermögens wieder aufzehren (wenn auch meist nur kleine Teile). Wer wirklich wissen möchte, wie arm oder reich er durchs Leben geht, der vergleicht sich am besten nicht mit allen Deutschen – sondern mit denen, die ähnlich alt sind wie man selbst. Das ist jetzt möglich. Und das wird noch mal einige Leute überraschen.

          Paare haben viel mehr Erspartes als Singles

          Es stellt sich nämlich heraus: Wer als 33 Jahre alter Single 30.000 Euro angespart hat, der gehört schon zum reichsten Drittel der Deutschen. Die obere Hälfte beginnt in diesem Alter schon mit rund 7000 Euro. Doch selbst im Alter haben die Deutschen keine großen Reichtümer angehäuft. Single-Rentner gehören schon mit 50.000 Euro Vermögen zur reicheren Hälfte. Hier kann sich jeder selbst mit seinen Altersgenossen vergleichen. Wer eine eigene Website hat, darf den Rechner auch dort einbetten - die F.A.S. speichert die eingegebenen Daten nicht.

          Die Zahlen hat das Institut der Deutschen Wirtschaft in Köln für die F.A.S. ausgerechnet, Grundlage dafür ist eine Umfrage des Statistischen Bundesamtes aus dem Jahr 2018 unter mehr als 55.000 Haushalten. Mitgerechnet werden nicht nur Sparbücher und Wertpapiere, sondern auch der aktuelle Wert von Immobilien und Versicherungen, alle Kredite werden abgezogen. Nur Betriebsvermögen werden nicht mitgezählt; sie allerdings verschieben die Werte für die obersten oder untersten zehn Prozent kaum. Das Vermögen des ganzen Haushalts wird zusammengerechnet. Für Paare zählt in den Auswertungen das Alter des Hauptverdieners.

          Dabei wird deutlich: Paare haben viel mehr Erspartes als Singles. Vor allem in der Mittelschicht kommen Paare teils auf mehr als das fünffache Vermögen. Mit 60 hat der mittlere Single rund 46.000 Euro gespart, das mittlere Paar dagegen 247.000 Euro – die Zahlen sind jeweils der Median, das heißt: Eine Hälfte hat mehr, die andere Hälfte weniger. Für den Vorteil der Paare gibt es eine Erklärung: Die Paare haben mehr Geld in Immobilien. „Paare entschließen sich wahrscheinlich eher dazu, ein Haus zu kaufen, zumal wenn sie auch noch Kinder haben“, sagt die Ökonomin Judith Niehues, die die Analyse am Institut vorgenommen hat. Und Immobilienbesitz, so viel ist schon seit einer Weile bekannt, führt mit der Zeit oft zu größerem Reichtum– nicht unbedingt, weil das Eigenheim finanziell immer so lohnend wäre. Sondern vor allem, weil Eigenheimbesitzer ihren Kreditraten so schlecht entgehen können – sie sparen praktisch zwangsweise. So wächst das Nettovermögen über die Jahre, und wenn das Haus abbezahlt ist, bleibt einiges übrig.

          Ebenfalls bemerkenswert ist, dass sich die relativen Vermögensabstände von Mittelschicht und Reichen über den Lebenslauf eher verringern, wie Niehues festgestellt hat. Vor dem 30. Geburtstag sind die Unterschiede enorm. Erbschaften spielen noch kaum eine Rolle. Aber die einen verdienen schon Geld, manche schon seit zehn Jahren, andere studieren lange und müssen erst mal ihren Ausbildungskredit abbezahlen. Unter 30 hat der mittlere Single 5000 Euro gespart, mit rund 70.000 Euro zählt man zu den reichsten zehn Prozent – das ist das 14-Fache. Mit der Zeit gleicht sich das an. Über 74 Jahren hat das mittlere Paar immerhin rund 200.000 Euro angespart, zu den reichsten zehn Prozent gehören dann Paare mit 630.000 Euro – das ist nur noch das Dreifache. Obwohl viele Erbschaften erst in den 40ern oder 50ern angetreten werden, sinkt die Vermögensungleichheit über das Leben deutlich ab. Der Gini-Koeffizient, der die Vermögensungleichheit auf eine Zahl zwischen 0 und 1 bringt, liegt bis 35 Jahren bei 0,8 – nach 45 Jahren eher bei 0,65.

          Die Deutschen überschätzen die Ungleichheit eher

          Generell überschätzen die Deutschen die soziale Ungleichheit im Land eher, zumindest wenn es um die Einkommen geht. Auch diese Fehleinschätzung trägt dazu bei, dass sich viele Deutsche wundern: Sie halten sich für Angehörige der Mittelschicht, gehören aber schon zu den vermögenderen Leuten in Deutschland. Der Irrtum hat System. Es gibt ja immerhin einige Superreiche, Milliardäre wie die Lidl-Familie Schwarz oder die SAP-Gründer, und der Abstand zu denen ist riesig. Dabei vergisst man leicht, dass es trotzdem nur sehr wenige Menschen gibt, die solche Reichtümer angehäuft haben – und die obersten zehn Prozent, das sind in Deutschland immerhin auch noch rund vier Millionen Haushalte. Zudem umgibt man sich oft mit Leuten, die ähnlich viel Geld haben wie man selbst: Sie sind ähnlich gebildet, wohnen im gleichen Viertel und haben ähnliche Interessen. Also sehen sich die meisten Leute zu Recht ungefähr in der Mitte ihrer Bekannten. Viele Umfragen haben in den vergangenen Jahren gezeigt, dass sich die meisten Deutschen in der Mittelschicht einsortieren, einige noch in der Unterschicht – aber in der Oberschicht praktisch niemand. Dabei ist die harte Wahrheit: Einem selbst reicht das Geld zwar nie, aber die anderen haben wirklich auch nicht mehr.

          Auch im Vergleich mit anderen Europäern haben die Deutschen wenig Vermögen. Dabei ist das laufende Einkommen der Deutschen doch eigentlich gar nicht schlecht. Dazu gibt es mehrere Thesen. Eine ist, dass in Deutschland verhältnismäßig wenige Leute im eigenen Haus wohnen, die Zerstörung im Zweiten Weltkrieg und der Sozialismus in der ehemaligen DDR haben dazu einiges beigetragen – aber auch ein relativ mieterfreundliches Recht, das Mietern im Vergleich mit anderen europäischen Staaten wenig Druck macht, auf ein Eigenheim zu sparen. Einer zweiten These zufolge ist in Deutschland der Druck klein, sich große Reserven für den Notfall zurückzulegen, schließlich ist der Sozialstaat großzügiger als in manch anderem Land und liefert Unterstützung in Notlagen.

          Wie sparen die Deutschen mehr?

          Politische Vorschläge dazu, wie man die Sparkultur verbessern könnte, gibt es viele. Der Grünen-Abgeordnete Wolfgang Strengmann-Kuhn gibt zu bedenken, dass es sich für viele Menschen nicht lohnt, für die Rente zu sparen: Sie bekommen so wenig, dass der Staat die Rente aufstocken muss – und dann wird das Vermögen angerechnet. Das solle sich ändern. Zudem plädieren die Grünen für einen staatlich organisierten Bürgerfonds, der an den Kapitalmärkten investiert und in den jeder für die Altersvorsorge Geld einzahlen kann. „Der könnte auch die bürokratische und teure Riester-Rente ersetzen.“

          Andere Ideen hat die FDP. „Gerade junge Menschen, die noch am Anfang ihrer Karriere stehen, sind nicht in der Lage, frühzeitig Geld zurückzulegen, weil sie überproportional hoch besteuert werden“, sagt Christian Dürr, der stellvertretende Fraktionsvorsitzende der FDP. Finanzminister Scholz’ Finanztransaktionssteuer sei am Ende eine Steuer auf die Altersvorsorge. „Wenn Herr Scholz sagt, man solle sein Geld lieber aufs Sparbuch legen, müssen wir uns nicht wundern, wenn die Menschen kein Vertrauen in die Aktienmärkte haben.“

          In der Zwischenzeit allerdings kann jeder selbst etwas dafür tun, dass er mehr Vermögen aufbaut: das Geld besser anlegen. Die Untersuchung offenbart nämlich noch einen Unterschied zwischen Reichen und Armen. Dabei geht es nicht mal um den Immobilienbesitz, der macht für beide Gruppen durchschnittlich rund zwei Drittel ihres Gesamtvermögens aus. Was die Reichen von den Armen wirklich unterscheidet, das ist ihr Wertpapierbesitz. Ein gut verteiltes Portfolio mit billigen Fonds bringt relativ viel Rendite und ist sicherer als eine Immobilie, die über die Jahrzehnte unverhofft in eine Einflugschneise oder an eine Umgehungsstraße geraten kann. Und inzwischen bieten die meisten Banken Sparpläne an, bei denen man schon mit kleinen Beträgen regelmäßig in Wertpapiere investieren kann.

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