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Arm und reich : „Ungleichheit ist unverzichtbar“

  • -Aktualisiert am

Der Sozialstaat tut für Einkommensschwache mehr, als viele denken. Bild: epd

Wie sieht die Zukunft des Sozialstaats aus? Der DDR-Forscher Klaus Schroeder beklagt die Debatte über die Ungleichheit. Wichtige Punkte fehlen, sagt er.

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          Wenn der Berliner Professor Klaus Schroeder seine Studenten fragt, wie arm oder reich Deutschland ist, erhält er immer wieder überraschende Antworten. Mit Armut verbinden diese in der Regel Menschen mit einem Einkommen von höchstens 500 Euro im Monat.

          Jan Hauser

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Ein Alleinstehender in Deutschland gilt hingegen mit einem Nettoeinkommen von fast 1000 Euro im Monat als armutsgefährdet und kommt auf weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens der Gesamtbevölkerung. Für eine Familie mit zwei Kindern sind es fast 2300 Euro im Monat, wenn ein Kinder älter als 14 Jahre ist. Die Studenten unterschätzen die Zahlen und vermuten die Einkommen der obersten 5 bis 10 Prozent um ein Vielfaches höher, als diese tatsächlich sind.

          Oft hören sie, dass die Ungleichheit wächst und die Armen ärmer werden. Das neue Buch des Ökonomen Marcel Fratzscher, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin, trägt dies schon im Titel. Es heißt „Verteilungskampf: Warum Deutschland immer ungleicher wird“. Klaus Schroeder hält davon nichts. „Das ist eine politisch motivierte Kampfschrift, die den Menschen einhämmern soll, dass die Ungleichheit angeblich so groß und an allem gesellschaftlichen und sozialen Elend schuld ist – doch das belegt er nicht“, sagte er dieser Zeitung. Schroeder leitet den Forschungsverbund SED-Staat an der Freien Universität Berlin und die Arbeitsstelle Politik und Technik des Otto-Suhr-Institutes.

          Fratzscher beruft sich auf die Industrieländerorganisation OECD, um zu verkünden, dass diese Ungleichheit dem Wirtschaftswachstum schade, was umstritten ist. Das mündet in Fratzschers These, dass die Soziale Marktwirtschaft nicht mehr existiere. „Das ist jenseits der Realität und völlig aus der Luft gegriffen“, sagt Schroeder. „Die Soziale Marktwirtschaft funktioniert, und die Haushaltseinkommen werden durch die soziale Umverteilung in die richtige Balance gebracht.“ Schroeder hat viel auszusetzen an dem, was Fratzscher zur Lage der Nation aufgeschrieben hat. „Mich ärgert, dass Wissenschaftler wie Fratzscher die Gesellschaft wider besseres Wissen schlechtreden und damit den Demagogen von links und rechts Futter geben.“ Linkspartei und AfD seien ein Sammelbecken für Personen, die meinten, im Leben zu kurz zu kommen. „Diese Gesellschaft ist jedoch sozial viel stabiler, und auch der Wohlstand ist breiter, als suggeriert wird.“

          Den Forscher stört, dass in der Debatte etwa der gesellschaftliche Wandel in Deutschland ausgeblendet wird. Das bemängelt er auch am Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung. Die Zahl der Einpersonenhaushalte stieg von 35 Prozent im Jahr 1990 auf 41 Prozent im Jahr 2014, die Zahl der Alleinerziehenden von 14 auf 20 Prozent und die Bevölkerungsanteil der Menschen im Alter von mehr als 65 Jahren von 15 auf 21 Prozent. In Deutschland sind von 1990 an mehr als 20 Millionen Menschen eingewandert, und die ärmere Bevölkerung der DDR musste integriert werden. Mehr Alleinlebende, Alleinerziehende, Ältere und Einwanderer verändern die Sozialstruktur des Landes und damit die Vermögensverteilung. Umso erstaunlicher nennt es Schroeder, dass die Ungleichheit in den vergangenen Jahren unter diesen Vorzeichen nicht mehr gestiegen sei.

          „Die Ungleichheit in Deutschland ist produktiv, weil sie Anreize bietet, Risiken einzugehen, Unternehmen zu gründen, sozial aufzusteigen und viel zu arbeiten“, sagt der promovierte Soziologe und habilitierte Politikwissenschaftler. In den Vermögensdaten fehlen ihm die gesetzlichen Rentenansprüche. „Marcel Fratzscher hätte das Buch auch auf drei bis vier Seiten schreiben können statt auf 260 Seiten, weil er seine Kernthese immer nur wiederholt“, sagt Schroeder. Dies sieht er als Vorbereitung eines Themas für die Bundestagswahl. „Das Buch dient dazu, Umverteilungsstrategien zu rechtfertigen“, sagt er. „Die Menschen sollen jeden Tag hören, dass Deutschland ungleich ist und die Armen ärmer werden – bis sie es glauben.“

          Einfache Formeln zu einseitig

          Ihm missfällt die Diskussion um die Gründe, warum ärmere Menschen früher sterben. „Menschen mit einem ungesunden Lebenswandel, die sich um nichts kümmern, steigen auch sozial nicht auf und verdienen auch nicht viel, werden häufiger krank und sterben früher. Die einfache Formel, Arme seien häufiger krank und sterben früher, weil sie arm sind, ist zu einseitig gedacht“, sagt Schroeder. Der Aussage, dass der soziale Aufstieg in Deutschland nicht funktioniert, hält er den Anteil der Studienberechtigten unter jungen Menschen entgegen, der von einem Drittel im Jahr 1990 auf die Hälfte im Jahr 2014 gestiegen ist.

          Der Berliner Professor Klaus Schröder:  „Die Menschen sollen jeden Tag hören, dass Deutschland ungleich ist und die Armen ärmer werden – bis sie es glauben.“
          Der Berliner Professor Klaus Schröder: „Die Menschen sollen jeden Tag hören, dass Deutschland ungleich ist und die Armen ärmer werden – bis sie es glauben.“ : Bild: dpa

          Was ihm das Fratzscher-Buch gebracht habe? „Ich habe durch die Lektüre gelernt, dass die ‚Krankschreibung‘ der Bundesrepublik ohne Belege möglich ist“, sagt Schroeder. „Als Dissertation würde das Buch wohl kaum durchgehen.“ Das Werk des DIW-Präsidenten genügt für ihn jedenfalls hohen wissenschaftlichen Ansprüchen nicht, da nur eine Behauptung referiert und nicht auf die Bandbreite möglicher Argumentationen eingegangen werde. „Von einem Ökonomen, der ein Institut leitet, hätte ich mehr Diskussion kontroverser Positionen erwartet.“

          An einer Stelle indes pflichtet er dem DIW-Präsidenten bei. „Ich stimme mit ihm überein, dass Deutschland keine Aktienkultur hat, aber das wird ja gerade von der linken Seite als Teufelszeug verurteilt.“ Deutschland kommt im Vergleich mit anderen Ländern auf geringe Vermögenswerte. Das führt Schroeder auf die Nachkriegszeit zurück, in der vieles zerstört war und die Währungsreform das Geldkapital verringerte. Nach der Wiedervereinigung musste die DDR herangeführt werden, deren Geschichte er mit dem Forschungsverbund SED-Staat untersucht. Das durchschnittliche Geldvermögen der Menschen in der DDR habe bei 19 Prozent des westlichen Niveaus gelegen, berichtet er. Der Umtausch von DDR-Mark auf D-Mark habe gezeigt: 10 Prozent der Konteninhaber in der DDR besaßen 60 Prozent des Geldvermögens. Damit war die Ungleichheit in der DDR nicht höher als im Westen, doch das Wachstum im Osten in der Regel niedriger.

          Anteil der Spitzenverdiener  gering

          „Ungleichheit ist unverzichtbar zur Schaffung und Vermehrung von Wohlstand und Wachstum“, sagt Schroeder. Aber die Ungleichheit dürfe eine gewisse Linie nicht überschreiten. „Es darf nicht empörend ungerecht sein.“ Er erwähnt die Millionengehälter von Bankern, Sportlern und Künstlern, die seine Vorstellungskraft sprengten. Doch der Anteil der Spitzenverdiener an der Bevölkerung sei gering. Weniger als 1 Prozent zahlen den Spitzensteuersatz hierzulande („Reichensteuer“), der ab einem Jahreseinkommen von etwa 250.000 Euro und 500.000 Euro bei Zusammenveranlagung beginnt. Absolute Armut beobachtet er hierzulande jedenfalls nicht. Allerdings erwartet der Politikwissenschaftler, dass sich die Zahl der Asylbewerber auf die Verteilung auswirken dürfte. „Durch die Flüchtlinge wird die Ungleichheit ein wenig steigen“, sagt Schroeder. Die damit verbundenen Kosten hält er derzeit durch steigende Steuereinnahmen für finanzierbar, aber es werde die soziale Lage kurzfristig verschlechtern. „Dann können die Fratzschers wieder mehr Umverteilung fordern.“

          In diesem Sommer bietet Schroeder an der Universität abermals ein Seminar über den Sozialstaat an. Was verbinden Studenten mit dem Begriff? Als Antwort höre er, dass der Sozialstaat abgebaut wird oder es ihn kaum noch gebe. Dann fragt Schroeder nach der Höhe aller sozialen Leistungen in Deutschland: Maximal werden diese auf 50 bis 100 Milliarden Euro geschätzt. Dabei kommen die Sozialausgaben in Deutschland im Jahr 2014 auf fast 850 Milliarden Euro. „Das ist der gleiche Effekt wie bei Bewertung der DDR: Es werden Urteile ohne Wissen gefällt“, sagt Schroeder. Am Ende des Seminars frage er wieder, wie sie den Sozialstaat sehen. Dann fielen die Antworten anders aus.

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